Industriekultur

Interview im Gasometer Oberhausen zu Fernweh nach den Bergen

Bergwanderung in den italienischen Alpen

Bergwanderung in den italienischen Alpen

Foto: Ralf Gantzhorn

Oberhausen.  „Der Berg ruft“: Kurator Peter Pachnicke spricht im Gasometer Oberhausen über Sehnsuchtsziele, Schicksale und Schattenseiten in der neuen Schau.

Er ist und bleibt vom tiefen Gefühl der Ehrfurcht vor der Schöpfung beseelt: Professor Peter Pachnicke (75), der auch die aktuelle Schau im Gasometer Oberhausen inszeniert, hat das Fernweh vererbt bekommen: „Meine Eltern sind Bergsteiger, ich bin mit der Dolomiten-Sehnsucht groß geworden. Als Dresdner waren uns solche Ziele früher ja leider politisch nicht möglich, deswegen reichte es nur fürs Elbsandsteingebirge. Heute bin ich passionierter Engadin-Wanderer.“ Mit dem Kurator sprach Redakteur Marc Oliver Hänig.

Worin besteht für Sie die Faszination der Bergwelt?

Peter Pachnicke: Seit Jahrhunderten ist der Mensch immer wieder wie magisch angezogen worden, aus den Tälern herauszukommen und nach oben zu steigen. Weil er irgendwie das Gefühl hat, dass da oben ein Leben ist, dass man freier atmen kann, dass man weiter blicken kann als der eigene, enge Horizont – dass es im Sinne des Wortes beschaulicher ist. Fernweh ist das große Thema.

Was ruft der Berg denn eigentlich?

Pachnicke: Jedes einzelne Steinchen hat eine persönliche Geschichte. Berge sind nun mal der Ort, an denen der größte Reichtum an Pflanzen und Tieren entsteht. Denn nur durch die hohen Gebirge kommt es ja zu den klimatischen Bedingungen der Erde, die diese Vielfalt an Lebensräumen überhaupt erst erschafft. Ich bin selbst, und daraufhin habe ich mich beim Aufbau fortwährend überprüft, immer wieder überwältigt.

Wie könnte die Botschaft der Schau lauten?

Pachnicke: Wir wollen, wie schon in den früheren Ausstellungen, die Reichtümer der Erde deutlicher machen. Der Mensch will etwas beschützen und soll wissen, wie erhaltenswürdig es ist. Die ganze Schönheit und Größe wollen wir für den Betrachter erlebbar machen.

Die Ausbeutung der Umwelt etwa durch Massentourismus wird ebenfalls thematisiert. Die Schattenseiten der ewigen Liebe zur Natur?

Pachnicke: Das möchte ich bewusst offen lassen. Viele junge Leute betreiben ihre Sportarten wie das Drachenfliegen mit großer Ernsthaftigkeit. Dass das dann auch kommerzialisiert wird, ist eine ganz andere Frage. Ich möchte nicht mit den Fingern auf die Moral der Leute zeigen.

Wurden sich die mächtigen Massive nicht seit jeher untertan gemacht?

Pachnicke: Während des Kolonialismus galt der Kilimandscharo im fernen Afrika als höchste Berg des Deutschen Reiches. Wunderschöne Bergnamen wie Schneejuwel, Sonne der Schönheit oder Fliegendes Licht wurden durch Namen von Politikern oder Landvermessern ersetzt. Die Bezeichnung Kaiser-Wilhelm-Spitze wurde erst in den 1960-Jahren abgeschafft und verschwand aus unseren Schulbüchern.

Das Matterhorn, stammt das wirklich von der afrikanischen Platte?

Pachnicke: Das ist ja der Witz! Der erhabenste aller Berge ist nur ein abgebrochenes Stück, einst aus der Tiefe hervorgebracht und herübergeschoben. Im Grunde hat er ein aufregenderes Schicksal hinter sich als die Leute, die dort abstürzten.

An die Bergtoten erinnert ein Gipfelkreuz...

Pachnicke: In den letzten 150 Jahren gab es auf den neun gefährlichsten Bergen der Welt 1300 bis 1400 Tote. Bei der Schlacht am sogenannten Blut-Berg in den Dolomiten im Ersten Weltkrieg zwischen Österreich und Italien starben innerhalb von zwei Jahren 7000 Menschen. Übrigens viele Bergsteiger. Wer überlebte, ist später oben, mit gelähmtem Gesicht oder ohne Arm, wieder Seite an Seite auf Tour gegangen.

Der Berg als Kern für Legenden und Heldengeschichten?

Pachnicke: Die Berge, die viele Tragödien hatten, über die wurde auch berichtet. Wände, wo niemand ums Leben gekommen ist, sind auch nicht berühmt geworden. Wir versuchen, diese Geschichten zu erzählen.

Funktioniert das Spiel mit der Sehnsucht nach den Bergen in dieser Region vielleicht gerade so gut, weil es hier keine gibt?

Pachnicke: Viele bedrückende Dinge im Leben sind der Enge geschuldet. Wer hier zu Hochzeiten der Schwerindustrie keine Luft bekommen hat, für den waren die Berge der Inbegriff von Weite. Die erste erreichbare Bergwelt etwa für das Ruhrgebiet war das, einst gar schneesichere Sauerland.

Warum kommen unsere Halden nicht in der Ausstellung vor?

Pachnicke: Ich bin unglaublich begeistert von dieser künstlichen Berglandschaft und ihrer Rolle. Ein Territorium, wo nach 100 Jahren Rohstoff-Ausbeutung wieder Pionierpflanzen wachsen! Aber es war ein Aspekt, der nicht kraftvoll genug hätte gewürdigt werden können.

Haben Sie ein Lieblingsmotiv, Herr Professor?

Pachnicke: Ach, ich bin in unglaublich viele Bilder verliebt. So hat die Landschaft in Tirol etwas Märchenhaftes, eine unglaubliche Kraft der Fantasie.

http://www.gasometer.de/de/ausstellungen/der-berg-ruft

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