Muttertag

Ein Band fürs Leben - Warum Mütter ihre Mütter brauchen

Tochter, Mutter, Großmutter - ein unzertrennliches Team.

Tochter, Mutter, Großmutter - ein unzertrennliches Team.

Foto: Getty

Essen.   Dieses Verhältnis ist nicht immer einfach: Mutter und Tochter. Doch spätestens, wenn eine Tochter selbst Mama wird, spürt sie wieder, wie wichtig die eigene Mutter ist. Sie ist da – wie kaum jemand anderes. Auch selbst dann noch, wenn viele Kilometer sie trennen.

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„Sie wird da sein, wenn ich sie brauche. Das hatte ich immer im Hinterkopf.“ Noch bevor Bettina ihre erste Tochter bekam, wusste sie: Auf ihre Mutter ist Verlass. „Da ist jemand, der sich auf alle Fälle kümmern wird.“ Heute sind Bettinas Kinder acht und elf Jahre alt und ohne die Oma läuft nichts. Bettina arbeitet als Rettungssanitäterin im Schichtdienst, ihre Mutter springt mehrmals in der Woche ein, keinem anderen hätte Bettina die Kinder über Nacht anvertraut. „Ich konnte immer in Ruhe arbeiten gehen.“

Mütter brauchen verlässliche Helfer. Für viele Frauen, die Beruf und Kinder unter einen Hut bringen wollen, spielen Großeltern eine wichtige Rolle. Früher, das zeigen Evolutionsbiologen, hatten Kinder sogar größere Überlebenschancen, wenn sich die Großmutter um Tochter und Enkel kümmerte. Auch heute ist für viele Mütter die eigene Mutter unverzichtbar. Leicht ist es deswegen noch lange nicht. Wenn aus Töchtern Mütter werden, sortiert sich die familiäre Beziehungskiste neu. Darin liegt eine großartige Chance – wenn beide ein paar Regeln beachten.

Die Großmutter kann den Kindern andere Dinge beibringen

„Meine Mutter ist für uns ein Segen“, sagt Bettina. Die 68-jährige Oma hütet die Kinder nicht nur – „sie kann den Mädchen auch viel mehr beibringen als ich. Lilli zum Beispiel wickelt mit ihr Rouladen oder strickt Puppenpullover“. Und die 44-jährige Bettina beobachtet mit Staunen, wie sich manche Eigenarten von der Uroma über die Oma bis zu den Enkelinnen vererben. Die extreme Tierliebe, zum Beispiel. „Wir alle können kein Tier töten. Wir retten Regenwürmer, Spinnen, sogar verletzte Vögel.“

Die reine Idylle? Von wegen. „Meine Mutter ist immer da und der Alltag funktioniert ohne viele Worte. Aber wir haben nicht die Nähe, die wir uns beide eigentlich wünschen.“ Bettina überlegt. „Wir nehmen uns nur flüchtig in den Arm. Und mich mal loben? Das macht sie nicht. Ich glaube, sie kann das nicht so zeigen.“ Viele Mütter brauchen ihre Mütter – das heißt aber noch längst nicht, dass immer alles glatt läuft in diesem Verhältnis. Neulich ist eins der Meerschweinchen von Bettinas Töchtern gestorben. Beim Begräbnis im Garten weint die Oma mit den Kindern. „Wenn mir früher ein Tier gestorben wäre, hätte sie nicht geweint“, sagt ihre Tochter und zuckt die Achseln.

Wenn aus Töchtern Mütter werden und aus Müttern Großmütter, wird die familiäre Beziehungskiste neu sortiert. Viele Großmütter nutzen die Chance, mit ihren Enkeln anders umzugehen als früher mit ihren eigenen Kindern. Das kann für Überraschungen sorgen, und auch für Kränkungen. „Mir hast du das nie erlaubt“ – der klassische Vorwurf an die neue Großzügigkeit der Oma-Generation.

„Bei aller Liebe gibt es unzählige Konfliktfelder im Verhältnis von jungen Müttern zu ihren eigenen Müttern.“ Die renommierte Berliner Psychoanalytikerin Ute Benz kennt beide Seiten: „Oft beginnt es mit unterschiedlichen Vorstellungen über Versorgung und Verständigung. Die Großmutter will zum Beispiel helfen, aber nicht rund um die Uhr eingespannt werden, die erwachsene Tochter sucht Rat, verbittet sich aber Einmischungen.“ Eine Gratwanderung: „Sag’ mir, was ich machen soll, aber sag’ mir bloß nichts, weil ich es selber herausfinden will.“

