Kunst unter freiem Himmel

Hasentempel und Stadtkuppel: Zwischen Gedanken und Gedenken

Der Hasentempel von Leiko Ikemura auf dem Bahnhofsvorplatz.

Der Hasentempel von Leiko Ikemura auf dem Bahnhofsvorplatz.

Foto: Jakob Studnar / FUNKE Foto Services

Recklinghausen.  Recklinghausen wertet sein Stadtbildganz bewusst mit Kunst-Akzenten auf, die auch der Geschichte der Stadt Rechnung tragen.

Die Hauptbahnhöfe im Ruhrgebiet zählen ja leider in den seltensten Fällen zu den hinreißenden Schönheiten der Region. Und dass Recklinghausen da nicht als rühmliche Ausnahme herausragt, sondern mit einem recht klotzigen Zweckbau aufwartet, darf man getrost notieren, ohne gleich von den Einheimischen ins Gleisbett gestoßen zu werden. Dennoch wird man hier gleich bei der Ankunft von einem freundlichen Gesicht empfangen. Und das liegt daran, dass man mitten in einem Kunstwerk steht, wenn man vom Bahnsteig die Treppe hinuntergeht.

Die kurze Unterführung, die einst ein kleiner Angstraum gewesen sein mag, wurde erst im Herbst 2019 vom Kölner Künstler Jan Hoeft mit einer Installation unter dem freundlich-frischen Titel „Hallo, wie geht’s?“ versehen. Ein riesiger Smiley aus Metall strahlt mit regenbogenfarbenen Augen die Reisenden an, die metallenen Handläufe der Treppen schnörkeln sich der Unterführung an den Wänden und unter der Decke entlang und bilden zur Bahnhofshalle hin eine Hand, die das Victory-Zeichen macht. All das wirkt vor den kalten, weißen Fliesen der Wände immer noch ein wenig kühl und nüchtern, wertet den ansonsten schmucklosen Durchgang aber dennoch gewaltig auf.

Ein Unterschlupf vor der Außenwelt

„Ein Kunstwerk zum Anfassen“, fasst Hans-Jürgen Schwalm, der Direktor der Kunsthalle Recklinghausen, es griffig zusammen. „Jan Hoeft wollte so ein bisschen gute Laune verbreiten“, sagt er und lobt die „Luftschlangen-Ästhetik“, an die das Werk unverkennbar erinnert.

Bis zum nächsten Kunsterlebnis sind es nur ein paar Schritte, denn auf dem Bahnhofsvorplatz durchbricht eine Oase der Ruhe die allgemeine Geschäftigkeit: der „Hasentempel“ der japanischen Malerin und Bildhauerin Leiko Ikemura steht seit 2015 als meditativer Gegenentwurf zu Fahrplan-Zwängen und Menschengewusel dort. Die Bronze-Skulptur mit der weißen Patina bietet mit ihrem geöffneten Rock einen Unterschlupf vor der Außenwelt.

Eine spielerische Annäherung an Architektur

Wie bei so vielen Kunstwerken in Recklinghausen gab es Diskussionen um die Aufstellung – allerdings führt in dieser Hinsicht wohl Per Kirkebys „Backsteinskulptur für Recklinghausen“ mit weitem Abstand. 1992 hatte der Däne eine Ausstellung in der Kunsthalle, während der die Idee für das Kunstwerk am Lohtor/Herzogswall entstand, wie sich Direktor Hans-Jürgen Schwalm erinnert. Aber erst 1996 wurde das Bauwerk realisiert, denn dass es an der Wiese vorm Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs steht, hat anfangs vielen nicht gefallen. „Man musste erst an großen Modellen zeigen, dass das Ganze sehr transparent ist“, so Schwalm. Heute sieht man, dass die 26 Meter lange und sechs Meter hohe Skulptur dem alten Ehrenmal nichts von seiner Würde raubt. „Es ist eine spielerische Annäherung an Architektur“, meint der kunstverständige, ruhig und kenntnisreich erzählende Direktor.

Vom Ehrenmal geht es am Herzogswall entlang zum Mahnmal: „Das Ganze und die Teile“ heißt die zurückhaltende Skulptur von Timm Ulrichs, die seit 1990/91 an der Ecke zum Westerholter Weg an die vom Nazi-Regime verfolgten Juden erinnert. In unmittelbarer Nähe stand die in der „Reichspogromnacht“ zerstörte Synagoge. Timm Ulrichs schuf mit zwei Halbkugeln ein Symbol für das „Auseinanderreißen einer einmal gewesenen Einheit“, führt Schwalm aus. Auf der einen Kugel liest man „Recklinghausen“ mit seinen geografischen Koordinaten, auf der anderen Hälfte dasselbe für „Jerusalem“. Verbunden wird beides mit einem steinernen Band, auf dem die Distanz beider Städte zueinander verzeichnet ist: 3161 Kilometer. Hier finden an den entsprechenden Tagen die Gedenkveranstaltungen statt. „Die jüdische Gemeinde bei uns ist immer noch groß“, sagt Schwalm und lobt die „vorbildhafte Erinnerungskultur“ der Stadt.

Ein Identifikationspunkt

Das letzte Innenstadt-Kunstwerk auf unserer Route kennen die meisten daher, dass sie es schon oft umkreist haben. Danuta Karstens „Stadtkuppel“ von 2013 (siehe Serienmarke) ist eines dieser Kreisverkehr-Kunstwerke, die man im Vorbeifahren zwar als deutliche Verschönerung des Stadtbilds wahrnimmt, aber bei diesem flüchtigen Erlebnis erstmal nicht unter künstlerischen Gesichtspunkten betrachtet. Dabei lohnt es sich, auch dies zu tun. „Was diese Kuppel darstellt, ist das zur Kugel gebogene Straßennetz von Recklinghausen“, so Schwalm. In einem Wettbewerb suchte man damals einen „Identifikationspunkt für die Recklinghäuserinnen und Recklinghäuser“. Eine schöne Assoziation eigentlich, denn durch die Wölbung wirkt das Straßennetz auch wie die nördliche Halbkugel eines Globus.

Abstrakt und doch sehr körperlich

Und an dieser Stelle könnten wir jetzt eigentlich den Rundgang ausklingen lassen, wenn, ja, wenn man nicht schon die Protestrufe jener hören könnte, die jemals bei den Ruhrfestspielen zu Gast waren und die gewaltige Schwere von Henry Moores bronzenem „Two-Piece Reclining Figure No. 5“ aus nächster Nähe erlebt hätten. Es ist schön, diese abstrakte Figur von 1963/64, den Senior der hiesigen Stadtkunst, die entfernt an Formen des menschlichen Körpers erinnert, einmal ohne Menschenmassen zu sehen, ohne Pommesschalen und Bierbecher, sondern ganz schlicht und nackt, wie auseinander geschnittene Teile eines Objektes, bei dem wesentliche Verbindungsstücke fehlen, die aber durch ihre Formensprache dennoch zueinander gehören. Hier darf unsere Tour auf der Wiese vor dem Festspielhaus enden, friedlich und letztlich auch erholsam.

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