Corona-Geist

Geliebt und gehasst: der Corona-Geist nun auch auf T-Shirts

Von der Hauswand aufs T-Shirt: Das Corona-Gespenst mit Mundschutz kann man nun auch auf T-Shirts sehen. Doracia Kurkamp und Jessica Stein Alonso bedrucken sie auf ihrem Dachboden in Dortmund. Mit anderen Motiven prangern sie Rassismus an, den sie auch selbst erlebt haben.

Von der Hauswand aufs T-Shirt: Das Corona-Gespenst mit Mundschutz kann man nun auch auf T-Shirts sehen. Doracia Kurkamp und Jessica Stein Alonso bedrucken sie auf ihrem Dachboden in Dortmund. Mit anderen Motiven prangern sie Rassismus an, den sie auch selbst erlebt haben.

Foto: Andreas Buck / Andreas Buck / FUNKE Foto Services

Dortmund.  Die Graffiti mit dem maskierten Geist sind in Dortmund nicht mehr nur an vielen Hauswänden zu sehen. Zwei junge Frauen zeigen sie nun auf Shirts.

Wer in Dortmund lebt, kommt an ihm nicht mehr vorbei: dem Corona-Geist. An gefühlt jeder zweiten Hauswand und an vielen Stromkästen zeigt er sein maskiertes Gesicht. Die einen ärgern sich über die Graffiti als Schmiererei, die anderen sehen darin ein neues Symbol für ihre Stadt. Der Sprayer jedoch bleibt anonym. „Er hat den Geist wie ein Virus verbreitet“, sagt Jessica Stein Alonso. Wobei ist er wirklich ein Er? Eine Sie? Oder eine Gruppe? Auch Stein Alonso und ihre Freundin Doracia Kurkamp bringen den Corona-Geist unter die Leute. Allerdings nicht auf Hauswänden, sondern auf T-Shirts.

Die beiden 33-Jährigen kennen sich seit ihrem Job neben der Schule in einer Modeboutique. Stein Alonso hat danach zwar eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau im Bereich Textil gemacht. Aber eigentlich war Mode den Freundinnen nie wichtig. Doracia Kurkamp hat Sport und Englisch in Großbritannien studiert und dort nicht nur als Lehrerin gearbeitet, sondern auch als Basketballcoach in Birmingham. Sie trainierte Kinder in sozialen Brennpunkten – und ein Team der Polizei. Ihre Fitness hat ihr im Leben geholfen, oder sie auch gerettet. Aber dazu später mehr...

Heute leben beide in einem Haus in Dortmund: Jessica Stein Alonso, die in einem Sanitätshaus arbeitet, in der dritten Etage, Doracia Kurkamp, die mit ihrem kleinen Sohn in Elternzeit ist, in der vierten. Da sitzt man öfter zusammen und kommt so auf Ideen: „Wollen wir T-Shirts machen?“ Sofort fielen ihnen im Mai die Corona-Geister ein. „Wir wollten keine Diebe der Kunst sein“, so Doracia Kurkamp. Bis jetzt haben sie keinen persönlichen Kontakt zu dem Geister-Beschwörer. Aber über Dritte hätten sie erfahren, dass es für ihn – oder für sie? – okay sei, dass sie die Shirts drucken.

Auch Alltagsmasken bedrucken sie mit dem maskierten Geist

„Woo Hoo!“ steht unter einem Geist. Ein anderer schaut grimmig oder hustet. Acht Motive zeigt der Stoff aus Bio-Baumwolle für Frauen, Männer und Kinder von „Conscious Affairs“, so der Label-Name (je 22,99 €). Die Original-Graffiti lassen die beiden von einem Grafikdesigner, der in Pakistan lebt und den sie über das Internet kennengelernt haben, nachzeichnen. Auch Alltagsmasken bedrucken sie nun auf dem Dachboden mit dem Geist.

Kurkamp sagt über den Graffiti-Sprayer: „Ob er für die Maßnahmen ist oder dagegen, kann man sich selber denken – wir finden das Design super.“ Es gibt dem Thema, das viele Menschen verunsichert, eine Prise Humor. Bei der Corona-Pandemie sind die Frauen nachdenklich und kritisch, fällen aber nicht so schnell ein Urteil etwa über die Maskenpflicht. „Wir sind keine Wissenschaftler, keine Ärzte, es ist besser, sich zurückzuhalten“, sagt Kurkamp. Stein Alonso ergänzt: „Wir können nicht verstehen, wenn Menschen aggressiv werden. Wir sitzen alle im selben Boot und sollten versuchen, uns einander respektvoll zu behandeln.“

