Narzissmus

Selbstverliebte Menschen sind besonders erfolgreich

Ein Traum jedes Narzissten: Wann stehe ich wieder im Rampenlicht?

Ein Traum jedes Narzissten: Wann stehe ich wieder im Rampenlicht?

Foto: Reuters

Essen.   Eigentlich kann keiner selbstverliebte Menschen leiden. Doch warum sind sie dann trotzdem so erfolgreich? Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Narzissten auf den ersten Blick besonders attraktiv wirken. Doch am Ende stürzen sie über ihre Selbstliebe.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Klaus war der nächste in der Vorstellungsrunde. Der Mann war der Personalleiterin sofort aufgefallen: Während die anderen Bewerber ihrem Blick auswichen, hielt er ihm stand. Und nicht nur das: Er lächelte ihr auch noch zu – so charmant, dass sie selbst seinem Blick fast auswich. Dann schritt er auf das Auswahlkomitee zu, straffte die Schultern und sagte mit fester Stimme: „Ich bin Ihr Mann.“

Einige Wissenschaftler meinen, dass jeder Mensch narzisstisch ist. Die einen weniger, die anderen umso mehr. Obwohl eigentlich keiner selbstverliebte Menschen leiden kann, sind es gerade die Narzissten, die beeindrucken, denen zugehört wird, die attraktiv erscheinen oder die eine Karriereleiter hinaufklettern. Narzissten sind oft erfolgreich. Doch am Ende stolpern viele über ihre eigene Selbstliebe.

Nazissten suchen die Bühne

Viele Narzissten können sich gut selbst darstellen, sie sind von sich, ihrem Können und ihrer Stärke überzeugt. Scheu vor Rampenlicht kennen sie nicht. Im Gegenteil: Sie gehen aus sich heraus, sie suchen die Bühne – bekommen, genießen und brauchen den Applaus. In der Psychologie beschreibt „Narzissmus“ eine Eigenschaft der Persönlichkeit, eine übersteigerte Form von Selbstliebe. Menschen, die narzisstisch sind, haben „das Gefühl, etwas Besonderes zu sein und etwas Besonderes verdient zu haben“, erklärt Mitja Back, Professor für Psychologische Diagnostik und Persönlichkeitspsychologie an der Universität Münster.

Back hat erforscht, dass sehr narzisstische Menschen beim Kennenlernen sogar besonders beliebt sind. Er beobachtete eine Gruppe von Studierenden, bei denen sich jeder einzeln vorstellen musste. Im Anschluss bewertete die Gruppe, wer sehr positiv gewirkt hat. Das Ergebnis: „Die Narzissten haben sich deutlich selbstbewusster verhalten. Sie haben charmanter geschaut und hatten auch mehr Humor.“ Alles Eigenschaften, die gut ankommen.

Streben nach Geld, Macht und Status

Wer gerne im Mittelpunkt steht und das Wort ergreift, dem traut man auch einiges zu. Da ist es nicht verwunderlich, dass Narzissten sehr erfolgreich sind, in der Politik, im Showgeschäft, in den Medien und in Führungspositionen. Studien bestätigen, dass man Narzissten gerne Verantwortung überträgt. „Narzissten werden oft als Leitungsfiguren gewählt. Die Menschen denken: Das sind Macher, das sind Eisbrecher“, sagt Back. Narzissten sind dafür bereit, überdurchschnittlich viel zu leisten. Wie Klaus, der in seiner neuen Firma schon bald das erste Projekt leiten darf. Manche sehen in Menschen wie ihn den Motor des Fortschritts.

„Die selbstverliebte Überzeugung, die einzig richtigen Ideen zu haben, alle Problemsituationen glasklar zu analysieren und stets die besten Entscheidungen zu treffen, befähigen ihn zu höheren Aufgaben, wo auch immer“, schreibt der Psychotherapeut Reinhard Haller in seinem Buch „Die Narzissmusfalle“. Unternehmensgründer sind oft narzisstisch. Das übersteigerte Selbstbewusstsein macht es ihnen leicht, an ihren Erfolg zu glauben. Im Gegensatz zu anderen Menschen streben sie vermehrt nach Geld, Macht und Status. So sichern sich die Selbstverliebten die Zustimmung ihrer Mitmenschen.

Männer sind (noch) narzisstischer als Frauen 

Wobei dies vermehrt für Männer gilt, bei denen der Narzissmus intensiver ausgeprägt ist. Vielleicht durch die Erwartungen, wie sie aufzutreten haben? Da jedoch auch immer mehr Frauen Karriere machen und sich dem männlichen Verhalten angleichen, gehen Forscher davon aus, dass sie narzisstischer werden. Oder ihre Selbstliebe zeigt sich anders: „Während es bei Männern um Leistung und Berufserfolg geht, steht bei Frauen stärker das Aussehen und die Auftretensweise im Mittelpunkt“, sagt der Bochumer Professor für Sozialpsychologie Hans-Werner Bierhoff.

