Erziehung

Immer nur Extrawürste? Wie man Kinder am besten beschäftigt

„Matthis macht bei dem mit, was wir machen.“ Caroline Wack mit ihrem dreijährigen Sohn bei der Gartenarbeit.

„Matthis macht bei dem mit, was wir machen.“ Caroline Wack mit ihrem dreijährigen Sohn bei der Gartenarbeit.

Foto: André Hirtz / FUNKE Foto Services

Herdecke.  Kinder werden oft bevorzugt behandelt. Wie sehr das Fluch oder Segen für unsere Gesellschaft ist, darüber sprechen zwei Mütter und ein Pädagoge.

Kinder-Menü, Kinder-Hotel, Kinder-Spielplatz, Kinder-Programm, Kinder-Spielzeug, Kinder-Zimmer – unsere Welt ist voller Extrawürste. Die Liste ließe sich gefühlt unendlich fortsetzen, denn Kinder haben eine Sonderstellung. Sie sind irgendwie extra. Bei Caroline Wack und ihrem Mann Karsten ist das anders. In ihrem Zuhause, einer kleinen ehemaligen Sportvereinshütte mit großem Außengelände, am Rand von Herdecke, deutet wenig darauf hin, dass hier auch zwei Kinder leben: Matthis, knapp drei, und die sechs Monate alte Levka Marie. Ein großes Panoramafenster schmückt das einstöckige Häuschen, davor das Sofa, ein großer Esstisch auf einer Seite des Raumes, darauf eine Vase mit Wiesenblumen, eine offene Küche, an den Wänden hohe Bücherregale. Im Hintergrund zwei Türen, die zum Schlafzimmer und zum Bad abgehen. Lediglich ein Schaukelpferd steht im Raum, an der Tür gibt es auch Kinderschuhe.

Das Leben der Familie findet draußen statt

Ein Extra-Kinderprogramm, zum Beispiel Spielplatz-Nachmittage, gibt es bei ihnen selten. Sie schaffen keine Räume, die nur der Beschäftigung der Kinder dienen. „Wir sind sehr viel zu Hause und eigentlich den ganzen Tag mit Alltag beschäftigt“, erzählt Caroline Wack. „Wir sägen und hacken Holz, arbeiten im Gemüsegarten, versorgen die Hühner, gehen die Katze suchen, kochen oder putzen. Ab und zu kommt auch Besuch.“ Das Leben der Familie findet, wann immer möglich, draußen statt. Auf etwa 3000 Quadratmetern haben sich die Ärztin und der Pädagoge ein kleines Paradies geschaffen. „Wir sind als Familie eigentlich enger als früher und nicht so im öffentlichen Raum unterwegs“, ergänzt Karsten.

„Matthis macht bei dem mit, was wir machen“, erzählt die 30-jährige Mutter. „Wir haben auch die Devise: Er darf alles von uns benutzen, sobald er die Fertigkeit dazu erreicht hat. Er schneidet zum Beispiel Gemüse mit einem kleinen scharfen Messer, auch auf die Gefahr hin, dass mal der Finger dazwischen kommt. Wenn er mal einen Spielzeugbohrer oder sowas in die Hände bekommt, wird der schnell langweilig, weil er nicht funktionstüchtig ist.“ So schaut die 30-Jährige aber auch immer, was kinderkompatibel ist. Auch in den großen Gemüsegarten, in dem Erbsen, Tomaten oder Zucchini wachsen, darf Matthis zum Beispiel gerne mit. „Ich habe mich damit arrangiert, dass auch mal etwas zertrampelt ist, und ziehe so viele Pflanzen, dass auf jeden Fall was bleibt. Da habe ich eine gewisse Gelassenheit entwickelt. Meistens dauern die Dinge mit den Kindern dann einfach länger und oft müssen wir Kompromisse finden, um alle Bedürfnisse zu befriedigen.“

Dass die Familie ihr Leben so führt, hat seine Wurzeln auf der Fortuna, einem Segelschiff für Kinder- und Jugendgruppen. Bei einem dieser Törns haben Caroline und Karsten sich kennengelernt. „Die Kinder sind den ganzen Tag damit beschäftigt zu helfen, sind ständig beschäftigt“, erzählt Caroline Wack. „Und dieses Bild von ‚wir wuppen das hier gemeinsam, wir steuern das Schiff gemeinsam‘, das ist das gemeinsame Feuer, das wir haben.“

Kinder so in den Alltag zu integrieren, ist in Deutschland aber eher ungewöhnlich. „Kinder werden gesondert behandelt, aber ihre Besonderheit wird nicht gewürdigt“, sagt Heinz Sünker, Professor für Sonderpädagogik und Direktor des Interdisziplinären Forschungszentrums „Kindheiten Gesellschaften“ der Bergischen Universität Wuppertal. „Der Blick der meisten Menschen in Deutschland auf Kinder und Kindheit ist ein erwachsenenzentrierter“, stellt er fest. „Kinder werden als Werdende betrachtet, als spätere Erwachsene“, als späterer Teil der demokratischen Gesellschaft und der Arbeitswelt. „Diese Sichtweise unterdrückt und diskriminiert Kinder und steckt sie in einer Extra-Schublade“, sagt er. „Aber eigentlich sind Kinder ja Mitglieder der Gesellschaft und nicht werdende Mitglieder der Gesellschaft. Sie leisten bestimmte Beiträge.“ In seiner Forschung und seinem Wirken vertritt er diesen Blickwinkel seit Jahrzehnten. „Kinder haben also eine Extra-Position in der Gesellschaft, aber die ist ihnen zudiktiert“, erklärt der Pädagoge.

