Berührende Worte

Am Todestag der Frau: Ehemann schreibt Essener Ärzten Brief

So behält Fritz Goroncy seine Frau Elke in Erinnerung: Im Urlaub am Gardasee, sie lächelt glücklich in die Abendsonne, ein Glas Weißwein in der Hand.

So behält Fritz Goroncy seine Frau Elke in Erinnerung: Im Urlaub am Gardasee, sie lächelt glücklich in die Abendsonne, ein Glas Weißwein in der Hand.

Foto: Ralf Rottmann

Essen.  An dem Tag, als Elke Goroncy im Alfried-Krupp-Krankenhaus in Essen stirbt, schreibt ihr Mann Fritz dem Ärzteteam einen berührenden Brief.

Am Tag, nachdem Fritz Goroncy seine Frau Elke beerdigen musste, wären sie 29 Jahre zusammen gewesen, und in diesem Sommer 20 Jahre verheiratet. „Wir haben eine schöne Zeit gehabt“, sagt Fritz Goroncy, „und so viel Freude erfahren“. So fängt die Geschichte an, die er gern erzählen möchte, es ist ihr erster Satz. Elke, die Mutter seiner Kinder, die Frau, die für ihn „die Richtige“ war, wurde nur 44 Jahre alt. Doch bei allem Schmerz, von dem Fritz Goroncy ahnt, dass er „nie vergehen“ wird: „Ich will sagen, wie dankbar ich bin.“

„Dankeschön“, so fängt sein Brief an. Fritz Goroncy hat ihn geschrieben am Todestag seiner Frau. Es war der 5. Juni, ein Mittwoch, als sie einschlief im Beisein ihres Mannes und ihrer beiden Söhne, Fritz (19) und Philipp (16). Goroncy kam gerade aus dem Krankenhaus in Essen, „es ging mir so in den Füller“, er schrieb in großen, schwungvollen Buchstaben; irgendwann ging ihm die Tinte aus, da wechselt ihre Farbe von Lila auf Blau. „Ich bin dankbar für den Einsatz von Pflegern, Krankenschwestern und Medizinern, die sich um meine Frau gekümmert haben. Wir waren umsorgt von Menschen, die alles möglich Gute getan haben, diesen schweren Weg mit meiner lieben Frau zu gehen.“

„Aber was sie immer hatte, war ihr Lächeln.“

Fritz Goroncy hadert nicht, er sagt, so war auch Elke nicht. „Von Stöhnen und Jammern haben wir beide nicht viel gehalten“, sagt er, und auch die Frage nach dem Warum „hilft keinem etwas“. Es war zu früh, keine Frage, „der Tod passt nie.“ Das sind die starken Momente, in denen er das sagt, die schwächeren sind die, wenn er von Elke erzählt, dann verliert seine Stimme an Kraft, und Tränen fließen. Sein Blick geht dann zu diesem letzten Foto: Elke im Urlaub am Gardasee, sie lächelt glücklich in die Abendsonne, ein Glas Weißwein in der Hand. In ihren letzten Monaten, sagt Goroncy, konnte sie nicht mehr essen, trinken, nicht mehr sprechen, „aber was sie immer hatte, war ihr Lächeln.“

Dabei hat „die Krankheit ihr alles genommen“, und es ging so schnell. Im Februar bekam Elke Goroncy Sehstörungen, und sie konnte nicht mehr richtig schlucken, am 25. ging sie zum Arzt, am 27. kam die Diagnose, am 28. lieferte man sie ein ins Alfried-Krupp-Krankenhaus: Sie hatte ein Aneurysma, ein Blutgefäß im Gehirn hatte sich gefährlich erweitert. Drei Zentimeter war es schon groß, so schwere Fälle, sagten die Ärzte in der Klinik, erlebten sie sehr selten. „Wir können nicht warten“, sagten sie, aber operieren konnten sie es auch nicht. „Im Kopf ist die Bombe“, sagt Fritz Goroncy heute nüchtern, „und man kommt da nicht hin.“ Die Mediziner verschlossen Arterien, damit das Aneurysma sich nicht weiter füllte, Goroncy kam jeden Tag aus Drensteinfurt, 101 Tage lang.

Alles getan, was möglich war

„Wir haben immer Hoffnung gehabt“, sagt er, der nie nach Wahrscheinlichkeiten, nach Prozenten fragte. Er lernte, dass „stabil“ heißt, „dass sie lebt, nicht mehr und nicht weniger“. Und dass „schlecht stabil“ heißt, „sie lebt, aber es gibt nicht viel Hoffnung“. Goroncy, das schreibt er später in seinem Brief, weiß, dass es für ihn als Ehemann „nicht immer leicht“ ist, vielleicht sogar unmöglich, „die Dinge objektiv zu betrachten“. Sie hätten sich auch unterschiedlich angefühlt. Je nachdem, wie wach seine Frau war, wie stark ihr Lächeln. Sie malten sich ein Alphabet, um sich verständigen zu können, aber wenn er hinter ihr lief und den Rollstuhl schob durch den Klinikpark, dann blieben sie stumm.