Ein ausgeprägter Narzissmus geht einher mit dem starken Bedürfnis nach Anerkennung – und dem Ärger, wenn diese ausbleibt. „Narzissten wollen bewundert werden“, sagt Back, „sie sind nicht wirklich interessiert an anderen Menschen.“ Sie können keine Kritik vertragen. Selbstkritik ist ihnen fremd. Klaus: „Ich soll einen Fehler gemacht haben? Niemals!“ Und dann wird ein anfangs beliebter Mensch auf einmal anstrengend.

„Normalerweise wird ein Bild, das man sich einmal von einem Menschen gemacht hat, durch das nähere Kennenlernen gefestigt“, sagt Back. Nicht jedoch im Kontakt zu einem Narzissten. Wird der enger, wird der Narzisst oft als nervig empfunden. Bis es soweit ist, kann jedoch einige Zeit vergehen. Back hat Studierende in Kleingruppen zusammenarbeiten lassen, in denen sie Kompromisse eingehen mussten. Anschließend haben sich die Teilnehmer wieder gegenseitig bewertet: „Auf der einen Seite sind Narzissten ausdrucksstark und dominant, was positiv wahrgenommen wird. Doch auf der anderen Seite verhalten sie sich aggressiv und streitlustig, was negativ gesehen wird“, sagt Back. So gleicht die positive Wirkung anfangs die negative aus. „Erst viel später kippt das.“ In langfristigen Beziehungen ist es eben nicht mehr so wichtig, dass man sich gut darstellen kann. Dann sollte jemand auch zuhören, auf die Bedürfnisse des anderen eingehen. Doch das macht der Narzisst nicht – ob er nicht kann oder nicht will, darüber sind sich die Forscher bis heute nicht einig.

Narzissten werten andere Menschen ab

„Narzissmus mag für die Narzissten angenehm sein, aber nicht für die Menschen, die mit ihnen zu tun haben“, sagt der Psychologe Bierhoff. Rücksichtslos verfolgen sie ihre Ziele. Manche Narzissten wirken allerdings nur nach außen hin stark, im Inneren ist das Selbstwertgefühl etwa durch Kritik ins Wanken geraten. Dann strengen sie sich umso mehr an, um das eigene Bild vom einzigartigen Menschen aufrechtzuerhalten. Das gelingt ihnen, wenn sie den Erfolg von anderen abwerten, um sich so selbst zu erhöhen. Klaus zu einem Kollegen: „Also das habe ich schon als Praktikant gekonnt.“

Dieses egozentrische Verhalten bekommen auch Menschen zu spüren, die einen narzisstischen Partner haben. Zunächst finden sie ihn charmant, doch dann fühlen sie sich durch die Gefühlskälte wie vor den Kopf gestoßen. Klaus zur Freundin: „Ich weiß, dass du Geburtstag hast, aber wer hat die Regel aufgestellt, dass ich mit dir auch am gleichen Tag feiern muss?“

Unterwürfige Frauen fühlen sich zum Narzissten hingezogen

Ein Narzisst ist aber nur so lange erfolgreich, wie andere ihn lassen. So gibt es Paare, die ein Leben lang zusammenbleiben, obwohl einer der Partner narzisstisch ist. Meist ist es ein Mann, der eine unsichere Frau an sich bindet, wie Haller beschreibt: „Der Narzisst hat sich mit der ihm eigenen Sicherheit eine Frau gesucht, die ihn liebt, verehrt und vor allem bewundert, die sich an seiner Originalität entzückt und von seiner Einzigartigkeit tagtäglich aufs Neue begeistert ist. Sie betrachtet es – zumindest am Anfang – als außerordentliches Glück, dass dieser imponierende Mann gerade sie ausgewählt hat.“

In der Arbeitswelt hat es ein Narzisst noch leichter, wenn er eine hohe Position erreicht hat. Mag sein Verhalten kräftezehrend für seine Mitarbeiter sein, viele trauen sich nicht, ihm zu widersprechen. Sie haben Angst davor, bei dem schnell gekränkten Narzissten einen Wutausbruch auszulösen – oder sogar den Arbeitsplatz zu verlieren. Und dann lachen sie über seine Witze, obwohl sie gar nicht witzig sind. Sie loben ihn, statt sich zurückzuhalten. Und genau solch ein Verhalten stärkt wiederum den Narzissten: „Klaus – du hast immer noch die besten Ideen.“

