Mehrsprachigkeit

Familie Sonanini aus Mülheim spricht Deutsch und Spanisch

Familie Sonanini aus Mülheim lebt zuhause zweisprachig: Mutter Veronica (39), Vater Christian (41), Hendrik (8) und Hanna (6) sprechen Deutsch und Spanisch.

Familie Sonanini aus Mülheim lebt zuhause zweisprachig: Mutter Veronica (39), Vater Christian (41), Hendrik (8) und Hanna (6) sprechen Deutsch und Spanisch.

Foto: André Hirtz

Mülheim.   Veronica Sonanini stammt aus Mexiko, ihr Mann Christian aus Düren. Mit ihren Kindern reden sie Deutsch und Spanisch. Wie das klappt? „Bueno“.

„Guten Abend“, begrüßt uns Vater Christian an der Haustür des Einfamilienhauses im Zentrum von Mülheim auf gut Deutsch. Dabei sind wir heute hier, weil die Familie Sonanini zuhause gerade nicht nur Deutsch spricht – sondern auch Spanisch. Christian (41) wurde in Düren geboren, Veronica (39) stammt aus Mexiko. Das Paar ist mit seinen Kindern Hendrik (8) und Hanna (6) eine von vielen mehrsprachigen Familien in Nordrhein-Westfalen.

Eine genaue Zahl, wie viele Kinder in NRW mehrsprachig aufwachsen, gibt es nicht. Eine Statistik des Landes-Schulministeriums lässt aber darauf schließen, dass 2018 mehr als 2,4 Millionen Schüler der Klassen eins bis 13 zuhause mit mehreren Sprachen groß werden. Laut Ministerium besuchen rund 300.000 ausländische Kinder nordrhein-westfälische Schulen, 870.000 Schüler haben eine Zuwanderungsgeschichte und rund 1,3 Millionen Kinder und Jugendliche sprechen entweder Deutsch nur als Zweitsprache oder haben ein Elternteil, das nicht in Deutschland geboren wurde.

Fernsehen nur auf Spanisch

Wie ist es, wenn es für jedes Ding mindestens zwei Wörter gibt, die oft ganz unterschiedlich klingen? „Nicht schwierig“, meint Hendrik, der auf dem dicken Teppich im Wohnzimmer kniet. Seit seiner Geburt ist er ständig von zwei Sprachen umgeben. Mutter Veronica redet Spanisch mit den Kindern, Vater Christian unterhält sich mit ihnen auf Deutsch. Miteinander spricht das Paar Deutsch – inzwischen, „kennengelernt haben wir uns 2002 in Mexiko auf Englisch“, erzählt der studierte Betriebswirt.

Vor sich auf dem Tisch hat Hendrik seine Bücher ausgebreitet: „Los niños de Bullerbü“, „Charly en la fábrica de chocolate“, „Momo“. . . Europäische Kinderbuchklassiker, die Mutter Veronica den Kindern in ihrer Muttersprache vorliest – oder an denen sich der Zweitklässler selbst literarisch versucht. „Ein bisschen Spanisch kann ich lesen.“ Der Achtjährige blättert stolz in seinem spanischen Harry-Potter-Wälzer.

Veronica legt Wert darauf, dass die Kinder gerade in „ihrer“ Sprache gefördert werden. Fernsehen zum Beispiel findet nur auf Spanisch statt. „Wenn sie schon gucken, dann Filme auf Spanisch, da bin ich ganz konsequent!“

Hilfe vom spanischsprachigen Au-Pair

Als die damals 24-Jährige vor mehr als 15 Jahren aus Mexiko auswanderte, um mit ihrem Mann in dessen deutscher Heimat zu leben und hier zu arbeiten, war klar, dass die Sprache ihrer Vorfahren im Alltag in den Hintergrund treten würde. Als 2010 Sohn Hendrik geboren wurde, waren sich die Eltern sofort einig: „Wir wollen das versuchen mit den beiden Sprachen.“ Darum blieb die Wirtschaftsingeneurin die ersten Jahre mit Hendrik in Elternzeit, sprach daheim nur Spanisch mit ihm. Christian erinnert sich an Hendriks ersten Tag in der Kita: „Da war er mit seinen zweieinhalb Jahren eines der wenigen Kinder, die nur ein paar Wörter Deutsch konnten.“ Spanisch dagegen ging dem Kleinen leicht über die Lippen. Als 2012 Hanna zur Welt kam, engagierte die Familie ein spanischsprachiges Au-Pair.

