Mutter-Kind-Kur

Mütter am Limit: Bei einer Kur mit Kind schöpfen sie Kraft

Gemeinsame Zeit: Sandra Ramsaite (38) mit Sohn Emir (6) und Tochter Era (2) vor dem Kurhaus.

Gemeinsame Zeit: Sandra Ramsaite (38) mit Sohn Emir (6) und Tochter Era (2) vor dem Kurhaus.

Foto: Vladimir Wegener

Goch.   Die Ansprüche der Frauen an sich selbst sind gestiegen. Ein Besuch eines Hauses in Goch, in der Frauen sich während der Mutter-Kind-Kur erholen.

Mit dem wasserscheuen Kind im Schwimmbad üben, dann kochen, putzen, waschen, den Abgabetermin morgen bei der Arbeit nicht verpassen. Erika Hillig holt tief Luft und sagt: „Ich habe den Blick fürs Wesentliche verloren.“ Den Blick für ihre eigenen Bedürfnisse und die ihres Sohnes. Die 49-jährige Schneiderin aus Achern in Baden-Württemberg nimmt sich nun mit ihrem Philipp (3) eine dreiwöchige Auszeit, bei einer Mutter-Kind-Kur. Doch nicht am Meer oder in den Bergen, sondern in Goch am Niederrhein.

Das „Marianne van den Bosch Haus“, eine Klinik des Müttergenesungswerks, hat sich spezialisiert auf Frauen mit kleinen Kindern bis sechs Jahren. Daher kommen auch Frauen etwa aus dem Ruhrgebiet, die mit dem Nachwuchs nicht zu lange unterwegs sein wollen. Im so genannten „Kinderland“ robben Babys über den Boden. Ein Fingerchen stupst die Wange eines anderen Kurkindes, während eine der Erzieherinnen immer in der Nähe ist.

Vertrauen in die Erzieherinnen ist wichtig

„Die Mütter wissen, ihre Kinder sind gut betreut“, sagt Beatrix Lichtenberger, die Leiterin des Hauses. Dieses Vertrauen sei wichtig, damit sie sich auf die Therapie einlassen könnten. So werden die ganz Kleinen behutsam eingewöhnt. Stundenweise. Dann ist es auch für eine stillende Mutter möglich, zum Beispiel zur Massage zu gehen, zur Lichttherapie oder zum Gespräch mit dem Arzt oder der psychologischen Psychotherapeutin. Weil sie weiß: Wenn das Kind sie braucht, wird eine Erzieherin sie holen.

Während der Kur in Goch geht es jedoch nicht nur darum, Zeit wieder für sich zu haben, um zum Beispiel endlich etwas gegen die Rückenschmerzen zu unternehmen. „Wir nehmen die Mutter-Kind-Beziehung in den Fokus“, sagt die 63-jährige Sozialpädagogin. „Ziel der Therapie ist, dass sie wieder Spaß miteinander am gemeinsamen Tun bekommen, dass ein Gefühl von Geborgenheit entsteht.“ Auch hier ginge es wieder um Vertrauen. „Wenn Vertrauen da ist, kann ich ein Kind erziehen, dann akzeptiert es auch Regeln.“

So ist manchmal nur das jüngere Kind in der Betreuung, damit die Mama endlich wieder mehr Zeit für das ältere hat. Wie bei Sandra Ramsaite aus Brühl. Die 38-Jährige ist mit Era (2) und Emir (6) da. Er freut sich über gemeinsame Radtouren. Nach zwei Wochen sagt Sandra Ramsaite: „Die Kinder merken: Wir Mütter sind ausgeglichener.“ Und: „Die Kinder sind auch ausgeglichener.“

Der Wunsch: Es soll alles perfekt sein

Haben sich die Probleme der Frauen im Laufe der Jahre geändert? „Erschöpft kamen die Mütter schon immer hierher“, sagt Beatrix Lichtenberger, die seit 20 Jahren das Haus leitet. Heute fühlten sich die Frauen aber vielfach belastet: Kinder, Haushalt, Beruf. „Sie können den Alltag nicht mehr so gestalten, wie sie das möchten.“ Zudem seien die Ansprüche an sich selbst gestiegen. „Die Erwartungen sind so hoch.“ Sie wünschten sich, dass alles perfekt ist. „Aber mit einem Kind läuft nicht immer alles, wie man es geplant hat“, sagt die Mutter und Oma mit herzlichem Lächeln.

