Inklusion

„Tag der Begegnung“: Keiner muss sich verstecken

Ein Treffen auf Augenhöhe:  Dieser Junge im Rollstuhl war vor zwei Jahren beim „Tag der Begegnung“ zu Gast.

Ein Treffen auf Augenhöhe: Dieser Junge im Rollstuhl war vor zwei Jahren beim „Tag der Begegnung“ zu Gast.

Foto: Nola Bunke/LVR

Köln/Essen/Duisburg.  Heute feiert der LVR den „20. Tag der Begegnung“ – Europas größtes Fest für Menschen mit und ohne Behinderung. Wir sprachen mit Teilnehmern.

Alles begann als Akt des Protests. Am 8. Januar 1998 erhielt ein Musiklehrer aus dem Kreis Düren, der gegen den Landschaftsverband Rheinland (LVR) geklagt hatte, in Teilen Recht. Die geistig behinderten Männer einer Wohngruppe in Trägerschaft des LVR, die auf dem Nachbargrundstück des Lehrers lebten, durften demnach nur noch zu festgelegten Zeiten „unartikulierte Laute“ von sich geben. Der als „Maulkorb-Urteil“ bekannt gewordene Entscheid des OLG Köln gab den Anstoß zum ersten LVR-„Tag der Begegnung“, der noch im gleichen Jahr stattfand.

Anfangs jährlich, später im Zwei-Jahres-Rhythmus, erst in Xanten, dann in Essen, seit 2013 in Köln, treffen seitdem Menschen mit und ohne Behinderung zusammen, um einander kennenzulernen und gemeinsam zu feiern. Anfangs mit 5000 Besuchern, inzwischen ist der „Tag der Begegnung“ mit über 40 000 Gästen zu Europas größtem Fest im Zeichen der Inklusion geworden.

Mit den Schülern ein so großartiges Projekt stemmen

Eine Frau der ersten Stunde ist Andrea Wiessiolek. Die Lehrerin, die seit 25 Jahren am Rheinisch-Westfälischen Berufskolleg Essen (einer Förderschule mit dem Schwerpunkt Hören und Kommunikation) Gestaltungstechnik und Kunst unterrichtet, war bereits bei der Premiere dabei. „Schon da hat mich beeindruckt, wie man sich dort auf Augenhöhe begegnet“, sagt die 52-Jährige, „damals war es hauptsächlich noch ein großes Treffen für alle Institutionen des LVR und deren Angehörige.“

In der Rückschau sagt sie: „Für mich war jedes Jahr besonders, anfangs hatte unsere Schule ein eigenes Schulzelt, wo man die Gelegenheit hatte, mit den Schülern gemeinsam ein so großartiges Projekt zu stemmen. Jedes Mal mit einem eigenen Motto und vielen Mitmachaktionen aus den verschiedenen Gewerken unserer Schule.“ Seit 2017 koordiniert Andrea Wiessiolek den Auftritt aller LVR-Schulen, von 41 sind diesmal 15 dabei: „Auch für viele ehemalige Schüler ist das eine Anlaufstelle.“

Die Tore öffnen und über den Tellerrand hinausschauen!

Zwar habe sich die Gesellschaft weiterentwickelt, was das Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung anginge, aber nach wie vor existierten auch Berührungsängste oder gar Ressentiments: „Wir dürfen nicht nachlassen! Wir müssen die Tore öffnen und über den Tellerrand hinausschauen!“

Anders als Andrea Wiessiolek kann sich Cassandra Mae Spittmann an ihren ersten „Tag der Begegnung“ nicht mehr erinnern. Und auch an den zweiten nicht mehr. Damals, als die Duisburgerin mit Mutter Daniela, Vater Bodo und ihrem großen Bruder Sebastian zum Fest nach Xanten fuhr, war sie noch ein Kindergartenkind. Am heutigen Samstag in Köln wird die 17-Jährige zum dritten Mal dabei sein. Nicht bloß als Besucherin, sondern als Mitwirkende. Unter ihrem Künstlernamen CassMae tritt die junge Singer-Songwriterin nachmittags auf der Parkbühne auf, abends kann man sie noch einmal beim Finale des Fests auf der Tanzbrunnenbühne erleben.

Musik hilft, meine Gedanken und Gefühle zu sortieren

„Meine Musik ist für mich eine Art Tagebuch“, erzählt sie, „sie hilft mir, meine Gedanken und meine Gefühle zu sortieren. Manchmal ist das fiktiv, manchmal auch nicht.“ Mit drei Jahren entdeckte sie die Magie afrikanischer Trommeln, später kamen dann Keyboard und Piano hinzu, Gitarre, Cajón und Djembé.