Spanisch über Tag mit Mama, Deutsch nach Feierabend mit Papa: In den ersten Jahren funktionierte das ganz gut. Das Spanische, gegenüber dem Deutschen hier die „Minderheitensprache“, wie Wissenschaftler es nennen, blieb in den Kinderköpfen haften. Kita und Schule allerdings verschoben die sprachliche Gewichtung: „Seit Hendrik zur Schule geht, hat er Themen, zum Beispiel mit seinen Freunden, die kommen bei mir zuhause gar nicht vor, da erweitert sich der deutsche Wortschatz jetzt natürlich viel viel schneller als der spanische“, beobachtet Veronica.

Gibt es keine Übersetzung, wird ein neues Wort kreiert

Seit zwei Jahren besucht Hendrik die Grundschule, einmal in der Woche findet zusätzlich nachmittags muttersprachlicher Unterricht in einer anderen Grundschule statt: Ein Angebot, das die Stadt Mülheim mehrsprachigen Kindern kostenlos anbietet, auch in anderen Sprachen. Hier lernt Hendrik nur auf Spanisch, liest, schreibt, spielt mit Gleichaltrigen in „Mamas Sprache. Da gehe ich gerne hin“, sagt er.

Gibt es manchmal Sprachsalat? Veronica grinst: „Wenn wir ein Wort nicht übersetzen können, mischen wir die Sprachen. Kuscheln existiert nicht auf Spanisch. Dann sagen wir einfach ,kuscheler’.“

>>>> „Das Gehirn ist für mehrere Sprachen geschaffen“

Wie können Eltern Kinder unterstützen, die mehrsprachig aufwachsen? Redakteurin Tina Bucek sprach mit Prof. Katja Cantone-Altıntaș, Leiterin des Institutes Deutsch als Zweit- oder Fremdsprache an der Universität Duisburg-Essen.

Ist es für Kinder in mehrsprachigen Familien schwieriger, sprechen zu lernen?

Katja Cantone-Altıntaș: Keine mir bekannte Studie konnte jemals belegen, es sei von Nachteil, mehr als eine Sprache zu erwerben. Auch passiert es selten, dass Kinder sich wehren, mehrsprachig aufzuwachsen. Kinder erleben ihre Mehrsprachigkeit positiv. In den meisten Fällen ist der mehrsprachige Erwerb problemlos. Der Wille, mit anderen zu kommunizieren, ist dem Menschen angeboren. Dabei ist es egal, ob eine oder mehrere Sprachen erworben werden. Das Gehirn ist dafür geschaffen, mehrere Sprachen abzuspeichern. In der Regel können Kinder diese im Sprachgebrauch bestens trennen, d.h. sie wissen, bei wem sie welche Sprache verwenden müssen. Nur, wenn Eltern unentwegt Sprachen vermischen, kann es vorkommen, dass das Kind denkt „Das ist wohl die Sprache, die ich können soll“ und dann auch ständig mischt.

Gibt es bestimmte Regeln, an die sich Eltern halten sollten?

Wichtig ist die „Eine-Person-eine-Sprache-Regel“, bei der ein Elternteil eine Sprache benutzt und mit den Kindern nur in dieser Sprache spricht. Ich habe viel zu Sprachmischungen im Kleinkindalter geforscht und stets herausgefunden, dass die Mischungen grammatisch waren. In der Forschung wird Code-Switching (Sprachmischungen) als eine Kompetenz angesehen, seine Sprachen ideal zu nutzen.

Wie können Eltern Kinder in einer mehrsprachigen Familie fördern?

Indem sie alles tun, um die gleichwertige Berechtigung beider Sprachen zu vermitteln. Meistens ist es kein Problem, Kinder von der Wichtigkeit der Mehrheitssprache zu überzeugen. Das gesellschaftliche, das schulische Leben spielt sich in dieser Sprache ab. Doch was ist mit der Sprache, die nur ein Elternteil spricht? Oder nur die Großeltern? Eltern müssen den Kindern klar machen, dass es fast immer ein ganzes Land gibt, wo diese Sprache gesprochen wird, dass sie dort eine wichtige Rolle spielt. Die Minderheitensprache muss im Familienleben stark eingebunden werden – durch Besuche im besagten Land, Bücher, andere mediale Angebote.

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