Das besondere Museum

Margarethenhöhe – eine Siedlung wie ein Freilichtmuseum

Fast mediterran wirken manche Fassaden auf der Margarethenhöhe in Essen.

Fast mediterran wirken manche Fassaden auf der Margarethenhöhe in Essen.

Foto: MATTHIAS GRABEN

Essen.   Auf der Margarethenhöhe in Essen gibt es gleich mehrere Ausstellungsorte: eine Musterwohnung, ein Museum, ein Atelierhaus und den Halbachhammer.

Der Besucher dieser Siedlung fühlt sich wie in einem Freilichtmuseum. Obwohl in den Häusern mit den grün-weißen Türen und Fensterläden Menschen ihr normales Leben leben. Aber die Margarethenhöhe, die teils unter Denkmalschutz steht, ist außergewöhnlich. Unter den oft mit Holzschindeln verzierten Dächern schlummern Geschichten. Eine davon könnte mit diesem Satz beginnen: „Grabt Schätze nicht mit Spaten, sucht sie in edlen Taten.“

Der Besucher entdeckt diese Inschrift auf dem Brunnen, der auf dem „Kleinen Markt“ noch heute plätschert. Damit erinnert man an die Frau, die diese Gartenvorstadt ab 1909 erst ermöglichte: Margarethe Krupp. In der Zeit der Industrialisierung, in der nicht nur die Stahlfabrik, sondern auch die Stadt Essen rasant wuchs, ließ sie Häuser bauen, die Menschen mehr als nur ein Dach über den Kopf gaben. Die Bewohner hatten Gärten, sie konnten über eine ausgeklügelte Kachelofenanlage heizen und – der Komfort schlechthin –, um auszutreten, mussten sie nicht wie in den Mietskasernen ins Treppenhaus gehen. Jede Wohnung hatte eine eigene Toilette.

In einer Musterwohnung kann man nachempfinden, wie die Menschen früher auf der Margarethenhöhe gelebt haben. „Hier hat zuletzt eine ältere Dame gewohnt: Frau Böllert. Und deren Eltern waren 1911 die ersten Mieter dieser Wohnung“, erzählt Achim Mikuscheit, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Ruhr Museums, das die Originalmöbel wie Bett und Waschtisch mit nachgebauten Stücken wie Sofa und Wohnzimmerschrank kombiniert hat. „Alles, was Sie hier sehen, ist Metzendorf-Design“, so der 65-Jährige. Georg Metzendorf hat an diesem Ort Architektur-Geschichte geschrieben. Die Bewohner durften mitsprechen, aber er überließ nichts dem Zufall. So umrandeten anfangs weiße Zäune die Gärten, zwischen denen Rosenblüten herausschauten. Mikuscheit: „Minutiös ist in den Bauunterlagen beschrieben, welche spezifische Rose er haben wollte.“

Aber Metzendorf konnte nicht alles gegenüber der Mäzenin und der Stadt durchsetzen, so der Sozialwissenschaftler. Er habe Ziegelsteinhäuser favorisiert. Doch die meisten Fassaden sind verputzt. Ab und zu blitzt trotzdem das Rot von Ziegeln durch das Grün der Weinranken.

Im „Gasthaus zur Margarethenhöhe“ befindet sich heute noch das holzvertäfelte Zimmer, in dem einst der Aufsichtsrat der Krupp-Stiftung plante und diskutierte. Auf Nachfrage schließt der Hotel-Hausmeister das Zimmer auf, wenn dort nicht gerade getagt oder Hochzeit gefeiert wird. Nur der Vitrinenschrank mit den Adam-und-Eva-Skulpturen von Joseph Enseling steht zurzeit nicht hier am Originalplatz, sondern im Ruhr Museum in der Ausstellung „Aufbruch im Westen. Die Künstlersiedlung Margarethenhöhe“.

Das Kleine Atelierhaus ist wieder geöffnet

Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Siedlung zu 45 Prozent zerstört. Man entschied sich dagegen, das Große Atelierhaus wieder aufzubauen. „Man wollte unmittelbar nach dem Krieg lieber Wohnraum schaffen.“ Aber das Kleine Atelierhaus ist seit 2012 wieder geöffnet. Es gehörte einst Hermann Kätelhön, der wie andere Künstler die Margarethenhöhe für sich entdeckt hatte. In dem Haus am Brückenkopf 8, das 2006 wieder aufgebaut wurde, wird mit Schautafeln auch an diese Künstler erinnert.

Ein Haus hatte allerdings von Beginn an einen musealen Charakter: der Halbachhammer. Im benachbarten Waldpark, den Margarethe Krupp den Bürgern zur Naherholung schenkte, ließ ihr Schwiegersohn Gustav Krupp von Bohlen und Halbach 1936 eine alte Schmiede-Werkstatt errichten, die zuvor an der Sieg gestanden hatte. Dort kann man noch heute bestaunen, wie zur vorindustriellen Zeit Roheisen in Stahl verwandelt wurde.

>> DAS LIEBSTE AUSSTELLUNGSSTÜCK

Die Liebe zum Detail, für die Georg Metzendorf stand, fasziniert Achim Mikuscheit besonders. „Die Türen haben alle das gleiche Maß, sind aber immer wieder neu gestaltet.“ So lassen sich bei einem Spaziergang etwa unterschiedliche Sprossenfenster in den Türen entdecken. An der zum Haus mit der Musterwohnung hängt Mikuscheits liebstes Ausstellungsstück, das leicht zu übersehen, aber nicht zu überhören ist: ein Türklopfer.


„Ich habe schon viele gesehen, schöne, historisierende. Aber ich finde ihn in seiner Schlichtheit am besten.“ Kugelförmig und aus Gusseisen hat er Gäste angekündigt, als es auf der Margarethenhöhe noch keinen Strom gab. Das änderte sich in den 1920ern – doch der Türklopfer blieb bis heute.

>> RUND UM DIE MARGARETHENHÖHE

Im Halbachhammer, Altenau 12, gibt es Schmiedevorführungen. Am Sonntag, 28. April 2019, ist „Aufschlag“, dann stets 1. Sonntag im Mai bis Oktober, 14 - 18 Uhr, Eintritt frei.

Das Ruhr Museum bietet an mehreren Sonntagen, 11 - 13 Uhr, auf der Margarethenhöhe Spaziergänge an mit Besichtigung der Musterwohnung. 5 €, Kinder frei, Anmeldung: 0201 /24681 444.

Spaziergänge auf den Spuren der Künstler werden ab 6. Mai angeboten (5 €), zum Start der Ausstellung im Kleinen Atelierhaus, Sommerburgstr. 18: „Der Grafiker Hermann Kätelhön“ (bis 9. Februar 2020, Samstag und Sonntag, 10 - 18 Uhr, Eintritt frei)

Das Museum am Brückenkopf 8 wird von der Bürgerschaft Margarethenhöhe betrieben: Mittwoch Samstag und Sonntag, 15 - 17.30 Uhr, Eintritt frei. Führungen: 0201/80 09 50 95.

Das Ruhr Museum auf Zollverein in Essen zeigt bis 5. Januar 2020 die Ausstellung „Aufbruch im Westen. Die Künstlersiedlung Margarethenhöhe“ (7 /4 €, ruhrmuseum.de)

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