Gesellschaft

Physiker erklärt den Erfolg der Menschen dank Dummheit

Man muss immer mit der Dummheit rechnen, bei sich selbst wie bei anderen: Nicht erst seit dem Film „Dick und Doof als Studenten“ sollten wir das wissen.

Man muss immer mit der Dummheit rechnen, bei sich selbst wie bei anderen: Nicht erst seit dem Film „Dick und Doof als Studenten“ sollten wir das wissen.

Foto: dpa Picture-Alliance

Essen.   Emil Kowalski hat ein kluges Buch über die Dummheit geschrieben: Die westliche Welt verdankt ihren Wohlstand der Kenntnis um die Ignoranz.

Sind wir eine Gesellschaft der Dummen? Wenn man dem Physiker und gesellschaftspolitischen Experten Emil Kowalski folgt, trifft das jedenfalls zu – und damit jetzt niemand gleich einschnappt: Der Wissenschaftler zählt sich selbst zu den Dummen. In seinem Buch „Dummheit – eine Erfolgsgeschichte“ spürt der 80-Jährige dem Phänomen der Ignoranz in verschiedenen Lebensbereichen nach; und stellt halb ironisch, halb ernst gemeint fest, dass sich die Menschen in ihren Verhaltensweisen seit Jahrhunderten kaum weiterentwickelt haben, ihre Technik hingegen schon. Georg Howahl sprach mit Emil Kowalski über die Touchscreen-Gesellschaft und unser Streben nach Wohlstand.

Herr Kowalski, Sie schreiben, dass die Menschen sich kaum weiterentwickelt haben, seit im Jahr 1509 Erasmus von Rotterdam „Das Lob der Torheit“ geschrieben hat. Aber die Welt hat sich doch verändert . . .

Emil Kowalski: Die Menschen sind tatsächlich mehr oder minder dieselben geblieben. Ich denke da sofort an die genetische Speicherung und die kulturelle Speicherung der Informationen und Werte. Das sind langsame Prozesse. Die Genetik entwickelt sich nicht in tausenden von Jahren, das braucht zehntausende Jahre. Auch die kulturelle Entwicklung dauert sehr lange. In dem Sinne ist der Mensch seit dem Mittelalter derselbe Mensch geblieben. Zumindest seit Erasmus. Der hat sein Buch ja zum Beginn der Aufklärung geschrieben, was nicht sehr weit weg von uns liegt.

Wie erklären Sie dann unsere rasanten technischen und wissenschaftlichen Fortschritte?

Was sich sehr beschleunigt hat mit der Aufklärung, ist das Denken im naturwissenschaftlichen Sinne. Man hat angefangen, Experimente zu machen und die Ergebnisse schriftlich niederzulegen. Da konnte sofort jemand wieder bei dem ansetzen, was sein Vorgänger erdacht hat. Und heute haben wir mit dem gezielten Zugriff auf digitale Informationen wesentlich schnellere Möglichkeiten.

Angeblich hat Albert Einstein gesagt: „Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.“ Dennoch war er selbst wohl einer der Klügsten . . .

Einstein ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie man die Ideen, die andere niedergeschrieben haben, fortführt. Die demokrit’sche Atomlehre sagt: Die Natur besteht nur aus sich hin- und herbewegenden Atomen – und der Leere dazwischen. Es wird wie folgt begründet: Wenn man in einem dunklen Raum ist, in den durch eine Ritze Licht hineinfällt, sieht man im Sonnenstrahl wie die Staubkörnchen sich unregelmäßig hin- und herbewegen. Das ist so, weil die Atome der Luft sie mal von dieser, mal von jener Seite anstoßen. Das galt als Beweis dafür, dass es Atome gibt. So primitiv hat man denken können. 1905 hat Einstein diesen Gedanken genommen, wir nennen das Brownsche Bewegung. Er hat das untersucht und gerechnet, wie groß die Teilchen sind, wie groß die Moleküle sein müssen.

Sie stellen auch fest, dass die Menschen heute Computer und Smartphones nutzen, ohne zu verstehen, wie sie funktionieren. Ist das verwerflich?

