Das besondere Museum

Früherer Macho sammelt heute Fingerhüte

Joachim Bürger zwischen seinen Schätzchen. Zusammen mit zwei Sammlerinnen präsentiert er 1600 Fingerhüte.

Joachim Bürger zwischen seinen Schätzchen. Zusammen mit zwei Sammlerinnen präsentiert er 1600 Fingerhüte.

Foto: Andreas Buck / Andreas Buck / FUNKE Foto Services

Essen.  Joachim Bürger provozierte einst mit Büchern für den selbstbewussten Mann. Heute besitzt er einen Nähladen in Essen. Er zeigt 1600 Fingerhüte.

„Es gibt die Fingerhüte in klein, mittel und groß – wie die Kondome“, sagt Joachim Bürger mit einem schiefen Lächeln. Der heute 71-Jährige hat einst nicht nur als Werbefachmann gearbeitet, sondern in den 90ern auch so manches Macho-Buch geschrieben. Das erste veröffentlichte er mit dem Titel: „Mann, bist Du gut. Was Männer den Frauen immer schon mal sagen wollten“. Damals hätte es wohl keiner für möglich gehalten, dass genau dieser Mann, der durch Talk-Shows tingelte und von Margarethe Schreinemakers rausgeworfen wurde, einmal einen Nähladen eröffnet und zudem noch Fingerhüte sammelt. Die Idee dazu kam von seiner Fußpflegerin.

Aber der Reihe nach: 35 Jahre lang leitete Joachim Bürger eine Marketingagentur in Düsseldorf. Mit 60 Jahren machte ihm die Arbeit nicht mehr so recht Spaß. „Es wachsen junge Leute nach, und die wollen von alten Säcken keinen Rat mehr haben.“ Also verkaufte er die Agentur und dachte: Was nun? Bis eines Tages seine Fußpflegerin in sein Haus kam und von der Idee eines Nähcafés erzählte. Mit Nähen hatte Joachim Bürger nichts am Hut – aber seine Neugier war geweckt.

Es sollten 40 Näh-Geschäfte werden

Er schaute sich in der Branche um und entdeckte viele verstaubte Läden. Dabei nahm das Interesse an den Stoffen gerade bei den jüngeren Frauen wieder zu. Also suchte er sich einen Investor und machte „Zic’nZac“ in der Essener City auf – es sollte eigentlich der erste Laden von 40 Filialen werden. „Ich wollte nicht nur das tapfere Schneiderlein sein“, betont Joachim Bürger. Doch der Investor bekam aus anderen Gründen Geldprobleme, worauf Bürger dessen Anteile kaufte.

Ein neuer Investor sei nicht in Sicht. Da irrtümlicherweise alle vor dem Online-Handel zurückschreckten. Dabei sei sein Laden ein Erlebnisort mit Nähkursen und Stoffballen. „Frauen müssen das fühlen.“

Der Traum von der großen Handelskette ist noch nicht ausgeträumt. Schließlich hat er Preise für sein Konzept eingeheimst, darunter einen für die gute Nähausbildungsstätte: den goldenen Fingerhut. Seitdem lässt er sich von den kleinen Näh-Utensilien verzaubern. „Ich stehe davor und träume“, sagt Joachim Bürger und lässt seinen Blick über die winzigen Abbildungen wandern, die ihn in Gedanken zu alten Reisezielen fliegen lassen, nach Barcelona oder Lloret de Mar. „Da! Die Costa Brava – waren wir damals besoffen.“

Die Fingerhüte sollen bei seinen Kunden – 98 Prozent seien weiblich – ebenfalls das Kopfkino anknipsen. Dabei müssen die Erinnerungen nicht feucht-fröhlich sein. „Von Alaska bis Zypern: Überall auf der Welt gab und gibt es Fingerhüte“, sagt Joachim Bürger und fügt gewohnt vollmundig hinzu: „Der Fingerhut ist das erste Symbol der Globalisierung.“

Der älteste aus Horn soll aus der Nähe von Moskau stammen und rund 10.000 Jahre alt sein. Den hat Joachim Bürger nicht in der Sammlung. Aber für ihn ist bei einem Fingerhut der ideelle Wert eh höher als der eigentliche Preis. Es gibt sie schon ab fünf Euro – „nach oben keine Grenze“ –, zudem sind sie seit dem frühen 19. Jahrhundert ideale Souvenirs, denn sie passen selbst in die kleinste Reisetasche. „Ruhrgebiet“, steht auf einem geschrieben, auf dem Förderturm, Schornstein und Tetraeder zu sehen sind. Joachim Bürger kommt aus Duisburg und lebt heute am Niederrhein in Neukirchen-Vluyn in einer ehemaligen Mühle – die sammelt er auch. Also jetzt nicht die echten großen, aber Mühlen-Nippes.

