Lebenskrise überwinden

Endlich nicht mehr arbeitslos – der Weg zum neuen Job

Zufrieden: Cedric Jesko bei seinem neuen Job an der Tankstelle.

Zufrieden: Cedric Jesko bei seinem neuen Job an der Tankstelle.

Foto: Olaf Fuhrmann / FUNKE Foto Services

Mülheim.  Cedric Jesko war lange arbeitslos. Die vielen Bewerbungen, die er geschrieben hat, kann er nicht mehr zählen. Nun bekommt er eine Chance.

„Schönen guten Tag!“, ruft Cedric Jesko einem Kunden hinterher, der gerade das Benzin an der Tankstelle in Mülheim bezahlt hat. Der bedankt sich im Herausgehen mit einem Lächeln. Für Cedric Jesko ist es ein schöner Tag. Einer von mehreren, seitdem er nach Jahren der Langzeitarbeitslosigkeit endlich eine Arbeitsstelle gefunden hat.

In der Schule hatte der heute 38-Jährige Probleme, sich zu konzentrieren. Und: „Ich war ein Schlägertyp.“ Es brauchte ihn nur einer schief anzuschauen, dann schlug er zu. Doch dann habe es bei ihm Klick gemacht: So kann es nicht weitergehen! „Ich habe mich um 180 Grad gedreht.“ Er machte eine Ausbildung zur „Bürokraft“. Aber er fand einfach keine Stelle. Hier und da kleinere Jobs, Maßnahmen vom Amt, klägliche Versuche bei Callcentern.

Er kann heute gar nicht mehr zählen, wie viele Bewerbungen er geschrieben hat. „Definitiv zu viele.“ Und die meisten Firmen hätten gar nicht reagiert. Eine habe die Absage mal begründet: „zu übergewichtig“. Da war er sauer. Aber dann hat er sich gedacht: „Das war wenigstens mal ehrlich.“ Besser als diese Floskeln, die er sonst lesen musste: „Wir haben uns für einen anderen Bewerber entschieden.“

„Es war frustrierend, nervtötend, aber man muss sich selbst in den Arsch treten. Oder man braucht andere, die es tun.“ Seine Freundin konnte das gut. Sie gab ihm Halt. „Es war die Liebe, wo man denkt: Die kannst du heiraten.“ Aber dann wurde sie krank. Sie starb mit nur 34 Jahren. „Am Grab habe ich der Mutter versprochen, dass ich abnehmen werde und mir Arbeit suche.“

Er drohte zu vereinsamen. „Ich war stinkfaul und habe mich gehen lassen“, erinnert er sich. „Aber ich habe mich berappelt.“ Und sein Versprechen gehalten. 20 Kilo habe er 2018 abgenommen. Und dann bekam er vergangenen Jahres das Angebot an der Tankstelle, im Rahmen des Teilhabechancengesetzes zum Abbau der Langzeitarbeitslosigkeit. Er lernte den Pächter Denis Voigt kennen und machte ein zweiwöchiges Praktikum. Seitdem gehört er zum Team. Er leert die Mülltonnen, füllt die Regale, bedient am Backshop und an der Kasse.

Jesko arbeitet fünf Stunden an fünf Tagen die Woche und bekommt Mindestlohn. Die sozialversicherungspflichtige Stelle ist auf zwei Jahre befristet. In dieser Zeit wird sie zu 100 Prozent gefördert. Danach kann sie bei geringerem Zuschuss verlängert werden.

Die Förderung sei für ihn nicht das Wichtigste, so Denis Voigt. Keine Förderung der Welt würde etwas bringen, wenn der Mitarbeiter nicht zuverlässig und freundlich sei. Die finanzielle Unterstützung ermöglicht dem 47-Jährigen jedoch, Cedric Jesko alles in Ruhe zu zeigen. Von einem Mitarbeiter, den er voll bezahlt, würde er erwarten, dass er alles nach kurzer Einarbeitung selbstständig meistert. Jesko dürfe sich etwas mehr Zeit lassen. Voigt möchte sich ein gut funktionierendes Team aufbauen. Von seinem neuen Mitarbeiter ist er derart angetan, dass ein weiterer Langzeitarbeitsloser bei ihm anfangen wird. „Jeder hat eine zweite Chance verdient.“

Zu diesem Projekt zählt auch ein Coaching. Jesko kann sich bei Fragen an eine Frau beim Jobcenter wenden, die zwischen ihm und dem Chef vermittelt. Aber das sei gar nicht nötig, denn mit seinem Chef könne man sehr gut reden. „Er erklärt gut.“

Sein Tag ist nun wieder strukturiert. Er fühlt sich gebraucht, hat einen Grund, morgens aufzustehen. Er mag die Arbeit an der Kasse, den kleinen Plausch mit einem Stammkunden, während er ihn bedient. „Ich habe Spaß.“ Jetzt fließe etwas in die Rentenkasse. Und nun könne er sich ab und zu etwas Schönes gönnen. „Für meinen Wellensittich oder für mich.“

Eines habe ihn das Ganze gelehrt: „Wenn das Leben meint, dir ins Gesicht hauen zu müssen, dann muss man wieder aufstehen. Weil: Aufgeben kann ja jeder.“

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben