Ruhestandsberatung

So wird die Rente nicht zum Sprung ins Ungewisse

Von Ruhe oft keine Spur: Wer richtig plant, kann im Ruhestand all die Dinge machen, die er zuvor nicht geschafft hat

Von Ruhe oft keine Spur: Wer richtig plant, kann im Ruhestand all die Dinge machen, die er zuvor nicht geschafft hat

Bochum.   Perspektivcoaches helfen dabei, rechtzeitig vor dem Ruhestand Aufgaben und Perspektiven für ein erfülltes Leben nach der Berufszeit zu finden.

Endlich in Rente! Für einige Menschen mag dieser Satz himmlisch klingen. Andere hingegen verschwenden vor dem Tag X abseits der Finanzplanung kaum einen Gedanken an den Ruhestand – oder sehen ihm gar mit Ängsten entgegen. Dabei kann er „Die beste Zeit Ihres Lebens“ werden, wie US-Autor Ernie J. Zelinski in seinem neuen Buch feststellt (s.u.). Auch in unserer Region kümmern sich Experten darum, wie man nach der Erwerbstätigkeit zufrieden bleibt. Georg Howahl sprach mit Perspektivcoach Dirk Kuntscher (52) von der Unternehmensberatung „bkp Team“ darüber, wie man sich gut vorbereitet.

Herr Kuntscher, man kümmert sich ja hauptsächlich um finanzielle Aspekte des Ruhestands, aber nicht um die Lebensgestaltung. Warum wird dieser Aspekt so oft vernachlässigt?

Kuntscher: Das hat oft mit Befürchtungen und Ängsten zu tun, wie es wohl wird, wenn die Arbeit nicht mehr da ist. Vielen ist auch nicht klar, dass die Arbeit eine Art Identitätssäule ist: Man definiert sich darüber und hat vieles drum herum über die Jahre aufgebaut. Das soziale Umfeld besteht ja oft auch aus Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen. Und das ist dann auf einmal weg oder zumindest nicht mehr so regelmäßig da..

Wie gehen Sie an die Ruhestandsberatung heran?

Wir arbeiten mit dem Instrument der Identitätssäulen, entwickelt vom Psychologen H. G. Petzold. Arbeit ist natürlich eine wichtige Identitätssäule. Wenn sich da was verändert, dann verändern sich viele naheliegende Themen auch: das soziale Umfeld und die materielle Sicherheit, aber auch Werte und Sinn. Da wird ein neues Fundament gelegt. Und das sollte nicht erst nach dem Ausscheiden aus dem Erwerbsleben passieren sondern schon in der letzten Erwerbsphase. Es geht darum, den Übergang möglichst friktionsfrei zu gestalten

Die Veränderungen betreffen also viele Aspekte des Lebens?

Es geht darum, das Thema Ruhestand ganzheitlich zu erfassen. Die meisten denken, es ginge nur darum, mal zu gucken, was man statt Arbeit machen könnte. Da stellt sich oft der erste Überraschungseffekt ein. Dann erkennen sie: Ach nee, es ändert sich ja auch mein soziales Umfeld. Meine Einkünfte verändern sich. Und: Ich gehe jetzt jeden Tag meiner Frau auf die Nerven, zumindest ist das bei manchen Männern in der etwas älteren Generation so.

Was für verschiedene Einstellungen begegnen Ihnen bei der Ruhestandsberatung?

Es gibt eine Fraktion, die hat alles geplant, das sind aber ganz wenige. Die wissen nicht nur, dass sie sich einen Hund kaufen werden, sondern auch welchen. Und die haben schon die Hundebox gekauft. Die überwiegende Mehrheit muss sich dann erst überlegen: Wie könnte denn meine Zukunft aussehen? Wir geben bei unseren Vorbereitungsmaßnahmen

deutlich zu verstehen, dass Zukunft nicht einfach kommt, sondern dass die Zukunft von uns selbst gemacht wird.

Was sind typische Fragen, die man sich stellen sollte?

Wir beginnen ja mit unseren Aktivitäten ja schon vor dem Ruhestand, also in der letzten Erwerbsphase.

Wir reflektieren unter anderem folgende Themen: Wie soll meine Zukunft aussehen? Was kann ich mir vorstellen? Was will ich? Was kann ich noch geben? Was erwarte ich aber auch von meinem Arbeitgeber? Das muss in Gesprächen thematisiert werden.

