Geschenkt

Ich sehe aber schlecht aus!

Wird der Schnupfen eigentlich besser, wenn uns besorgte Bekannte mitteilen, wie elend wir aussehen?

Wird der Schnupfen eigentlich besser, wenn uns besorgte Bekannte mitteilen, wie elend wir aussehen?

Foto: dpa

Manche Mitmenschen kommentieren dauernd die Frische unserer Gesichtsfarbe. Sie machen das natürlich nur aus Fürsorge. Oder?

Eines der vielen Klischees, die ich an Engländern schätze, ist ihre Höflichkeit. Besuchen Sie mal mit düsteren Augenringen, grauem Teint und geschwollener Triefnase einen befreundeten Briten. Er würde eher ein Stück aus seiner Teetasse beißen, als irgendwelche Unpässlichkeiten zu erwähnen. In Deutschland gehört es zum guten Ton, selbst losen Bekannten im Vorbeigehen hinzurotzen: „Du siehst aber schlecht aus!“

Ich sehe mindestens seit der Pubertät schlecht aus. Als Kind ist man von Berufs wegen schön, obwohl ich ahne, dass die Hebamme an meiner Gesichtsfarbe was zu mäkeln hatte. Leider gehöre ich zu diesen mittelnordeuropäischen blonden Blässlingen, die nur von Nazis angehimmelt wurden. Und obwohl es auf den Laufstegen von geisterbleichen Models wimmelt, will meine Weißheit nicht elegant rüberkommen. Ist ja auch ein Unterschied, ob man von Stylisten stundenlang auf „Gerade-eine-Koks-Party-überlebt“- geschminkt wird – oder nur schlecht geschlafen hat.

Obwohl Makellosigkeit heute Pflicht ist, beschäftigt mich mein mehr oder weniger gelungenes Spiegelbild nicht dauernd. Ich bin ja Redakteurin und kein Model. Zu Sorgenfalten führt bei mir allerdings die Neigung unserer Gesellschaft, jeden und alles pausenlos zu bewerten. Als wären wir Teil einer Doku-Soap und unser Alltag ein Rund-um-die Uhr-Ranking.

Natürlich gibt es das fürsorgliche „Du sieht aber schlecht/schmal/blass aus!“ von Freunden und Verwandten. Das lässt man sich gefallen, besonders wenn es gekoppelt ist an die Frage: Kann ich was für dich tun? Was von mir freudig mit: Spülmaschine ausräumen, Wäsche aufhängen... bejaht wird – wobei ich sofort besser aussehe.

Doch meistens wird der Kommentar zur Lage der Attraktivität gleichgültig rausgehauen. Es gibt zwei Varianten. 1. Die Apokalyptische. Sie sagt mit Röntgenblick „Duuu siehst aber elend aus!“ und suggeriert, dass man mindestens schwer krank ist. Den Rest des Tages verbringt man mit Visionen vom nahen Ende. 2. Die Biestige. Sie klingt vorwurfsvoll wie La Fontaines Fabel-Ameise, die der faulen Grille die Meinung geigt. Und zwar: Du müsstest nicht so schlecht aussehen. Wenn du seit zwanzig Jahren diätet und teuer gecremt hättest oder wenigstens zehn Jahre später geboren wärst.

Fieser und sehr verbreitet ist 2b, die heimlich denkt: Je schlechter du aussiehst, desto besser wirke ich.

Wenn mir jemand im grauen Februar sagt, dass ich „aber schlecht“ aussehe, blühe ich auf: „Geht mir seit 40 Jahren so, und es wird täglich schlimmer!“ Lieber würde ich ins höfliche England auswandern. Leider droht da der ungeschminkte Brexit. Sieht gar nicht gut aus...

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