Mündigkeit statt Abhängigkeit

Diese Extra-Position von Kindern, als „Abhängige“, wie Sünker sagt, „könne nur überwunden werden, indem man den Kindern offene Spielräume schafft, in denen sie einfach nur spielen können, und sie zur „Mündigkeit“ erzieht.

Caroline Wack fühlt sich mit ihren Kindern eigentlich nicht gesondert. „Wir haben immer gute Erfahrungen gemacht und werden mit Kindern eigentlich immer gerne gesehen“, sagt sie. Sie findet es in bestimmten Bereichen sogar gut, dass es Extra-Räume gibt. Wenn sie zum Beispiel mal ohne Kinder Zug fährt, möchte sie ihre Ruhe haben. „Es ist gut, dass es das Kinder-Abteil im ICE gibt“, sagt sie, „auch wenn das natürlich viel zu klein ist.“ Außerdem versucht sie, allen Bedürfnissen gerecht zu werden, um so Konflikte möglichst zu umgehen. „Zum Beispiel bei einer Trauung in der Kirche gucken wir immer, dass einer von uns rausgehen kann, falls die Kinder zu unruhig werden. Und es gibt Situationen, da ist es einfach unpassend, wenn Kinder dabei sind. Wenn es nicht geht, würde ich lieber den Babysitter organisieren. Denn auch Erwachsenenbedürfnisse haben ihre Berechtigung.“

Nach denen schaut Julia Posmeck, Mutter eines kleinen 11 Monate alten Mädchens und eines fünfjährigen Jungen, in den letzten Jahren kaum noch. „Wir machen eigentlich nur Kinderprogramm“, erzählt sie. Die studierte Rehabilitationspädagogin in Elternzeit empfindet die Gesellschaft nicht als kinderfreundlich. „Ich habe das Gefühl, es gibt so bestimmte partielle Bereiche, da ist es in Ordnung, Kind zu sein“, sagt die 36-Jährige Wittenerin. „Aber anderswo haben sie sich zu benehmen, wenn sie schon dabei sind.“ Sie vermutet, dass diese Ablehnung Kindern gegenüber eine Mentalitätssache ist: „Ich glaube, dass der Durchschnittsdeutsche es ruhig und regelkonform und mit wenig Überraschungen mag. Das ist so ein Ordnungs-, Gehorsams- und Funktionalitätsgedanke in der deutschen Seele.“ Anders als Caroline Wack wünscht sich die 36-Jährige aber sogar mehr Extras für Kinder. Dass für Kinder mehr mitgedacht wird. „Wenn auf die unterschiedlichen Bedürfnisse in einer Gesellschaft eingegangen wird, ist das doch immer ein Qualitätsmerkmal. Es bräuchte ganz klar mehr gemeinsame Räume, in denen jeder seinem Bedürfnis nachkommen kann.“

„Viele Erwachsenen mögen keine Kinder“

„Es gibt viele Erwachsene, die keine Kinder mögen und sich von ihnen gestört fühlen.“ Das ergab eine Studie im Auftrag der Zeitschrift Eltern, die unter Sechs- bis Zwölfjährigen durchgeführt wurde. 71 Prozent der 741 befragten Kinder stimmten der Aussage zu. „In Deutschland ist es nicht sexy, Kinder zu haben“, kommentiert Eltern-Chefredakteurin Luise Lewicki die Ergebnisse. Eine Kindheit in Deutschland ist meist klar von der Welt der Erwachsenen getrennt.

„Man kann keine klaren Unterscheidungsmerkmale zwischen Kindheiten in Industrienationen und anderen Ländern definieren“, sagt Elisabeth Timm, geschäftsführende Direktorin am Institut für Ethnologie/Kulturanthropologie an der Universität Münster. Allein der Versuch, typisch deutsche Züge in der Kindererziehung oder ein universelles Merkmal zu definieren, sei stereotyp und könne nur oberflächlich bleiben.

Heinz Sünker, der Sozialpädagogik-Professor aus Wuppertal (Foto), sieht das anders: „In mediterranen Gesellschaften sind Kinder mehr im öffentlichen Leben integriert, während es in den kontinental-europäischen Gesellschaften die Separierung gibt.“ Man könne da geographisch, klimatisch differenzieren. „In den mediterranen Gesellschaften findet das gesamte öffentliche Leben eher außen statt. Erstens, weil das Klima viel besser ist: Die Kinder laufen auch nachts noch draußen herum. Zweitens, weil die Wohnungen meist sehr klein sind.“

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