Mehr fürs Auge als für den Finger

Joachim Bürger bittet René Sprenger, Schneidermeister im Essener Laden, zu zeigen, wie man mit einem schlichten Fingerhut geschmeidig eine Nadel durch einen festen Stoff schiebt, ohne sich dabei am Finger zu verletzen.

Kleine Einkerbungen am Hut fixieren die Nadel. Bei den schicken Exemplaren sind sie kaum zu sehen. Der 32-Jährige gibt zu, dass sie mehr fürs Auge sind als für den Finger: „Mit den meisten Souvenir-Fingerhüten kann man nicht arbeiten.“

Aber das will Joachim Bürger ja auch gar nicht. Über Facebook kontaktierte er zwei Fingerhut-Sammlerinnen und schlug ihnen vor, eine gemeinsame Ausstellung zu zeigen. So kamen rund 1600 Fingerhüte zusammen – was viel klingt. Aber da sie nun mal klein sind, reichen fünf Schaukästen im Laden.

Mit dem Fingerhut gedanklich reisen

700 Fingerhüte steuerte Christiane Haak aus Baden-Baden hinzu, darunter ist auch einer aus italienischem Murano-Glas. „Sie war mal Kostümschneiderin an der Deutschen Oper in Berlin“, so Joachim Bürger.

Die dritte im Bunde: Karla Gromm aus Gevelsberg. Die 48-Jährige hat vor 23 Jahren mit dem Nähen angefangen: ein Teddy für ihren Sohn. „Ich habe mich so derbe gestochen!“ Eine Freundin schenkte ihr einen Fingerhut, über den sie sich sehr freute. Es sollte der erste von rund 450 werden.

„Es sind Geschichten, die mir mitgebracht werden.“ Etwa von der Tochter aus Irland oder der Schwester aus den USA – „ich kann die Reise dann ein bisschen miterleben.“ Außerdem signalisiert ihr jeder Fingerhut: „Die Person hat an mich gedacht – das finde ich schön.“

Auch Karla Gromm, die an einer Förderschule eine Näh-AG leitet, kommt es nicht auf den Wert oder das Alter eines Fingerhuts an – „Ich nehme sie, wie sie kommen.“ Besonders bemerkenswert findet sie den Star-Wars-Hut – mit Jedi-Rittern gegen Nadelstiche.

Er sammelt auch Mühlen

Joachim Bürger fährt auch nicht selbst um die Welt, um die Schätzchen einzusammeln. Neben Fingerhüten und Mühlen begehrt er heute antike Nähmaschinen, die er ebenfalls im Laden ausstellt. Dabei lässt er sammeln – und ersteigert dann über Ebay oder erwirbt gleich eine ganze Sammlung aus der Schweiz.

Eine Zeit lang hat er auch mal einen Rentner auf Flohmärkten für sich suchen lassen. Der einstige Talk-Show-Macho sagt: „Ich kann ja nicht durch die Souvenirshops der Welt laufen.“

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„Nur ein Fingerhut voll“, sagt der Gast, wenn er lediglich einen wönzigen Schlock vom Hochprozentigen trinken möchte.

Auf dem Fingerhut von Joachim Bürger steht genau dieser Spruch geschrieben – und damit hat es sich mit der Bescheidenheit erledigt. Denn dieser silberne Fingerhut hat die Größe eines Schnapsglases.

Der 71-Jährige, der nicht nur ungewöhnliche Fingerhüte und antike Nähmaschinen sammelt, ist dem Alkohol nicht abgeneigt. Er ist sogar Schatzmeister beim Weltverband der Weinritter. Ursprünglich waren das ehemalige Kreuzritter. In Slowenien sollen sie sich um 1250 niedergelassen haben, um die Weinkultur zu pflegen. Und das tun die Menschen, die sich heute als Weinritter verstehen, ebenfalls. Ein Schwert benötigen sie dafür nicht mehr. Es reicht Fachwissen über Weinanbau und -lese oder schlicht eine ausgeprägte Liebe zum Wein.

Für einen Ritter-Konvent reiste Joachim Bürger nach Dresden und fand auf einem Flohmarkt diesen großen Fingerhut. Für Wein wäre zwar selbst dieses Gefäß zu klein. Aber Joachim Bürger zuckt nur mit den Schultern: „Es gibt ja auch Weinbrand.“

Bis zum 22. Februar. Der Eintritt ist frei: Zic’nZac, III. Hagen 37, Essen, Mo. - Fr., 10 - 19 Uhr, Sa. 10 - 18 Uhr (Ab Mai bis 16 Uhr), zicnzac.de. Ein Fingerhutmuseum gibt es in Creglingen, in der Nähe von Rothenburg ob der Tauber (fingerhutmuseum.de).

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