Geburten

Ihr Kinderlein kommet: Der neue, kleine Babyboom in NRW

Guck mal, wer da lacht: In NRW und deutschlandweit werden wieder mehr Babys geboren.

Guck mal, wer da lacht: In NRW und deutschlandweit werden wieder mehr Babys geboren.

Foto: istock

Essen.   Seit zwei Jahren werden wieder mehr Babys in NRW geboren. Wir wollten wissen, warum junge Menschen sich plötzlich wieder fürs Kind entscheiden.

Sie lachen, sie schreien, sie weinen oder schlafen ganz friedlich – und jeder hat sie lieb: Es werden wieder mehr Babys geboren, in Nordrhein-Westfalen aber auch deutschlandweit. Im Jahr 2016 ist das Niveau der Geburten deutlich angestiegen und seitdem beinahe auf dem damaligen Niveau geblieben. „Seit zweieinhalb Jahren merkt man, dass wieder mehr Kinder geboren werden“, sagt Barbara Blomeier, 1. Vorsitzende des Landesverbands der Hebammen Nordrhein-Westfalen. Und während in einem ersten Gedankenreflex die Zunahme der Geburten noch mit der Zuwanderung durch Flüchtlinge erklärt wurde, wissen Statistiker, dass dies nur ein Teil der Wahrheit ist. „Die Kinder der Babyboomer-Generation, also der geburtenstarken Jahrgänge von 1955 bis 1969, kommen jetzt selbst in die Familienphase“, erklärt Katharina Desery (44) vom Elternverband Mother Hood e.V. in Bonn, Mutter von drei Kindern. Das heißt, dass es mehr potenzielle Mütter zwischen Mitte 20 und Mitte 30 gibt. Die durchschnittliche Kinderzahl je Frau ist 2016 sprunghaft auf 1,62 gestiegen – eine Ziffer wie zuletzt 1972, also nach dem sogenannten „Pillenknick“.

Wirtschaftliche Situation spricht eigentlich dagegen

Ein Trend trägt zu dieser Entwicklung bei: Mehr Paare entscheiden sich zum zweiten, dritten oder gar vierten Kind. Eine schlüssige Erklärung jedoch finden beide Expertinnen nicht dafür. Im Gegenteil: „Wir haben eine wirtschaftliche Situation, die gegen eine solche Entscheidung spricht: Die Situation auf dem Wohnungsmarkt ist katastrophal, die Mieten steigen. Und Mütterfreundlichkeit in der Gesellschaft? Die sähe auch anders aus“, beklagt Blomeier. Und dabei hat sie noch die ihre eigene fachliche Perspektive außer Acht gelassen, denn die Hebammen-Situation kann man an vielen Stellen in NRW nur noch als einen Notstand ansehen.

Wann sollte man sich denn am besten um eine Hebamme kümmern, Frau Blomeier? „Am besten, bevor man überhaupt die Schwangerschaft plant“, sagt die Verbandsvorsitzende mit bitter-ironischem Unterton. Und fügt hinzu: „Es ist abartig.“ Man kann eigentlich gar nicht früh genug mit der Organisation beginnen. Das ist der Trend, der sich mit dem Einsetzen des Geburtenbooms noch verschärft hat.

Hebammen ein halbes Jahr im Voraus ausgebucht

„Meine Hebammen-Kolleginnen sind mindestens ein halbes Jahr im ausgebucht. So dass werdende Eltern, die sich nicht frühzeitig darum gekümmert haben oder erst zu spät davon erfahren haben, dass ihnen eine Hebamme zusteht, fast chancenlos sind“, so Blomeier.

Es gibt in der Branche drei große Berufsverbände, eine genaue Anzahl der Hebammen kennt man nicht, weil viele selbstständig arbeiten. Schätzungen kommen aber auf zwischen 4000 und 5000 in NRW. Eine sehr genaue Zahl hingegen hat man zur Anzahl der Geburtskliniken im Land: Der WDR berichtete jüngst, dass es Anfang der 90er-Jahre noch 290 Geburtsabteilungen im Land gegeben hat, mittlerweile aber nur noch 142, also weniger als die Hälfte. Zugespitzt habe sich die Situation im Sauerland in den letzten zwei Jahren: Geburtsstationen in Meschede, Menden und Warstein mussten schließen, übrig geblieben für den großen Umkreis ist nur noch Arnsberg.

Das Problem betrifft allerdings auch die Großstädte: „Der Chef der Uniklinik Köln hat erst letzte Woche öffentlich zugegeben, dass auch sein Krankenhaus zeitweise täglich Frauen abweisen musste“, so Katharina Desery.

Sie macht bezüglich der Geburtsstationen vor allem zwei Probleme aus: „Einige der Kliniken schließen von jetzt auf gleich. Die Frauen, die sich dort angemeldet haben, müssen auf andere Kliniken ausweichen. Aber die anderen Kliniken konnten ja gar nicht ihre Kapazitäten aufstocken in dieser Zeit.“ Zweitens fehle es in den aufrund des Babybooms oft überfüllten Kreißsälen an Personal.

Politische Signale scheinen positiv

Abhilfe scheint allerdings auf dem Weg zu sein: NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) versprach im August vergangenen Jahres, dass die Fahrt in die Geburtsklinik künftig für keine Frau länger als 40 Minuten in Anspruch nehmen sollte. „Wenn man das umsetzen will, muss man auch die kleinen Geburtsabteilungen erhalten. Und da bin ich mal sehr gespannt, wie er das machen möchte. Das war für mich aber ein sehr, sehr positives Signal“, sagt die Hebammen-Vorsitzende. In den Bundesländern wie Bayern oder Baden-Württemberg, in denen die Landespolitik die Geburtenhilfe schon seit längerer Zeit nicht mehr stiefmütterlich behandelt, sieht die Situation mittlerweile besser aus.

Langfristig könnte zumindest die Hebammen-Situation ein wenig entspannter werden. „Wir werden durch die Akademisierung des Berufs einen Aufwind erleben. Es ist jetzt schon so, dass wir steigende Bewerberzahlen haben. Der Beruf wird attraktiver, wenn es ein Studium wird. Aber es dauert drei bis vier Jahre, bis eine Hebamme dann fertig ist. Und bis dahin haben wir quasi den Notstand“, sagt Blomeier. Kurzfristig liegt die einzige Chance darin, vorhandene Ressourcen zu aktivieren. Denn viele Hebammen arbeiten ja nicht in Vollzeit-Stellen, sondern in Teilzeit. Sie könnten ihre Beschäftigung ausweiten und sich etwa auf spezielle Tätigkeiten wie das Aufnahmegespräch spezialisieren, um so die Hebammen im Kreißsaal zu entlasten.

Auch schon früh an Kita und Schule denken

Damit die Babys, die jetzt in Planung sind, auch in Zukunft gut Lachen haben, müssen die Eltern noch ein paar andere Engpässe vorhersehen. Denn am besten meldet man sein Ungeborenes noch während der Schwangerschaft in der Kita an. Und irgendwann soll es ja auch eine gute Schule besuchen. Eng wird das aber nur, wenn der Babyboom weiter anhält – und viele Eltern sich nicht schon im Vorfeld von den ganzen Hürden entmutigen lassen.

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