Bei anderen Themen beziehen sie jedoch klar Stellung: So etwa bei Kindesmissbrauch. Sie wollten ein Bild von Eric Ravelo drucken, das Kinder als Opfer zeigt. Doch der Künstler antwortete: „Kinder sollen nicht benutzt werden, um damit Profit zu machen.“ Das können die Frauen verstehen, wobei sie betonen: „Es geht uns nicht ums Geld!“ Sie wollen mit Menschen ins Gespräch kommen, wachrütteln. „Ein T-Shirt ist manchmal besser als Worte“, sagt Doracia Kurkamp, deren Wurzeln halb in Deutschland, halb auf Barbados liegen. „Black Lives Matter“ ist ihr nicht erst wichtig, seitdem im Frühjahr der Schwarze George Floyd durch einen Polizisten in den USA ums Leben gekommen ist. „Für mich persönlich war das ein ganzes Leben lang Thema“, sagt Kurkamp zu ihren Erfahrungen mit Rassismus.

Sie habe sich schon als Schülerin in Dortmund viele Sprüche anhören müssen. „Ich wurde auf offener Straße angespuckt, gejagt.“ So habe ihr mal ein Mann ein Tattoo auf seiner Brust gezeigt: ein Hakenkreuz. Und dann sei er ihr zusammen mit einem anderen Mann gefolgt. „Ich habe ,Hilfe, Hilfe!’ geschrien, aber niemand hat mir geholfen“, erinnert sich Doracia Kurkamp an das Erlebnis mit 15. Sie konnte entkommen. „Ich war schon immer schnell, das war mein Glück.“

Sie ärgert sich über die Ignoranz der Leute

Aber selbst, wenn die Menschen es gar nicht böse meinen, muss sie doch schlucken bei so viel Ignoranz, wenn sie etwa einen Spruch wie diesen hört: „Ach schön, dass dein Sohn nicht so dunkel ist.“

Schon früh lernte sie in der Schule, dass es im Malkasten eine Farbe gibt, die die Lehrer „Hautton“ nennen. Und der ist hell. „Who says nude is the only skin tone?“ (Wer sagt, „Nude“ ist der einzige Hautton?) steht nun auf einem der Shirts. Darüber sind Wachsmaler zu sehen, von hell bis dunkel – denn natürlich gibt es nicht nur den einen Hautton.

Bei einem anderen Shirt ist ein Schwarzer zu sehen, in lässiger, selbstbewusster Pose. Erst durch Fotos und deren Bearbeitung wirkt er wie ein Krimineller. Darunter steht: „Fake News!“

„Wir sind noch am Anfang“, sagt Jessica Stein Alonso, die deutsche und spanische Wurzeln hat. Es gebe noch so viele relevante Themen, bei denen man mit Vorurteilen aufräumen müsse. Dabei denkt sie zum Beispiel an gute Freunde, die homosexuell sind. „Wir sind für Gerechtigkeit – und dass die Leute nicht immer mit Scheuklappen rumlaufen.“

>> Zu politisch für Instagram? Die Spielregeln der sozialen Medien

Wer heute bekannt werden möchte, kommt an den „sozialen Medien“ kaum vorbei. So zeigen Jessica Stein Alonso und Doracia Kurkamp die Shirts ihres Labels „Conscious Affairs“ etwa auf Facebook. Bei Instagram, das zum Konzern gehört, haben sie einen Business-Account. Nun wollten sie ihre Bekanntheit erhöhen, indem sie ihre Shirts und Masken „promoten“. Das heißt: Sie zahlen Instagram einen Beitrag von einem bis zu mehreren Tausend Euro, je nach Reichweite und Laufzeit, damit mehr Leute ihre Produkte sehen.

Auf Instagram werden solche Beiträge als „Gesponsert“ kenntlich gemacht. Doch bei den Shirts, die sich mit Rassismus auseinandersetzen, und bei den Geister-Masken wurde ihr Anliegen abgelehnt. „Es ist DIE Kommunikationsplattform, aber man darf dort nicht alles kommunizieren?“, ärgert sich Stein Alonso. Die Frauen fragten sich, ob das etwas mit ihrer kritischen Haltung zu tun hat.

Auf Anfrage dieser Zeitung erklärt Instagram, dass sich Kunden vor der Verbreitung von politischen Themen speziell registrieren lassen müssen. So schreibe es die Facebook-Werberichtlinie vor. Auch für nicht medizinische Alltagsmasken benötige man eine „Werbeberechtigung“. Diese Beiträge sind nichts anderes als bezahlte Anzeigen, auch wenn sie nicht mit dem Wort „Anzeige“, sondern mit „Gesponsert“ markiert sind. Und wer da mitspielen möchte, muss sich auf Bürokratie einlassen.

Der Medienwissenschaftler Johannes Paßmann von der Uni Siegen sagt: „Plattformen inszenieren sich selbst gern als neutral, sind es aber nicht.“ Sie würden Themen auswählen, ohne dass dies ein Verstoß gegen die Meinungsfreiheit sei. Das Label darf auf der eigenen Instagram-Seite alle Produkte zeigen.

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