Das Großmutter-Mutter-Verhältnis 

Wie bei Bettina und ihrer Mutter ist die Sehnsucht nach einem guten, intimen Verhältnis aber groß. „Wenn die eigene Tochter Mutter wird, ist das eine einmalige Chance, die Beziehung noch einmal neu zu gestalten“, sagt Benz. Aber man rutscht leicht in alte Muster. „Beide müssen erkennen, dass es die ganz intime Zweisamkeit von früher, als die Tochter klein war, nicht mehr gibt.“ Zurückhaltung tut deshalb gut, rät die Analytikerin. „Man sollte auf seine Gefühle achten und sorgsam mit dem anderen umgehen. Wer genervt ist, sollte besser erst einmal mit jemand anderem darüber sprechen, als das Verhältnis quasi am Kinderbettchen zu klären.“

Dennoch: Viele junge Mütter vertrauen ihren eigenen Müttern intuitiv. Die entscheidende Erfahrung: „Sie hat mich großgezogen, ihr kann ich auch das Kind anvertrauen.“ Im besten Fall läuft es wie bei Elke und ihrer Mutter. Die 49-jährige Volkswirtin und Mutter von zwei Söhnen sagt rückblickend: „Schon als die Kinder noch ganz klein waren, konnten wir mal allein übers Wochenende wegfahren. Ich wusste: Meine Mutter wird eine Lösung finden. Und sie wird auch Bescheid sagen, wenn es besser wäre, dass wir vorzeitig zurückkommen.“

Großes Vertrauen zur Mutter

Adelheid Müller-Lissner hat für ihr Buch „Enkelkinder – Unser neues Abenteuer“ (Herder Verlag) mit etlichen Müttern gesprochen. „Ich würde nicht sagen, dass Mütter ihre Mütter brauchen. Viele haben ja die Kinder ohne ihre Mütter großgezogen. Aber es ist sehr nützlich. Ein gutes Verhältnis zur eigenen Mutter kann für eine erfolgreiche Mutterschaft sorgen.“

Aktion Das ist das eine. Das andere sind die Gene. „Großmütter, das zeigen historische Daten, sind Kinderbetreuerinnen ersten Ranges“, sagt der Evolutionsbiologe Jan Beise. Den Beweis dafür fanden Beise und sein Kollege Eckart Voland in Ostfriesland. Die beiden Forscher durchforsteten alte Kirchenbücher aus dem 18. und 19. Jahrhundert und entdeckten Familienschicksale, in denen die Großmütter eine überlebenswichtige Rolle spielten: In Zeiten hoher Säuglingssterblichkeit waren die Lebenschancen von Neugeborenen mit Großmüttern um bis zu 20 Prozent höher als bei Kindern, die keine Oma hatten. Der Effekt war am stärksten bei Kindern im Alter von sechs bis zwölf Monaten – in jener Zeit also, wenn Kinder in der Regel abgestillt werden.

So weit, so gut. Die eigentliche Überraschung war jedoch: Der Effekt ließ sich nur bei den Großmüttern mütterlicherseits beobachten. Die Schwiegermütter dagegen hatten praktisch keinen Einfluss auf das Sterblichkeitsrisiko der Kinder.

Der Unterschied zwischen Schwiegermutter und leiblicher Mutter 

Wie das? Die beiden Forscher erklären das unterschiedliche Verhalten der Großmütter mit ihrem unterschiedlichen „genetischen Interesse“ an der jungen Mutter und ihren Kindern. Dahinter steckt das Grundmotiv des Lebens: Der Mensch will sein Erbmaterial verbreiten. Die mütterliche Großmutter rechnet mit Tochter und Enkeln. Die väterliche Großmutter dagegen konnte sich erstens nie ganz sicher sein, ob die Enkel überhaupt von ihrem Sohn abstammten. Und zweitens war sie selbst dann nur mit den Enkeln, nicht aber mit der Schwiegertochter genetisch verwandt. Die Forscher erklären sich so, dass Großmütter väterlicherseits in vormodernen Lebenswelten oft weniger Interesse daran hatten, die Schwiegertochter zu schonen. „Für das familiäre Wohlergehen war es für sie ökonomischer, die junge Frau bezüglich Arbeitskraft und Fruchtbarkeit auszubeuten. Bei der mütterlichen Linie findet sich das nicht“, sagt Eckart Voland.

Doch Vorsicht! Der Mensch ist mehr als eine Gen-gesteuerte Maschine. Voland: „Die Großmutter-Hypothese erklärt viele Phänomene in der Familie. Aber nicht alle.“ Zumal es hier um Daten aus dem vorletzten Jahrhundert geht. Im Deutschland des 21. Jahrhunderts beobachten Forscher vor allem dies: „Die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen heutzutage Kinder bekommen, ist signifikant erhöht, wenn die Großmutter mütterlicherseits verlässlich zur Verfügung steht.“

Und die Schwiegermütter? Sie werden immer wichtiger. Bei ihren Interviews hat Adelheid Müller-Lissner festgestellt, dass junge Mütter zwar durchaus mehr Konflikte mit der Schwiegermutter haben als mit der eigenen Mutter. Jedoch gibt es heute zahlreiche Familien, in denen die Großmutter väterlicherseits viel enger eingebunden ist als die Oma mütterlicherseits. Das kann verschiedene Gründe haben – örtliche Nähe, Vitalität oder gemeinsame Interessen. Seelenverwandtschaft statt Blutsverwandtschaft. Dazu kommt: Wenn junge Väter sich mehr um ihre Kinder kümmern, überträgt sich das auch auf deren Mütter: „Die Schwiegermütter werden zunehmend wichtiger, weil auch der Kindsvater heute eine neue Rolle übernimmt“, sagt Müller-Lissner.