Die Ärzte, sagt Fritz Goroncy, hätten keine falschen Versprechungen gemacht, aber manchmal „berechtigte Hoffnung“. Sie erklärten den Jungen, was mit der Mama passierte, sie zeichneten es auf ein Blatt Papier, auch, was sie selbst versuchten in vier Eingriffen, um die Mutter zu retten. „Ich habe in diesem Krankenhaus Mediziner erlebt, die alles getan haben, was möglich war. Schwestern und Pfleger, die sich fürsorglich um meine Frau gekümmert haben.“ Auch deshalb hat er seinen Brief geschrieben, er hat es Elke in ihren letzten Tagen versprochen: „Ich wollte, dass man ihnen einfach mal dankt.“

„Wir müssen uns darüber im Klaren sein, wie gut wir versorgt sind.“

Goroncy erlebte aber auch etwas anderes: Angehörige anderer Patienten, die sich beschwerten, die „rebellierten“, sagt er. Die saßen und warteten wie er, und nicht sahen, „wie viel Arbeit das ist“. „Ich war erschrocken über das Verhalten mancher Angehöriger im Wartebereich der Intensivstation, ungeduldig und teilweise verletzend dem Personal gegenüber.“ Deshalb ist es ihm ein Bedürfnis, auch das zu sagen: „Wir sind gewohnt in unserer Gesellschaft, unseren Unmut kund zu tun. Leider vergessen wir zunehmend, was für medizinische Möglichkeiten und welch großartige Menschen uns zur Verfügung stehen.“ Natürlich hat er gesehen, was das Personal leisten musste auf der Intensivstation mit ihren 38 Betten. Dass die Arbeit am Wochenende auf noch weniger Schultern lastete. „Aber wir müssen uns darüber im Klaren sein, wie gut wir versorgt sind.“ Fritz Goroncy hat viel an Afrika gedacht in jener Zeit, an Frauen, die zwei, drei Tage zu Fuß gehen müssen zu einem Arzt. „Und dann stirbt das kranke Kind doch in ihren Armen.“

Der 52-Jährige ist Ärzten begegnet, die sich entschuldigten für ein Bett, das nicht frei war. Die nach Dienstschluss noch blieben, um nach seiner Frau zu sehen. Die samstags ein MRT machten, damit Elke nicht zwei Tage verlor. Und die weinten – es war Ende Mai, sie standen beisammen in einem kleinen Raum im Krankenhaus –, als sie ihm sagen mussten: „Wir können nichts mehr für Ihre Frau tun.“ Sie war ins Koma gefallen, eingeschlafen, dachte Fritz Goroncy, der an ihrem Bett gesessen hatte. „Soll sie sich gesund schlafen“, hatte er noch gesagt. Aber sie schlief sich nicht mehr gesund, das Aneurysma war gewachsen, es gab eine Hirnblutung. Und keine Rettung mehr, „ich konnte nicht davon ausgehen, dass es wird.“ Den Medizinern sagte er: „Wir wissen, dass Sie alles getan haben.“

„Ein Lächeln im Gesicht derjenigen, die an ihn denken.“

Elke Goroncy hat nicht gewusst, dass es zu Ende ging, und das war gut so, sagt ihr Mann. Noch als sie im Koma lag, sprach er ihr Mut zu: „Mach dir keine Sorgen!“ Ob sie das noch gehört hat, fragt er sich selbst. „Sie hat es gehört.“ So wie sie verstand, als er kurz zuvor mit der Patientenverfügung an ihr Bett kam. „Es ist wie mit einem Testament“, sagte er ihr. „Man hat es zuhause und muss deshalb auch nicht morgen sterben.“

Dass Elke doch sterben würde und so bald, kam dann doch unerwartet. Fast hatte er sich daran gewöhnt, dass seine Frau daliegt und schläft, es war ihm vertraut geworden. „Ich hätte mir gewünscht, dass ich sie nicht loslassen muss.“

Sie haben sie aufgebahrt in einer kleinen Kapelle in der Nähe, haben Abschied genommen nur mit der Familie und engsten Freunden, „das hätte ihr gefallen.“ Neben dem Sarg stand ihr Foto, auf dem Trauerkärtchen steht dieser Satz: „Das Schönste, was ein Mensch hinterlassen kann, ist ein Lächeln im Gesicht derjenigen, die an ihn denken.“

„Mit der Zeit wird die Dankbarkeit größer.“

Fritz Goroncy weiß, dass die Frau an seiner Seite nicht zu ersetzen ist. Die er kennengelernt hatte, als sie 15 war und Aushilfe in seinem Gartenbaubetrieb. Alles auf ihrem Grundstück in Drensteinfurt erinnert an Elke, das Haus, das sie gebaut haben, die gemütliche Terrasse am Kräuterbeet, wo sie abends saßen bei einem Glas Wein. Auch dem Unternehmen fehlt sie: Sie hat es mit aufgebaut über die Jahre und die Finanzbuchhaltung gemacht.

„Der Schmerz wird nie vergehen“, sagt Fritz Goroncy, „in 100 Jahren nicht. Aber mit der Zeit wird die Dankbarkeit größer.“

>>>Aneurysma – Tödliche Gefahr in den Adern

Ein Aneurysma ist die Ausweitung eines Blutgefäßes, hervorgerufen durch eine Schwäche der Gefäßwand. Es entsteht etwa in der Hauptschlagader (Aorta), den Gehirn- oder Beinarterien. Ursächlich ist häufig Arterienverkalkung, doch gibt es auch angeborene Formen. Platzt oder reißt ein Aneurysma, kommt es zu lebensgefährlichen inneren Blutungen.

Betroffen sind vier bis acht Prozent der Männer über 65 und 0,5 bis 1,5 Prozent der Frauen dieses Alters. Mehr als 50 Prozent der Aneurysmen entstehen an der Bauchaorta. Bleibt ein Aneurysma unentdeckt und reißt, sind die Folgen oft tödlich, rund 80 Prozent der Betroffenen sterben. Auch die Gefahr von bleibenden Schäden ist bei den Überlebenden hoch.

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