Wir haben gelernt, nicht nur zu erfinden, sondern die Erfindungen bedienerfreundlich und bequem zu machen. Die Hersteller haben also die Ignoranz der Benutzer akzeptiert. Das ist die alte epikuräische Lehre, dass der Mensch versucht, sein Wohl zu befördern und seinen Schmerz zu mindern. Daran ist nichts Negatives.

Aber es besagt doch, dass die Benutzer unwissend sind . . .

Wir haben den Nutzen vom Wissen entkoppelt. Wir haben eine immer extremere Arbeitsteilung entwickelt. Wir lassen die Experten für uns arbeiten. Wir kümmern uns gar nicht darum, wo das herkommt.

Sie unterstellen den Menschen auch eine Unwissenheit im Politischen. Und bezeichnen das als Erfolgsgeheimnis der westlichen Demokratien. Wie das?

Die amerikanischen Gründerväter haben in der Unabhängigkeitserklärung nicht nur mit der Ignoranz der Regierten gerechnet, sondern auch der Regierenden. Man sagte damals: Machen wir eine starke Regierung, eine Art König auf Abruf. Aber wir führen die Gewaltenteilung ein, so dass der Regierende durch das Parlament, die Judikative und die freie Presse kontrolliert wird. Und das Volk generell hat die Möglichkeit alle vier Jahre zu sagen: Da haben wir uns geirrt, wir wollen jemand anderes. Und für solche Fälle wie Trump hat man ein Impeachment-Verfahren eingeführt , so dass man ihn auch absetzen könnte.

Donald Trump ist ja ein Thema für sich . . .

Einige der gewählten Präsidenten sind wirklich dumm. Und man hat mit dieser Dummheit gerechnet. Ich betrachte Trump als Bestätigung dieser These.

Sie wettern ein wenig gegen die Kirchen, die 2000 Jahre lang versuchte, das Volk dumm zu halten, indem es sie statt zum Wissen zum Glauben anhielt. Stimmt das denn so?

Wir haben in der christlichen Kultur die Vorstellung von der Sünde des Wissens. Die Erbsünde ist für Adam, dass er den Apfel vom Baum der Erkenntnis isst – und so Wissen erlangt. Ich habe hingegen das Gefühl, dass das Problem des Menschen ist, dass er zu wenig Wissen hat. Die Erbsünde ist in meinen Augen: Der Verlust der Fähigkeit, aus Erfahrungen zu lernen. Vielleicht sollte man das zur Religion machen.

Sind Sie durch das Schreiben Ihres Buches weniger dumm geworden?

Ich bin durch das Schreiben des Buches nicht weniger dumm geworden. Immerhin habe ich aber einige Wissenslücken durch andere ersetzen können. Das nennen wir Verwirrtheit auf einem intellektuell höheren Niveau.

>> DAS BUCH

Natürlich erscheint es zunächst vermessen, wenn ein Autor sich das Thema „Dummheit“ vorknöpft. Unbewusst fühlt man sich im ersten Moment vielleicht sogar angegriffen und kritisiert, wenn man ein solches Buch zur Hand nimmt. Doch man darf sich beruhigen, denn Emil Kowalski befindet in seinem mehrere Kapitel umfassenden Essay, dass wir in punkto Dummheit alle im selben Boot sitzen – und er schwingt sich selbst nicht zum klugen Kapitän des Narrenschiffs auf.

Dennoch führt er uns mit seinen gesellschaftskritischen Befunden über eine allerorts anzutreffende Unwissenheit vor Augen, dass wir einerseits die intelligenteste uns bekannte Spezies sind, andererseits selbst die Klügsten von uns allenfalls punktuell sehr gebildet sind.

Mit seinen Gedankengängen zum Streben nach Glück und der Begrenztheit der Rationalität blickt der Physiker über den Tellerrand der Naturwissenschaften hinaus, er vertieft sich in viele Bereiche der Philosophie, der Sozialwissenschaften und der Politologie. Zwar gelingt es ihm auf gut 170 Seiten nicht, schlüssig die Dummheit als den einen, entscheidenden Erfolgsfaktor für die Vormachtstellung westlicher Demokratien zu identifizieren. Dennoch lernen wir: Einsicht in die eigene Beschränktheit verhilft zu einem besseren Weltverständnis – auch über den eigenen Tellerrand hinaus.

Emil Kowalski: Dummheit – Eine Erfolgsgeschichte, J. B. Metzler, 176 Seiten, 16,99 €

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