Europameister

Grillen, Armdrücken, Hundefrisbee: verrückte Europameister

Die Griller Oliver Sievers und Alfons Wienen (r.) beim Üben in Duisburg.

Die Griller Oliver Sievers und Alfons Wienen (r.) beim Üben in Duisburg.

Foto: Fabian Strauch

Fußball können viele. Wir stellen außergewöhnliche Europameister vor, die Experten in ihrer Disziplin sind, wie Kaninchenzucht oder Grillen.

Wie stellen wir uns unser Europa vor? Stark, sicher, schön, sauber, zupackend – und gerne auch mal lecker. Woran die EU noch arbeitet, das haben diese Menschen (und Tiere) aus der Region schon geschafft: Sie sind Europa-Meister ihres Faches!

>> Europameister im Hundefrisbee

Melanie Fydrich liegt auf dem Rücken und streckt die Beine in die Luft – das Zeichen für ihre Hündin zu springen. Und zwar auf die Füße der 31-Jährigen, die sogleich eine der sieben Frisbeescheiben wirft, die die Schnauze schnappt. So verhält sich ein Europameister in Hundefrisbee, Kategorie „Freestyle“.

Dabei geht es nicht nur darum, dass der Vierbeiner die Augen-Schnauze-Koordination perfekt beherrscht. Er muss in zwei Minuten auch so manches Kunststück bewerkstelligen, auf die Füße oder auf den Rücken des Menschen springen. Melanie Fydrich hat so mit ihrer Baily (9) den Europameistertitel geholt und 2018, nachdem die Favoritin in Rente gegangen ist, gewann sie das Turnier mit Trouble (4).

Ein ungewöhnlicher Name für einen disziplinierten Sportler. „Das heißt ja nicht unbedingt ,Ärger’ – das bedeutet ja auch: ,viel los’“, so Melanie Fydrich, die mit Mann und drei Hunden in Duisburg lebt und dort die Hundeschule Heinrichsen betreibt. Vielen Hunden könne man es beibringen, die Scheibe zu fangen. Aber nicht jeder habe Lust dazu. Anders bei ihrem Border Collie Trouble: „Ich könnte sie nachts wecken. Sie braucht keine Extrabelohnung.“

Aber auch der Mensch muss fit sein, die Wurftechnik beherrschen. Melanie Fydrich übt daher mit dem Mensch-Hunde-Team „Hat’ta“, Ruhrpottdeutsch für „Hat er (gefangen)“. Was sie aber selbst ihren Stars nicht beibringen kann: Die Hunde werfen die Frisbeescheibe einfach nicht zurück.

>> Europameister im Armdrücken

Sylvester Stallone in „Over the top“ hat jeder gesehen. Zumindest fällt der Actionfilm von 1987 jedem sofort ein, wenn er an Armdrücken denkt. Und tatsächlich hat auch Christian Stahlhofen (heute 37, bei 1,88 Meter 130 Kilo) aus Duisburg genau hingeschaut – und direkt mal die Bizeps angespannt. Stark: Zwei deutsche Meistertitel, die nächste EM ist jetzt im Mai. Sein kleiner Bruder Philipp (25, mit 80 Kilo auf 1,64 Meter laut Selbstbeschreibung „relativ kompakt“) ließ sich mitreißen und kam groß raus. Elf Mal Deutscher Meister, über allem: Weltmeister. Das hat er mit links gemacht.

Mit dem rechten Arm wurde er „nur“ Vize-Weltmeister. 2012 war das zwar, aber Philipp ist noch immer erfolgreich aktiv. Und der Beste von Europa ist er im Prinzip mit. Denn die EM fand gleichzeitig statt, wie er sich erinnert: „Aber die WM hat in Brasilien stattgefunden, das habe ich dann lieber mit einem schönen Urlaub verbunden…“ Als Rechtshänder beidhändig an den Tisch zu gehen, wie ein Fußballer beidfüßig schießen zu können gewissermaßen, ist im übrigen von Vorteil. Philipp: „Die Oberarme werden sonst deutlich unterschiedlich dick.“ Augen auf beim Hemdenkauf also!

Der Kampf, oder netter ausgedrückt, der wettbewerbliche Handshake selbst dauert nebenbei bemerkt oft nur Bruchteile von Sekunden. Bis einer einknickt. Dabei kann man sich weh tun. Neulich etwa hat sich der Muskelmann eine Innenbandzerrung zugezogen. Im Knie! „Weil man sich unterm Tisch halt auch immer abdrückt.“ Auf „Power und Tagesform“ komme es ansonsten an, auf Ernährung eher weniger. „Haferflocken und viel Quark“ helfen aber, so sein Tipp an Puddingmuckis.

