Organspende

Mit dem neuen Herzen begann für Andreas Obst ein neues Leben

Ein Spenderherz kann ein Leben wieder lebenswert machen.

Ein Spenderherz kann ein Leben wieder lebenswert machen.

Foto: istock

Mülheim/Köln.   Vor zehn Jahren bekam Andreas Obst ein neues Herz eingepflanzt. Er erzählte uns, wie das Spenderorgan sein Leben gerettet und verbessert hat.

Den 25. November 2008 feiert Andreas Obst als seinen Geburtstag. Was für einen mittlerweile 65-Jährigen mit grauem Bart ja eher ungewöhnlich erscheinen mag. Aber an diesem Tag wurde dem ehemaligen Versicherungskaufmann das Leben geschenkt. Sein zweites Leben. Es war der Tag, an dem Andreas Obst ein neues Herz erhielt. „Wenn ich in eine Kirche komme und eine Kerze aufstellen kann, dann ist die meist für den Spender. Ihm und seinen Angehörigen kann ich nicht genug danken“, sagt er.

Andreas Obst hatte sehr großes Glück. Pro Jahr erhalten in Deutschland derzeit nur knapp über 250 Menschen ein Spenderherz, die Spendebereitschaft ist seit 2012 rückläufig, allein in Deutschland standen Ende 2017 mehr als 700 Menschen auf der Warteliste für ein Spenderherz, was bedeutet, dass etwa 450 Menschen, die dringend Hilfe benötigten, leer ausgehen. Jahr für Jahr.

„Das machen wir lieber, wenn ich alt bin.“

Die Krankheitsgeschichte von Andreas Obst begann wie die vieler Menschen mit Herzleiden. In den 80er-Jahren stellten die Ärzte bei ihm einen Herzklappenfehler fest, 1989 bekam er eine künstliche Klappe eingesetzt. „Damit habe ich zwölf Jahre lang gut gelebt, ich habe in der Zeit geheiratet und eine Familie gegründet“, erzählt er. Als im Jahr 2001 die Leistungsfähigkeit langsam schlechter wurde, deutete der Arzt schon an, dass auf lange Sicht bei ihm eine Transplantation notwendig werden könnte. „Da habe ich gesagt: Das machen wir lieber, wenn ich alt bin. Wenn’s dann schief geht, dann ist es nicht mehr so schlimm“, scherzte er da noch. Doch es wurde schlimmer. Es folgte: ein erster Herzschrittmacher. Danach ein zweiter.

Im Januar 2008 hatte Andreas Obst zum ersten Mal Herzrhythmusstörungen, so dass dann noch ein Schrittmacher mit Defibrillator folgte. „Aber danach habe ich mich nicht groß wieder erholt“, erzählt er. Der Kardiologe riet ihm, sich auf die Warteliste zur Transplantation setzen zu lassen, weshalb es auch schon Kontakt zum Herzzentrum in Bad Oeynhausen gab.

Und dann kam der Unfall, der zugleich ein Glücksfall war.

„Lass dich mal lieber ins Krankenhaus bringen.“

Es war im Juni 2008, ein heißer Sonntag. Andreas Obst hatte noch etwas zu erledigen, setzte sich ans Steuer – und kam bei langsamem Tempo von der Straße ab. Auto: Totalschaden. Fahrer: weitgehend unbeschadet. Aber: „Ich dachte: Lass dich mal lieber ins Krankenhaus bringen.“

Als der Arzt erfuhr, dass der Herzkranke auf ein Spenderorgan wartete, ließ er ihn gleich nach Bad Oeynhausen bringen. Es begann ein zermürbendes Warten auf ein Spenderherz, in dessen Verlauf Obst immer höhere der damals gültigen Dringlichkeitsstufen durchlief: Von „transplantable“ über „urgent“ bis „high urgent“.