Sie haben also auch im Hinterkopf, dass man nach Renteneintritt weiter tätig sein kann?

Vielen Arbeitnehmern fällt nach einiger Zeit in Rente auf, dass der Beruf fehlt. Das ist meist nach ein paar Monaten, nach langen Urlauben und nachdem der Garten auf Vordermann gebracht worden ist.

Es geht dann vom Erwerbszwang zur Beschäftigungslust. Diese Leute müssten dann nicht mehr arbeiten gehen, tun es aber trotzdem. Oft in Jobs, für die sie überqualifiziert sind - weil ihre alte Stelle schon wiederbesetzt wurde.

Man könnte in der Rente alles machen, was man schon immer tun wollte. Was sind die Vorsätze, die Ihnen am häufigsten begegnen?

Viele wollen sich gern ehrenamtlich engagieren. Aber auch Reisen ist ein Thema. Und alles was mit der Familie zu tun hat oder mit sozialen Kontakten, weil man oft sagt: Da war ich in meiner beruflichen Zeit zu eingeschränkt. Da gibt es häufig die Pläne, dass man Verwandte und Freunde besucht. Aber es ist immer sehr individuell. Es gibt auch Menschen, die den Garten umgestalten oder am Haus jede Menge machen wollen. Aber wenn man das Haus dann schon dreimal umgedreht hat und nicht unbedingt noch mal den Rasen kämmen muss, würden viele auch noch in Teilzeit ihre Fähigkeiten einem Arbeitgeber zur Verfügung stellen.

Haben Sie erlebt, dass Menschen mit der Rente in ein emotionales Loch fallen?

Der Übergang in die Rente ist eine sehr emotionale Situation. Ich kenne aus vielen Prozessen, dass auch bei Männern dann mal Tränchen fließen. Man glaubt es gar nicht, wenn man nur von außen darauf schaut. Es gibt aber auch Fälle, in denen solch ein „Loch“ droht.

Von einer österreichischen Studie wissen wir zudem, dass eine „plötzliche“ Verrentung ein höheres Sterberisiko nach sich ziehen kann.

Wir haben in der Coaching-Ausbildung Indikatoren kennengelernt dafür kennengelernt. Und wir wissen, wann es besser ist, jemandem vielleicht sogar einen Therapeuten zu empfehlen.

>>>Guter Ratgeber zur Vorbereitung auf den Ruhestand

Stellen Sie sich vor: Morgen früh wachen Sie auf – und sind plötzlich im Ruhestand. Eine besorgniserregende Vorstellung? Für manche sicherlich. Ihnen allen sei der Ratgeber „Die beste Zeit Ihres Lebens“ empfohlen, in dem US-Autor Ernie J. Zelinski eine Anleitung dazu gibt, „glücklich, wild und frei in den Ruhestand“ zu starten. Es ist nicht nur ein umsichtiger Ratgeber, sondern ein echtes Mutmach-Buch. Denn Zelinski stellt uns Menschen vor, die erst durch den Ruhestand gelernt haben, ihre wahren Leidenschaften zu entdecken. Eine dieser Frauen zog sich schon mit 36 Jahren von ihrem Vollzeitjob zurück – obwohl sie keine gewaltigen finanziellen Rücklagen hatte. „Ruhestand bedeutet, alles tun können, was ich möchte“, zitiert er die Frau, die ihre Freizeit unter anderem mit Lesen, Gärtnern und Reiten verbringt.

Zelinski breitet alle Vorteile des Ruhestands detailliert aus, er verdeutlicht, dass Lebenszufriedenheit in viel stärkerem Maße vom sozialen Umfeld und der Verwirklichung der eigenen Interessen abhängt, als von großen materiellen Gütern – vorausgesetzt, die Gesundheit spielt mit. Das Beste: Er eröffnet den Blick für die große Freiheit in allen Lebensbereichen, wenn man nicht mehr durch die Arbeit gebunden ist.

Für eine hübsche Ironie sorgte das Leben von Zelinski selbst: Vor gut 20 Jahren wurde er als Ingenieur entlassen und musste sich mit eigenen Lebensperspektiven auseinandersetzten. Von dem, was er gelernt hat, können wir heute profitieren.

  • Ernie J. Zelinski: Die beste Zeit Ihres Lebens - Glücklich, wild und frei in den Ruhestand starten, Wiley-VCH, 248 Seiten, 14,99 €

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