Besondere Museen

Oberhausener Konditoreimuseum erinnert an das süße Handwerk

Helmut Walbrodt hat nicht nur Stücke zum Ausstellen gesammelt, viele kann man noch benutzen, etwa die Puderkästen, um Weinbrandbohnen mit Zuckerkruste herzustellen.

Foto: Lars Heidrich

Helmut Walbrodt hat nicht nur Stücke zum Ausstellen gesammelt, viele kann man noch benutzen, etwa die Puderkästen, um Weinbrandbohnen mit Zuckerkruste herzustellen. Foto: Lars Heidrich

Oberhausen-Sterkrade.   Es gibt nur noch wenige Feinbäcker. Das „Konditoreimuseum Zuckertüte“ in Oberhausen zeigt historisches Werkzeug für Plätzchen und Pralinen.

So manche Maschine hat rund 100 Jahre auf der Kurbel: Hier das Teigteilgerät, dort die Apfel-Schälmaschine mit Entkerner (!) oder der Sahne-Bläser. Helmut Walbrodt hat sie nicht nur gesammelt. Stolz zeigt der 72-Jährige den ersten Raum im „Konditoreimuseum Zuckertüte“ in Oberhausen-Sterkrade und betont: „Die Maschinen funktionieren alle noch!“

Aber auch die Geräte, die nicht mehr wie am Schnürchen laufen, haben ein Plätzchen in seinem Herzen und in der oberen Etage gefunden: Alte Knetmaschinen dürfen da natürlich nicht fehlen, darunter ist ein Hubkneter – „der Vorläufer des Spiralkneters“.

Gebäck mit Nougat, Marzipan oder Konfitüre

Schokoladenüberziehmaschinen, Waagen für Pralinen, Gebäckformmaschinen. „Fälschlicherweise wurden sie nur als Spekulatiusmaschinen bezeichnet“, betont der Bäcker- und Konditormeister. Dabei könne man dort durchaus auch andere Walzen einspannen, etwa für Brezel oder Gebäck, das man später zusammensetzt, mit Nougat, Marzipan oder Konfitüre.

Der Romantiker unter den Spekulatius-Machern bevorzugt eh die Handarbeit: In einer Vitrine steht ein Model neben dem anderen, viele Bretter sind handgeschnitzt. Nicht alle zeigen süße Figuren, die den Teig formen. Auf einem Brett aus Kriegszeiten versteckt sich zwischen zwei Vögeln ein Hakenkreuz.

Waffeleisen für das offene Feuer oder die Spritzgebäck-Kanone aus den 1930ern sind da wesentlich erfreulicher. Während in der Weihnachtszeit viele Frauen den Fleischwolf umfunktionierten, stand die Kanone nicht still. Mit Holzrädern konnte man mit ihr über das Blech „fahren“ und die Plätzchen gleich an der richtigen Stelle ablegen.

Ein Augenschmaus sind auch die Regalbretter voll Gussformen, etwa für Schokoladenfiguren. Das waren noch Osterhasen! Mit einem fein strukturierten Fell, nicht so aalglatt und verniedlicht wie die heutigen Hüpfer, die am Ende in goldenes oder violettfarbenes Papier gewickelt werden. „Da brauchen Sie die filigrane Arbeit nicht mehr“, bedauert Walbrodt die Entwicklung.

Ein Lamm von der Neuen Ludwigshütte

Als im 19. Jahrhundert die Metallindustrie immer dünnere Bleche walzen konnte für Spielzeug und Dosen, profitierte auch die Gussform davon. Ein Lamm stammt aus der Nachbarschaft, der Neuen Ludwigshütte in Sterkrade. „Die Gießer haben diese Form für die Eigentümerfamilie gemacht.“ An einer weiteren – ein hockendes Männchen – hat Walbrodt ein 1-Cent-Stück geklebt: „Der Dukatenscheißer.“

„Vom 1. Januar bis zum 31. Dezember bekommen wir heute alles, was das Herz begehrt“, sagt Walbrodt. Gleichzeitig mache eine Konditorei nach der nächsten dicht: „Wir hatten in Oberhausen mal 41 Konditoreien. Jetzt haben wir noch drei. Das ist ein Trauerspiel.“ Die Hochzeitstorten und Kuchentürme aus Zuckerfondant, zu denen es heute sogar Wettbewerbe gibt, sieht Walbrodt kritisch: „Das sind wunderschöne Gebilde. Aber die Leute wissen nicht, was in der Torte drin ist.“ Da ginge es nur ums Verzieren.

Mit seinem Museum möchte er an den schönen Beruf erinnern. Seine Familie hat seit 1891 eine Konditorei in Sterkrade. Walbrodts Frau leitet sie heute, gegenüber dem Museum. Er selbst hat viele Konditoren ausgebildet, auch an einer Berufsschule, in deren Keller er über Jahrzehnte seine Sammlerstücke verwahrte. Erst später kam er auf die Idee, ein Museum zu eröffnen. Der Besucher kann es sich seit 2014 allein anschauen, aber dann verpasst er die Anekdoten. Wenn Walbrodt etwa vor der Vitrine mit Alkohol steht – unverzichtbar für Buttercreme oder Pralinen, erklärt er und zeigt sein schelmisches Lächeln: „Natürlich musste man da auch mal die Qualitätskontrolle machen.“

>> DAS LIEBSTE AUSSTELLUNGSSTÜCK

Mit der alten Baumkuchenmaschine hat Helmut Walbrodt gerade die „Kanzlertorte“ zubereitet. Dafür benötigte er die Carola-Walze, sein liebstes Ausstellungsstück. Auch bekannt unter dem Namen Igelwalze. „Es ist eine schwierige Art zu backen“, so Walbrodt. Nur wenige machten das. Aber genau deswegen fasziniert ihn die Walze.

Für den äußeren Tortenkranz hat er vier Schichten Baumkuchenmasse auf die Noppen aufgetragen. Masse nicht Teig. Denn die Masse lässt sich nur aufstreichen, nicht ausrollen. Später hat er die gebackene Noppen-Röhre so geteilt, dass Kränze für sechs Kanzlertorten blieben.

Die Kanzlertorte wurde einst Helmut Schmidt zu Ehren kreiert. Das Rezept hat Helmut Walbrodt aus einer Fachzeitschrift für Konditoren von 1983. Da war schon Helmut Kohl an der Macht. Aber im Fachblatt steht: „Kanzler gehen, Kanzler kommen.“ Und die Torte wird wohl jedem Helmut schmecken. Im Inneren ist sie schwarz (Kuvertüre und Weinbrand), rot (Rotwein) und gold (Champagnersahne).

>> DAS KONDITOREI-MUSEUM ZUCKERTÜTE

Das Konditoreimuseum Zuckertüte an der Holtener Str. 126 in Oberhausen-Sterkrade ist Dienstag, Donnerstag, Sonntag geöffnet, 13 - 18 Uhr. Es ist barrierefrei.

Eintritt: Erwachsene 5 Euro, Kinder ab 7 Jahren: 3 Euro. Konditorkurse und Führungen für Gruppen auf Anfrage. Tel: 0208/62178715 www.museum-zuckertuete.de

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