Es war ein Warten, Warten, Warten… „Die Verwandten haben die Ärzte schon sehr unruhig erlebt. Das habe ich nicht so wahrgenommen oder nicht an mich rangelassen. Das war vielleicht auch ganz gut. Wenn man sich in der Situation noch selber nervös gemacht hätte, wäre das wahrscheinlich noch weniger hilfreich gewesen.“

„Herr Obst, aufstehen! Sie kriegen jetzt ein neues Herz.“

Dann kam die Nacht vom 24. auf den 25. November 2008. Gegen vier Uhr kam eine Schwester ins Zimmer und sagte: „Herr Obst, aufstehen. Sie kriegen jetzt ein neues Herz.“ „Ich sagte: Sie sind lustig, aufstehen kann ich nicht!“ Durch das Liegen hatte der Körper von Andreas Obst extrem abgebaut, die Muskulatur war erschlafft, sein Lebenswille allerdings nicht. Auch wenn er wusste, dass eine solche Operation immer mit einem Risiko behaftet ist. „Ich hatte aber ein gewisses Gottvertrauen. Und ein Vertrauen in die Ärzte. Ich habe mir zu diesem Zeitpunkt gesagt: Das kann noch nicht alles gewesen sein…“ War es zum Glück auch nicht. Die Operation verlief ohne weitere Komplikationen.

„Ich habe mich innerhalb kurzer Zeit erholt. Nachdem ich auch die ersten Schritte laufen durfte, war das ein tolles Gefühl.“

„Da hat das neue Herz einen neuen Partner gefunden.“

Für Andreas Obst war dies der Beginn seines neuen Lebens. Und tatsächlich hat er auf diesem Weg sogar seine neue Lebensgefährtin kennengelernt, fast wie in einem Ärzteroman. „Ich habe mit dem Mann meiner jetzigen Lebensgefährtin gemeinsam auf ein Herz gewartet. Er ist einen Tag vor mir operiert worden. Aber er hat nur drei Wochen überlebt. Als ich das gehört habe, lag ich selbst noch in Oeynhausen und es hat mich sehr belastet“, erzählt er. Er blieb mit der Witwe in Kontakt – und aus der Trauer und dem gemeinsamen Weg wuchs Liebe. „Da hat das neue Herz noch mal einen neuen Partner gefunden.“

Gerade hat Andreas Obst seinen „Zehn-Jahres-TÜV“ erhalten, das heißt: Er kann seit gut zehn Jahren so gut wie ohne Einschränkungen leben. Um etwas von seinem Glück weiterzugeben hat er mehrere Jahre ehrenamtlich eine Gruppe von Defibrillator-Patienten geleitet. „Und ich habe die Dinge danach bewusster erlebt.“ Etwa, als er mit seiner Tochter in Österreich im Urlaub war und sie plötzlich bemerkte: „Weißt du noch? An dieser Stelle hier hast du damals so gekeucht.“ Wusste er erst in dem Moment, als er darauf aufmerksam gemacht wurde – denn viele Jahre gehörte es für ihn zu den normalen Einschränkungen, erschöpft und aus der Puste zu sein. „Eines Nachts nach der Operation bin ich aufgewacht und habe gemerkt: Da ist etwas passiert“, sagt der Mann mit dem neu geschenkten Leben. Und wenn er außer seinem Glücksempfinden noch etwas aus der Zeit seiner Krankheit mitgenommen hat, dann dieses: „Ich empfinde eine tiefe Dankbarkeit gegenüber dem anonymen Spender.“

>>>> Ich trage einen Organspendeausweis...

„…, weil der Organspendeausweis für mich auch ein Liebesbeweis ist an die Menschen, die dann weiterleben dürfen, wenn wir verstorben sind. Daher sollte sich jeder von uns mit dem Thema auseinandersetzen und ganz bewusst eine Entscheidung treffen, ob man Organspender sein möchte oder nicht.“

Karl-Josef Laumann (61), NRW-Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales aus Riesenbeck

„..., weil ich durch den Tod meines Onkels Stefan an das Thema herangerückt bin. Ihm wurden beide Nieren, Leber und Lunge entnommen. Allen Empfängern ging es nach kurzer Zeit wieder gut… Wenn das eigene Leben nicht mehr weitergehen kann, warum sollte ich nicht anderen eine Chance bieten, weiterzuleben. Und es tut ja auch nicht weh, so einen Organspendeausweis im Portemonnaie mit mir herumzutragen.“

Julia-Katharina Lobsch (28), Oberhausen

>>> Der Organspendeausweis

Die kleine Karte kann man bestellen unter organspende-info.de und 0800/90 40 400. Für Gewebe wie Augenhornhäute und Knochen gibt es keine Altersgrenze, Sehnen und Bänder bis zum Alter von 65 Jahren. Für eine Hautspende gilt die Obergrenze 75 Jahre.

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