„Viele Frauen vergessen, dass sie noch eine selbstständige Persönlichkeit sind und nicht nur Mama“, sagt auch Gabi Mele, Heilpädagogin und Leiterin des Kinderlandes. Die 42-Jährige erinnert sich noch gut an eine Mutter, die erfreut sagte: „Ich konnte hier zum ersten Mal einen heißen Kaffee trinken.“

Wobei die Kur kein Urlaub mit Kinderbetreuung ist. Für jeden Tag gibt es Termine. „Die Pläne sind schon recht voll“, sagt Lichtenberger. Und nicht selten werden die Mütter samt Babyfon noch um 20.30 Uhr, wenn die Kleinen schlafen, zum Gruppengespräch gebeten zu Themen wie „Rituale mit Kindern“ – auch zum besseren Einschlafen. Oder: „Grenzen setzen in der Erziehung“. Oder: „Kommunikation in der Partnerschaft“.

Väter nur am Wochenende – wenn überhaupt

„Ich muss auch mal abgeben, meinen Mann machen lassen“, sagt Erika Hillig. Väter sind in dem Haus in Goch nur am Wochenende erwünscht, wenn überhaupt. Es kann für ein kleines Kind mit Heimweh schwer zu verstehen sein, wenn der Papa am Sonntag vorbeikommt und dann wieder fährt, erklärt Heilpädagogin Gabi Mele.


Aber ist eine Kur ohne Vater noch zeitgemäß, schließlich ist Erziehung ja nicht mehr nur Frauensache? „Räumlicher Abstand ist wichtig für die Mütter“, sagt Lichtenberger und Sandra Ramsaite nickt. Sie könne so besser darüber nachdenken, was sie in Erziehung und Beziehung ändern kann. Wenn sie sonst verreisten, sei sie mit Mann und Kindern bei ihrer Familie in Litauen oder bei der ihres Mannes in der Türkei. Da bliebe kaum Zeit, um sich selbst zu stärken. Die gelernte Kosmetikerin will sich nun endlich selbstständig machen. Während der Kur sei ihr bewusst geworden, dass sie zu oft einen Schritt zurückgeht statt einen nach vorne. „Ich hatte Zweifel, ob ich es schaffe.“

Kein Smartphone, kein Fernseher

Der strukturierte Tag tut den Frauen ebenfalls gut. Sie lassen sich nicht durchs Smartphone ablenken. In ihren Apartments mit eigenem Bad und Kinderzimmer gibt es keinen Fernseher. Vermisst haben sie ihn kein einziges Mal, seit sie vor zwei Wochen zusammen angereist sind. Und auch den einzigen Apparat im Gemeinschaftsraum haben Erika Hillig und Sandra Ramsaite noch nie angestellt. Dafür spielen sie mit ihren Kindern endlich auch mal ein Spiel zu Ende oder lachen zusammen, wenn die Kinder ins Bällebad rutschen.

Erika Hillig empfindet jetzt mehr Wertschätzung für ihre eigene Arbeit zu Hause. Sie weiß nun: „Ich kann den Wäscheberg auch mal liegen lassen.“ Um endlich wieder – wie vor der Geburt – regelmäßig zum Sport zu gehen. Wenn sie wieder zurück ist, wird nicht alles anders werden. „Aber das Bewusstsein ist gestärkt.“

Zusammen mit den anderen Müttern geht sie während der Kur ins Bewegungsbad. Ihr Ziel ist nicht, ihrem Sohn das Schwimmen beizubringen, sie will damit die Bindung zu ihm Kind stärken. Erika Hillig lauscht den Tipps, wie sie ihrem wasserscheuen Kind die Angst nehmen kann. Schließlich steht sie mit beiden Beinen auf dem Boden des Beckens, öffnet die Arme und sagt zu ihrem Philipp, der am Beckenrand sitzt: „Komm, ich fang dich auf!“ Und der Dreijährige lässt sich fallen.

>> DER WEG ZUR KUR

Es gibt Kurberatungsstellen der Wohlfahrtsverbände, die Mütter beraten, welches Haus zu ihnen passt. Sie benötigen ein ärztliches Attest und stellen dann einen Antrag bei der Krankenkasse. Es gibt auch Angebote für Väter.

Das hier vorgestellte Marianne van den Bosch Haus in Goch ist eine katholische Einrichtung, aber die Glaubenszugehörigkeit ist keine Bedingung. Es hat Platz für 25 Mütter. Die Frauen reisen zu festen Terminen an und bleiben dann zusammen als Gruppe für drei Wochen in der Kur. (kurhaus-goch.de).

Ein weiteres Haus für Mutter-Kind-Kuren in unserer Region ist zum Beispiel die Klinik „St. Ursula“ in Winterberg. Das Haus im Sauerland hat sich u.a. auf Trauerbewältigung spezialisiert. Die Kinder können bis elf Jahre alt sein. Mehr Informationen:
st-ursula-winterberg.de

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