Als sie ihren ersten eigenen Song schrieb, war sie sechs: „Das war ein Stück für meinen Vater zum Geburtstag.“ Inzwischen ist ihr Englisch für ihre Songs lieber, mitunter mischt sie auch Sätze auf Hindi hinein: „Mich fasziniert Indien. Später, nach dem Abi, möchte ich unbedingt in dieses Land reisen.“ Einfach wird das nicht werden. Denn Cassie, wie ihre Familie und ihre Freunde sie nennen, ist von Geburt an blind. Aber ihre Mutter ist zuversichtlich, dass sich auch das realisieren lässt.

Ein Lied gegen Mobbing in der Schule

Früher hat sie mit ihrer Mutter zusammen in einem Gospelchor gesungen. Heute trägt ihre Stimme sie allein. Es ist eine unheimlich kraftvolle, starke Stimme, in der all die Leidenschaft für Musik mitschwingt. Wer eines ihrer Stücke wie „Devotion“, „My Inner Peace“ oder „Bullies“ hört, der glaubt, hier ginge eine Soulsängerin Mitte 20 sehr professionell zu Werke. Und ist umso überraschter, diesem noch sehr zarten und zierlichen Mädchen zu begegnen.

Stärke lässt sich erlernen. „Ich tue das, was ich tun kann und was ich tun muss, aber ich muss noch selbstständiger werden“, weiß Cassandra. „Wenn jemand zu mir sagt, ich sei behindert, dann ist das so“, sagt sie selbstbewusst, „aber ich mag das Wort nicht so gerne. Mittlerweile erlebe ich oft, wenn Leute, das lesen, was ich über Social Media poste, hinterher ganz erstaunt sind: ,Oh, du bist ja blind! Wieso kannst du das?‘“

Ihre Texte und Nachrichten schreibt sie auf der Braillezeile, einer speziellen Tastatur, die Zeichen in ausgewählten Bildschirmbereichen auslesen und in Computer-Blindenschrift darstellen kann.

Toleranz ist ein hohes Gut

Die Idee, gemeinsam einen Tag der Begegnung zu feiern, gefällt ihr: „Ich finde das gut, weil das so vielfältig ist. Vielfalt ist genau das, was ich mag: das alles Mögliche toleriert und berücksichtigt und zum Thema gemacht wird. Es gibt so viele unterschiedliche Musikstile und Kulturen, aber auch so viele Menschen, die glauben, dass sie sich verstecken müssen, und das, was sie bewegt, nicht in die Öffentlichkeit tragen.“

Eins ihrer Stücke handelt vom Leistungsdruck innerhalb der Familie. Ein anderes erzählt von Bulimie. Und ein drittes kreist ums schwul-lesbische Coming-out. Das sind die fiktiven Songs.„Bullies“ ist nicht fiktiv. Hier geht es geht es darum, wie es sich anfühlt, wenn man ausgegrenzt wird. Nicht nur, weil man blind ist. Manchmal fühlt es sich auch heute noch so an. Weil man, als Sängerin und Songschreiberin, als eine, die viele Wettbewerbe und Preise gewonnen hat, auf vielen Festivals, in Clubs und Konzerthallen aufgetreten ist, und dafür viel Lob einheimste, im Mittelpunkt steht.

>>>Volles Programm auf vier Bühnen

„20. Tag der Begegnung“, Samstag, 25. Mai, 11-20 Uhr, Rheinpark Köln. Eintritt frei. Lageplan (GPS): http://cn.gt/begegnen. Kostenfreie Shuttlebusse für mobilitätseingeschränkte Besucher von Hauptbahnhof bis Rheinpark, 10-21 Uhr nach Bedarf. Empfohlen wird die Anreise mit ÖPNV (bis Bhf Deutz).

Auf vier Bühnen gibt es, übersetzt in Gebärdensprache, neun Stunden lang Programm mit Konzerten, Tanz und Artistik, Theater, Poesie und Comedy und Mitmachaktionen für die ganze Familie.

Tanzbrunnenbühne (13-20 Uhr): Hier tritt um 16 Uhr die Band „Just For Fun“ auf, die aus der inklusiven Arbeit der Musikschule Bochum hervorging, eine Großformation mit 35 Musikern. Finale um 18 Uhr u.a. mit: Culcha Candela, Leslie Clio, Jochen Distelmeyer (Blumfeld) und Sängerin CassMae.

Zum Ende des Jahres 2017 lebten circa 7,8 Millionen Menschen mit Behinderungen in Deutschland. Davon circa 1,82 Millionen in Nordrhein-Westfalen. (Quelle: Institut für Menschenrechte, Statistisches Bundesamt). Zum gleichen Zeitpunkt hatte Deutschland 82,79 Millionen Einwohner, in NRW 17,91 Millionen Menschen. In Prozent umgerechnet bedeutet das: Mehr als jeder zehnte Einwohner in NRW ist ein Mensch mit Behinderung.

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