Der kranke Narzisst zeigt kaum Mitgefühl 

So kann er wunderbar durchs Leben kommen. Schwierig wird es für ihn dann, wenn er sich überschätzt, wenn das Bild, das er von sich gemacht hat, nicht mehr mit der Realität übereinstimmt – und seine Mitmenschen ihn das auch noch spüren lassen. Wenn seine Freunde und Kollegen nicht mehr hören wollen, was andere alles falsch und er alles richtig macht. Wenn sie nicht länger bereit sind, ihm als applaudierendes Publikum zu dienen. Ein ausgeprägter Narzisst wird dieses Verhalten kaum verstehen, weil er sich nur schlecht in andere hineinversetzen kann. Klaus: „Was habt Ihr denn alle? Dann gehe ich eben alleine in die Kantine.“

Es können jedoch noch so viele Menschen einen Selbstverliebten schwierig finden. „Krank ist ein Narzisst erst dann, wenn er selbst im klinischen Sinne leidet“, betont Stefan Röpke. Die Hilfe des Facharztes für Psychiatrie und Psychotherapie an der Berliner Charité suchen Menschen mit einer „narzisstischen Persönlichkeitsstörung“ erst dann, wenn sie sich in einer Krise befinden. „Die Menschen kommen oft nach einem Arbeitsplatzverlust“, sagt Röpke, „oder nach einer Trennung.“ Für sie bricht eine Welt zusammen, weil die anderen nicht sehen, wie genial sie sind. Depressionen, Alkohol- und andere Drogenprobleme oder gar Selbstmordgedanken nennen diese Menschen als eigentlichen Grund, warum sie zu einem Arzt gehen.

In der Fantasie sieht sich der Narzisst als Held

Die übersteigerten Fantasien von der eigenen Großartigkeit sind beim krankhaften Narzissmus noch ausgeprägter: Ein Mann, der etwa nicht die Hauptschule geschafft hat, ist dann fest davon überzeugt, irgendwann den Nobelpreis zu gewinnen. „Er baut für sich in der Fantasie eine Welt auf, die nichts mit der Realität zu tun hat“, sagt Röpke. „Das sind Menschen, die ein niedriges Selbstwertgefühl verspüren, aber eine riesige Angst haben, das zu zeigen.“ Deshalb bauen sie eine Scheinwelt um sich auf, die ihnen hilft, sich gut zu fühlen. Doch dann kommen sie in Schwierigkeiten und die anderen Menschen entfernen sich von ihnen. Röpke: „Wenn Sie so einen Menschen als Kollegen haben, wird der Sie immer kritisieren, Sie immer abwerten und er wird wenig davon mitkriegen, wie es Ihnen wirklich geht.“ Auch die Partner solcher Menschen fühlen sich oft nicht gesehen und vermissen Mitgefühl.

Während es viele Studien und Bücher gibt, die Narzissmus als eine Eigenschaft der Persönlichkeit von gesunden Menschen beschreiben, sind Untersuchungen über Narzissmus als seelische Störung noch selten. Unter der Leitung von Stefan Röpke haben Forscher nun eine spannende Entdeckung gemacht: Sie verglichen Bilder des Gehirns aus dem Magnetresonanztomografen (MRT) von narzisstisch kranken Patienten mit denen von gesunden Menschen und kamen zu folgendem Ergebnis: „Narzissten haben in einem Bereich des Gehirns, der für die Fähigkeit des Mitgefühls mitverantwortlich ist, weniger graue Hirnsubstanz als andere Menschen.“ Dieser Teil der Großhirnrinde ist bei ihnen weit weniger entwickelt. Röpke: „Unser Gehirn hat die Fähigkeit, Dinge, die man viel braucht, besonders auszuprägen, während Dinge, die man weniger benutzt, ein bisschen verkümmern.“

Das Gehirn des Narzissten sieht anders aus

Die Forschung ist noch nicht so weit, dass man mit MRT-Bildern die Diagnose „Narzisstische Störung“ stellen kann. Aber das Ergebnis liefert weiteren Stoff für eine Diskussion unter Wissenschaftlern: Wird Narzissmus im Leben erlernt oder ist er angeboren? Röpke: „Die Frage ist noch offen: Wo kommt das her – und haben wir das alle ein bisschen?“ Manche Forscher gehen davon aus, dass Narzissmus teils genetisch verankert ist. Andere Theorien führen Narzissmus auf die Erziehung zurück. Experten sind sich zwar einig, dass eine gewisse Selbstliebe wichtig ist für das eigene Selbstvertrauen. Doch könnten Eltern den Narzissmus ihrer Kinder zu sehr fördern: Wenn sie etwa hohe Erwartungen an ihre Kinder stellen und zugleich wenig Mitgefühl zeigen, sobald die Ziele nicht erreicht werden. Oder Eltern verwöhnen ihre Kinder so sehr, dass dies bei ihnen zweierlei bewirkt: niedrige Frustrationstoleranz und überhöhte Anspruchshaltung.

