Fasten

Fasten mal anders – Mit weniger Besitz zu mehr Freude

Ist weniger nicht oft mehr?Wer sich nicht mit 10 000 Gegenständen belastet, findet auch eher mal Zeit, sich entspannt zurückzulehnen.

Foto: imago stock

Ist weniger nicht oft mehr?Wer sich nicht mit 10 000 Gegenständen belastet, findet auch eher mal Zeit, sich entspannt zurückzulehnen.

Witten/Gelsenkirchen/Essen.  Minimalismus liegt im Trend, nicht nur zur Fastenzeit. Wir haben mit Experten darüber gesprochen, wie man sein Leben einfacher gestaltet.

Sobald die Fastenzeit beginnt, treibt viele Menschen der Gedanke an Verzicht um – und längst geht es nicht mehr nur ums Essen. Digital-Detox, Fernseh-Verzicht, Auto-Abstinenz und Plastik-Vermeidung sind nur einige der Trends, die in Medien und Bekanntenkreisen kursieren. Für einige Menschen ist die eigene Einschränkung zum Lebensstil geworden: Die Minimalisten verzichten so weit wie möglich auf Besitz, um mehr Lebensqualität zu erreichen – und zugleich die Ressourcen unseres Planeten zu schonen. Was sie dabei antreibt, reicht von handfesten Tipps für den Alltag bis zu aktivistischen Gesellschaftsutopien.

Uni Witten/Herdecke. Zu Gast ist Tobi Rosswog (27), einer der prominentesten Aktivisten für ein besitz- und geldfreieres Leben. Im Jahr 2013 machte er einen radikalen Schnitt, gab all sein Geld und fast alle Besitztümer ab, zog aus der WG aus – und lebte mit seiner Freundin Pia Damm zweieinhalb Jahre ohne Geld und Dach, nur mit dem, was sie bei sich tragen konnten. Um von Ort zu Ort zu kommen, trampten sie. Wenn Sie Unterkunft suchten, fanden sie sie bei Privatpersonen. Wenn sie essen wollten, fragten sie in Supermärkten nach dem, was sonst in den Müll gekommen wäre.

Er schmiss sein Studium für die gute Sache

Was bringt einen jungen Pädagogikstudenten mit einem 1,3er-Notenschnitt von einem Tag auf den anderen dazu, sein bisheriges Leben zu beenden, das Studium an den Nagel zu hängen und sich aus dem Leistungssystem auszuklinken? „Ich hielt damals ein Seminar zum Freiwilligen Ökologischen Jahr, Thema Welternährung, Veganismus, Tierbefreiung. Einer der Teilnehmer fragte: ,Tobi, wieso machst Du das nicht öfter?’

Das habe ich sehr ernst genommen. Beim Heimkommen wusste ich: Ich mache das nicht öfter, weil ich ja noch studiere. Und warum studiere ich? Ich studiere, weil ich die Bescheinigung brauche, etwas zu tun, was ich ja jetzt schon tue.“ Nämlich Seminare zu halten zu genau den ökologischen Themen, die ihm am Herzen lagen. So war die Entscheidung schnell gefallen, das Studium aufzugeben und sich auf seine Herzensthemen zu konzentrieren.

Zweieinhalb Jahre geldloses Nomadendasein

Nach zweieinhalb Jahren des geldlosen Nomadendaseins hätte noch nicht Schluss sein müssen. Doch Rosswog ließ sich von einem rationalen Gedanken wieder zurück zum Umgang mit zumindest ein bisschen Geld bringen: „Mit 25 Jahren läuft die Krankenversicherung nicht mehr über die Eltern. So haben wir das geldfreie Leben beendet, ganz unromantisch.“

Dennoch folgt Rosswog einem extrem minimalistischen Lebensstil und hat nur ein paar Dinge. Aus gutem Grund: „Es sind 10 000 Dinge, die man im Durchschnitt besitzt. Die stehen im Konflikt mit unserer einzigen begrenzten Ressource, der Lebenszeit.“

45 Kilo gute Lebensmittel in den Müll

Rosswog ist ökologisch motiviert, er kann aus dem Stegreif referieren, dass 53 Millionen Autos auf unseren Straßen sind, die aber im Durchschnitt 23 Stunden pro Tag stehen. Und selbst, wenn sie fahren, sitzen im Schnitt nur 1,3 Menschen darin. Er führt an, dass jede Supermarktfiliale pro Tag im Durchschnitt 45 Kilogramm an genießbaren Lebensmitteln entsorgt. Weil die Mindesthaltbarkeit überschritten ist, weil sie unansehnlich sind. Er hat seit zehn Jahren kein Geld für Kleidung ausgegeben – außer für ein Paar Schuhe.