Der Erziehungsstil der Eltern hat sich nicht sehr verändert

Doch nicht nur Gene und Rollenmuster sind wirksam. Da ist noch mehr. Großmütter (und auch Großväter!) geben Wissen weiter – vom Grießbreirezept bis zum Erziehungstrick. Viele haben eben die Gelassenheit der Erfahrung: Sie haben alles schon mindestens einmal überstanden – Windelphase, Trotzphase, Pubertät. Und sie erinnern ihre erwachsenen Kinder: „Das Problem mit Geometrie hattest du früher doch auch. Und das haben wir doch hingekriegt! Also kriegst du das bestimmt genauso hin.“ Und das Beste daran: Die erwachsenen Kinder können heute viel leichter Ratschläge übernehmen, weil sich die Erziehungsstile längst nicht mehr so fundamental unterscheiden wie noch eine Generation zuvor.

Die Familientradition wird fortgeführt 

„Dieses liebevolle Betüddeln, wenn die Kinder klein sind – das habe ich von meiner Mutter abgeguckt“, sagt die 44-jährige Kerstin. Jetzt, wo sie selbst zweifache Mutter ist, sieht sie oft „wie sehr wir uns ähneln“. Auch Elke, Volkswirtin mit zwei Jungs im Grundschulalter, hat viel von ihrer Mutter übernommen. Das Ritual der Teestunde zum Beispiel. Am späten Nachmittag, wenn alle nach Hause kommen, vom Büro, aus dem Hort, setzen sie sich erstmal zusammen. Es gibt Kekse, Saft, Obst. „Wir versuchen, die Hektik rauszunehmen.“ Seit die Jungs älter sind, trinken sie sogar Tee. Auch eine andere Regel hat Elke von ihrer Mutter übernommen: Heikle Fragen oder Konflikte zwischen Eltern und Kindern werden nicht vor Dritten austragen. „Das gehört in unsere Privatsphäre.“

Doch es geht nicht nur um praktisches Wissen. Wenn Frauen Mütter werden, schauen sie oft mit neuem Blick auf ihre eigene Mutter und fragen erstmals nach deren Erfahrungen als junge Mutter. „Was hast du gemacht, wenn ich nächtelang geschrien habe?“ Immerhin ist die Mutter oft die einzige auskunftsfreudige Zeugin für die eigene frühkindliche Zeit.

Der gemeinsame weibliche Ehrgeiz

Und schließlich: Solidarität! Viele Mütter wollen ihren erwachsenen Töchtern einfach helfen. Als erfahrene Mütter wissen sie, dass Frauen in der Regel die Hauptverantwortlichen in der Kinderpflege sind. Müller-Lissner beobachtet bei vielen Tochter-Mutter-Paaren etwas wie einen „gemeinsamen weiblichen Ehrgeiz“, Beruf und Familie hinzubekommen. „Ich habe meine Mutter da als Vorbild gehabt“, sagt Elke, die Volkswirtin. „Kinder zu haben und berufstätig zu sein – das hat sie mir vorgelebt, auch wenn das noch gar nicht so üblich war. Aber ich hatte immer den Eindruck, dass es sich lohnt, es zu versuchen.“ Und noch etwas hat ihr die Mutter mitgegeben: Zeit für die Kinder ist wichtig, Zeit für Freunde auch. Ein perfekter Haushalt dagegen, „das darf man auch mal relativ sehen“. Heute, wo sie selbst zwei Kinder hat, sagt Elke, „kann ich ganz anders wertschätzen, was sie damals gemacht hat: Alles unter einen Hut zu kriegen.“

Bettinas Mutter wohnt ein paar Straßen weiter, Elkes und Kerstins Mütter aber 400 Kilometer weit entfernt. Sie setzen sich in den Zug, wenn es mal brennt, im Alltag aber muss es ohne sie laufen. Wichtig sind sie trotzdem. Als dieser Text fast fertig ist, schickt Kerstin noch eine E-Mail: „Wahrscheinlich sind meine Mutter und meine Oma (92) die Menschen auf der Welt, die sich mit am meisten dafür interessieren, wie es mir und meinen Kindern geht. Und das ist vielleicht fern von praktischer Hilfe, aber für das ‚durchs Leben kommen’ von ungemeinem Wert.“

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