Und auch so manche Lebenssituation kann den Narzissmus sogar noch im Erwachsenenalter fördern, meinen manche Forscher. Macht macht narzisstisch – wenn die Untergebenen keine Widerworte geben. „Ja, Klaus, du hast recht, kein Problem.“ War ein narzisstischer Chef schon als junger Mensch ein Narzisst – oder hat ihn erst seine Position zum Narzissten gemacht? Und mit Blick auf die kleinen und großen Stars am Pophimmel stellt sich die Frage: Wenn die Zuhörer sie so hochjubeln, wie sollen sie da nicht narzisstisch werden?

Es lässt sich kaum vermeiden – Narzissten trifft man überall. Doch wie geht man mit ihnen um, wenn es schwierig wird? Bierhoff empfiehlt, ihnen aus dem Weg zu gehen: Die Kollegen müssen mit Klaus ja nicht Kaffee trinken gehen. Sie können den Kontakt ja auf die Arbeit beschränken. Außerdem wollen viele Narzissten, die mit ihrer überheblichen Art anecken, irgendwann von selbst den Abstand: „Narzissten suchen sich immer wieder neue soziale Kontakte“, sagt Back. So können sie wieder eine neue Bühne betreten, um sich darzustellen und den Applaus zu ernten, der für sie so wichtig ist.

Vier Jahre später: Klaus ist fassungslos. Obwohl er für die Firma viele Erfolge erzielt hat, ist er bei der letzten Beförderung übergangen worden. Auf die Frage, wie das denn sein kann, hat die Personalleiterin ihn aus dem Büro geschmissen. Für ihn ist klar: „Die ist auch nur neidisch.“

Schon die alten Griechen kannten Narzissmus 

Narziss, der Sohn des Flussgottes Kephisos und der Wassernymphe Leiriope, wird von Frauen wie Männern gleichermaßen bewundert. Doch der stolze Jüngling, so die alte griechische Erzählung, wehrt jeden Annhäherungsversuch herzlos ab. Auch die Nymphe Echo hat keinen Erfolg bei Narziss. Er verspottet sie so sehr, dass sie menschenscheu wird, nichts mehr essen mag, bis auf die Knochen abmagert und schließlich stirbt. Nur noch ihre Stimme ist fortan zu hören – als Echo. Die Götter strafen Narziss mit unstillbarer Selbstliebe. Kaum sieht dieser sein Spiegelbild auf der Wasseroberfläche einer Quelle, ist es um ihn geschehen. Sein Durst nach ihm selbst ist unstillbar.

Narziss’ besorgte Mutter hatte das Schicksal ihres Jungen, der Herzen schmelzen lässt, bereits kurz nach der Geburt erahnen können. Sie fragte einen Seher, wie lange sein Leben dauern werde, und bekam zur Antwort: „So lange, bis er sich selbst erkennt.“

Das geschieht, als Narziss sich im Wasser sieht. Sein Ende ist nah, es wird jedoch unterschiedlich erzählt: In einer Geschichte erkennt er seine eigene Hässlichkeit und stirbt, in einer anderen versucht er sich selbst zu umarmen – und ertrinkt. Doch immer bringt ihn seine übersteigerte Selbstliebe zu Fall, wie es auch die Psychologie bis heute bei narzisstischen Menschen beschreibt.

Viele Künstler haben diesen Mythos aufgegriffen in Bildern und Büchern, darunter etwa die Fresken in Pompeji , die berühmten Gemälde von Caravaggio, „Die Wahlverwandtschaften“ von Goethe oder „Narziss und Goldmund“ von Hermann Hesse.

Ovid erzählt die Geschichte in seinen „Metamorphosen“

Aud der römische Dichter Ovid erzählt die Geschichte von Narziss, wie er sich in sein eigenes Spiegelbild verliebt: „Wie oft verschwendete er an die trügerische Quelle seine Küsse, wie oft tauchte er die Arme mitten in die Flut, um den Hals, den er sah, zu umfassen, und konnte doch sich selbst nicht ergreifen! Was er sieht, weiß er nicht; doch was er sieht, setzt ihn in Flammen. Seine Augen fesselt eben der Wahn, der sie täuscht.“

Als Narziss schließlich vor lauter Liebe zu sich selbst vergeht, beklagen seine Schwestern seinen Tod: „Schon wollten sie den Scheiterhaufen richten, dazu Fackeln aus Kienholz, die Bahre – da war nirgends ein Leichnam. Statt des Leichnams finden sie eine safrangelbe Blume.“ – Eine Narzisse.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (14) Kommentar schreiben