Und was machen Philipp und Christian Stahlhofen so beruflich? Telefonbuchzerreißer oder Elefantenstemmer? Quatsch, ganz solide: Die Brüder sind zusammen selbstständig in der Meidericher Autofirma vom Vater

>> Europameister in der Kaninchenzucht

Die Ohren haben die richtige Länge, sind nicht faltig, dafür schön behaart. Ja, so sieht ein Europameister aus. Mit seinem Hoppler hat Züchter Wolfgang Schreiter aus Kirchhundem den Titel 2018 in Dänemark geholt, in der Kategorie: „Deutscher Kleinwidder wildfarben-weiß“.

Nein, das ist kein Schaf, sondern ein Kaninchen. Ein Widderkaninchen hat Schlappohren. Und der Kleinwidder wiegt mit drei bis dreieinhalb Kilo mehr als ein Zwergwidder und weniger als ein Deutscher Widder. Der Rücken des wenige Monate alten Europameisters aus dem Kreis Olpe ist braun wie bei einem Wildkaninchen und die Brust und der Bauch sind weiß. Schneeweiß. Da darf kein Fleck auf den Vorder- oder Hinterläufen zu sehen sein. „Sonst gibt es Abzüge“, sagt der 63-Jährige und räumt ein: „Das klappt nicht immer. Ich habe auch Kaninchen mit Flecken.“

Bei diesem Wettbewerb geht es nicht darum, wer am höchsten hüpfen kann. Auch Hakenschlagen ist keine Disziplin. Das Aussehen ist entscheidend. Körper- und Kopfform werden begutachtet und ob das braune Fell sauber und dicht ist. Wenn man hineinbläst, darf kein weißer Ansatz zu sehen sein.

In der Kaninchen-Szene kennt man sich. Und wenn man da an den früheren Gewinnern vorbeizieht, ist das schon ein gutes Gefühl, so Schreiter. Schampus gibt es aber nicht für den Sieger. Eine Urkunde muss genügen – und vielleicht eine Extra-Möhre für die Wackelnase. Trotzdem wird sich der kleine Europameister nicht beschweren, schließlich hat er ein Leben. Was nicht für alle der über 30 Kaninchen von Züchter Schreiter garantiert ist. Manche landen im Topf. „Ich esse viele Kaninchen. Das ist gesundes Fleisch.“

Anfangs war auch der Rammler nicht allein. Der Wettbewerb ist nämlich ein Teamsport. Zu viert hatten sich die Langohren in Transportboxen vom Sauerland auf den Weg nach Skandinavien gemacht. Aber auch die weiblichen Mitstreiterinnen – Sie können aufatmen! – mussten kein Schnurrhaar lassen. Europameister sind gefragt. Nur den Rammler hat der Maschinist nicht verkauft. Der ist dem Vater und Großvater ans Herz gewachsen. Außerdem geht die Zucht weiter. Und wer weiß, vielleicht wird ein Nachkomme des Europameisters mit den hängenden Löffeln ebenfalls aufs Treppchen hüpfen.

>> Europameister im Cheerleading

Cheerleader oder besser: Cheerleaderinnen kennt man aus den amerikanischen Filmen oder dem amerikanisierten Vorprogramm von Sport-Events hierzulande, yeah. Die Duisburg Dockers kennt man, weil sie den amtierenden Europameister im Cheerleading stellen – die Jubelarien waren im vergangenen Juli im niederländischen s-Hertogenbosch zu bewundern. Blue Thunderstorm nennt sich das Team der Ab-25-Jährigen. Die Trainerinnen Alina Pfannkuche (30) und Christina Terbrüggen (28) hatten im Vorfeld die Übungsstunden ordentlich angezogen, drei Mal die Woche drei bis vier Stunden, das ist echter Sport.

Zur Musik zum Thema Gewitter (engl.: thunder­storm) müssen Spagate, Kicks, Drehungen und Sprünge mit dem gewissen Pom-Effekt, also dem richtigen Einsatz der bunten Püschel, in gut zwei Minuten bei voller Konzentration den strengen Augen der Jury standhalten. Die achtet bei der Punktvergabe exakt auf die Synchronität der Arme und natürlich auf die Schwierigkeitsstufe. „Wir hatten gedacht, irgendwo im Mittelfeld zu landen, und waren völlig überrascht von unserem Erfolg“, sagt Alina Pfannkuche.

Die Trainerin ist im echten Leben Lehrerin und kam selbst zu den Anfeuerungs-Athleten, weil sie beim Eishockey die Pausenshow gut fand. Ja, es heißt Show, und es sind Tänzer – im Gegensatz zur Klasse der sogenannten Stunter, das sind die mit den menschlichen Pyramiden. Verlassen muss man sich hier wie da immer aufeinander. Gibt es denn keine Zickereien, wie man das halt so, siehe oben, aus dem Kino kennt? „Nein“, lacht sie, „wir haben sogar noch die ganze Woche gemeinsam in Holland verbracht und gefeiert.“ Das musikalische Thema der neuen Show schweißt auch wieder zusammen: die Liebe.

>> Europameister der Hacker

Etwas Besseres als die Ruhr-Uni gibt es für IT-Sicherheit nicht. Weil er davon überzeugt ist, zog Benjamin Walny aus Süddeutschland extra nach Bochum – und belegt den Studiengang seit 2016. Eine gute Wahl: Der 22-Jährige ist mit der Auswahl der besten deutschen Informationstechniker amtierender Europameister, holte im Oktober unter 17 Ländern den Titel im Tobacco Dock in London.

Bei professionellen Datenverarbeitern heißt so eine Hacker-EM dann natürlich etwas ausgecheckter European Cyber Security Challenge und diese Nationalelf ist eine Zehn. Der Bochumer ist spezialisiert auf Schwachstellen in Web- und Software-Anwendungen, anderen liegen Disziplinen wie Forensik oder Kryptographie mehr – neben dem Teamwork kommt es dabei auf die Schnelligkeit an. Wem das jetzt zu sehr Big Bang Theory ist, dem sei versichert: Es geht im Prinzip darum, Sicherheitsprobleme aus der Computerwelt zu schaffen. Legal, klar. An solchen Serverschutz-Spezialisten, kann man sich vorstellen, hätte der Staat sicher Interesse.

Sicher, sagt Walny, vorstellen kann er sich das indes nicht: „Da sollte die Politik Gehälter und Arbeitsbedingungen an die freie Wirtschaft anpassen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Der einzige Grund, etwa beim BND anzufangen, ist wohl Patriotismus – weil man überall sonst bessere Konditionen geboten bekommt.“

Begonnen hat Walny so, wie er es auch den Nachwuchs-Nerds empfiehlt: mit virtuellem Flaggen-Fangen. Solche Capture-the-Flag-Veranstaltungen (CTF) sind Online-Wettbewerbe, bei denen Lösungen zum Beispiel für Viren-Verwundbarkeiten gefunden werden müssen. In der – sehr männlich geprägten, aber dennoch natürlich allen offen stehenden – Szene gibt es viele Teams und Turniere, das der RUB heißt FluxFingers. Persönliche System-Voraussetzungen? Neben Neugierde ist für Benjamin Walny eine hohe Frustrationstoleranz vonnöten. „Manchmal bekommt man eben nichts oder sehr wenig gelöst.“

>> Vize-Europameister und Weltmeister im Grillen

Man hört den Teamnamen „BBQ Wiesel“ und befürchtet schon Schlimmstes, doch zur Beruhigung: Die kommen teils aus Wesel, da liegt doch so ein Name nahe. Und bei den besten Grillern weit und breit ist noch nie ein Wiesel auf dem Rost gelandet. Wenn man ganz ehrlich ist: Die BBQ Wiesel sind bei den Europameisterschaften nur „Vize“ geworden, dafür aber bei den Weltmeisterschaften 2017 Sieger.

Wer auf so einem hohen Niveau grillt, der muss auch etwas dafür tun. Was früher mal ein Hobby war, ist heute deutlich mehr. „Ich arbeite noch voll, aber die restliche Zeit geht komplett für die BBQ Wiesel drauf“, sagt Alfons Wienen (49) aus Duisburg. Er und seine Mitgriller Thorsten Brandenburg, Gordon Narloch (beide aus Wesel), Oliver Sievers aus Bochum und Klaus Breinig aus Kassel kennen längst keine Grillsaison mehr. „Alle haben Möglichkeiten geschaffen, im Winter schön durchzugrillen“, so Wienen. Weihnachten gab’s Ente vom Grill.

Während in Europa 40 bis maximal 70 Teams zu Wettbewerben antreten, sind es in den USA bis zu 600, gegen die sich die Wiesel durchgesetzt haben, auch in der Königsdisziplin „Brisket“, bei der mit niedriger Temperatur Rinderbrust im Rauch gegart wird. Bei den Wettbewerben geht es um richtig viel Geld: 10.000 Dollar brachte der Weltmeistertitel. Die Wiesel sind oft dabei, in den letzten vier Jahren waren sie für vier, fünf Wochen drüben bei Wettkämpfen.

Natürlich grillen die Meister auch außergewöhnliche Gaumenkitzel, so Wienen: „Gerade in der Spargelzeit gibt es sehr schöne Rezepte, etwa gegrillter Spargel mit Bacon ummantelt.“

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