Dass jemand wie Rosswog ausgerechnet an einer Privatuniversität doziert, verdankt er unter anderem der jungen Wirtschaftswissenschaftlerin Lisa Storcks (23), die sich mit Wirtschaft und Ökologie gleichermaßen befasst, vor allem mit der Begrenztheit der Ressourcen unserer Erde. Sie hat Rosswog eingeladen. Wie viele Minimalisten ist sie inspiriert von den Post-Wachstumstheorien des Ökonomen Niko Paech. „Er sagt ungefähr: Wir kaufen Dinge, die wir nicht benutzen können. Von einem Geld, das wir nicht haben. In einer Zeit, die wir noch weniger haben.“ Und Rosswogs Ansatz, durch sein eigenes Verhalten auch eine gesellschaftliche Veränderung herbeizuführen, fasziniert sie.

Vom Gedanken, mit wenig Geld und Besitz auszukommen, ist auch der Gelsenkirchener Daniel Siewert angespornt. Er betreibt einmal im Monat im Essener Unperfekthaus den Minimalismus-Stammtisch, im Dezember waren 30 Interessierte dabei. Seine Ursprünge hatte das schon 2012, als das Thema Minimalismus nur ein paar Menschen umgetrieben hat. Mittlerweile gibt es in NRW in Essen, Münster und Köln monatliche Stammtische.

Siewert weiß, wie plakativ ein Lebensstil wie der von Tobi Rosswog wirkt. „Was mir da immer fehlt: der konkrete Ansatz für den normalen Menschen. Jemand mit einem normalen Job und einer Familie zu Hause, der wird jetzt nicht auf die Idee kommen, so ein Leben zu führen.“

Weniger Dinge anhäufen

Für Siewert fängt Minimalismus schon dort an, wo man nicht mehr so viele Dinge um sich herum anhäuft. „Es beginnt damit, mal durch die Wohnung zu gehen und auszumisten. Allerdings: Dann war’s das bei den meisten auch schon“, sagt er. „Wenn man sich länger mit dem Thema beschäftigt, wird man feststellen, dass das in Wellen abläuft. Ich habe früher etwa 30 DVDs rumfliegen gehabt. Beim ersten Mal Durchforsten sind dann zehn DVDs rausgeflogen. Beim zweiten Mal noch mal zehn. Beim dritten Mal blieben zwei, drei Stück übrig – und schließlich waren sie alle weg.“ (Siehe Seite „Mittendrin“).

Siewert geht es nun nicht mehr darum, viele Dinge zu besitzen, auch kauft er seine Waren fast nur noch gebraucht. Bücher kommen aus Büchereien, die übrigens auch eine gute Quelle für Filme oder Videospiele sind. Andere Dinge wie hochwertige Hifi-Boxen hat er auf dem Flohmarkt zum Bruchteil ihres Werts erstanden. Und da er in Gelsenkirchen-Buer im Tauschkreis aktiv ist, kann er sogar seine Katzenbetreuung ohne Geld in fremde Hände geben: „Ich helfe Menschen bei Problemen mit den Computern. Dafür bekomme ich ein Zeitguthaben gutgeschrieben, das ich einlösen kann, wenn ich nicht zu Hause bin und die Katze betreut werden muss.“ Für ihn wäre es wünschenswert, wenn die Menschen sich wieder mehr im Sinne einer Nachbarschaftshilfe engagieren würden.

Ein Auto braucht er nicht unbedingt

Selbst ein Auto braucht er nicht unbedingt, es gibt ja Carsharing – wenn auch oft von kommerziellen Anbietern. „Viele Firmen haben schon mitbekommen, dass es mit dem Konsum nicht immer so weitergehen kann. Und ein paar bauen sich mittlerweile Geschäftsmodelle auf in Richtung Verleih“, sagt Siewert (siehe „Babymode“-Geschichte auf der folgenden Seite). Er beäugt diese Entwicklung kritisch, denn: „Wenn ich in meinem Stadtteil besser vernetzt wäre, wäre auch das nicht notwendig.“

Konkrete Folgen des minimalistischen Lebensstils: Wer weniger Geld benötigt, braucht dafür weniger zu arbeiten – und hat automatisch mehr Zeit für sich selbst und sein Leben.

>> WEITERLESEN – MINIMALISMUS

Wer sich für die Arbeit von Tobi Rosswog und seine zahlreichen Projekte interessiert, kann unter geldfreierleben.de mehr Informationen finden. Dort gibt es auch das kostenlose E-Book „Lebe Deine Utopie“, das ökologische und ökonomische Denkanstöße gibt.
„Living Utopia“ heißt das Aktionsnetzwerk, das aktiv an einem ökonomischen Wandel arbeitet und Konferenzen sowie ein Festival (utopival.de) für alle Interessierten veranstaltet.

Der Minimalismus-Stammtisch findet einmal pro Monat im Essener Unperfekthaus (Friedrich-Ebert-Str. 18) statt, der nächste Termin ist der 24. Februar, 15 Uhr. minimalismus-stammtisch.de

Initiator Daniel Siewert hat seinen Blog schlichtheit.com in einem Buch zusammengefasst: „Die Entdeckung der Schlichtheit“ (E-Book, 122 S., 2,99 €). Er betreibt zusammen mit Michael Klumb auch einen Podcast: minimalismus-podcast.de.

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