Kolumne: Geschenkt

Die Melodie der Motorsäge: Baum-Morde in Duisburg

 

 

Foto: Funkemedien

Die Äthiopier wollen bis Oktober vier Milliarden Bäume pflanzen. Bei uns wird munter abgeholzt. Können wir uns das noch leisten? Bei 41,2 Grad?

Selten so geschämt. Haben Sie auch gelesen, dass in Äthiopien ein Weltrekord aufgestellt wurde? Die krisengeplagten Bürger haben innerhalb von zwölf Stunden 350 Millionen Bäume gepflanzt. Ich ließ die Zeitung sinken und blickte wütend in die kahle Landschaft vor meinem Fenster. Duisburg-Baerl hat dieses Jahr den Hitzerekord in NRW geknackt: 41,2 Grad! Heißer als in Adis Abeba. Warum werden bei uns Bäume ermordet?

Mord? Man kann das nicht freundlich formulieren. Über ganz Duisburg verteilt sind etwa 20 große alte Bäume angebohrt und mit Säure befüllt worden, man musste sie fällen, es wurde Anzeige erstattet gegen Unbekannt. Wer macht sowas? Die Hemmschwelle ist wohl gesunken, nachdem Duisburg 2016 als einzige Stadt in der Region die Baumschutzsatzung gekippt hatte. Flott waren 3000 Bäume zerhackt. Und weil das Grau so schön gedeiht, überlegt die Verwaltung, 20 000 alte Alleebäume durch „pflegeleichte“ kleine Bäume zu ersetzen. Bonsai? Lego? Wenn Duisburg je eine Hymne bekommt, wird die Melodie auf der Motorsäge gespielt.

900 Millionen Hektar Wald, bitte zügig!

Auf dem Höhepunkt der Hitzewelle bin ich mit dem Rad in den Wald geflohen. Schatten! Überrascht hat mich, wieviel kühler die Straßen schon 200 Meter vor dem Baerler Busch waren. Zurück zwischen Schotter-Vor„gärten“ und baumlosen Bürgersteigen schmolzen mir fast die Reifen. So ähnlich muss sich Äthiopien anfühlen. Das Land war vor hundert Jahren zu einem Drittel bewaldet, heute ist alles verdorrt. Um diese Klimakatastrophe zu bremsen, lässt der Präsident bis Oktober vier Milliarden Bäume pflanzen. Zum Auftakt griffen 23 Millionen Kinder und Erwachsene zur Schüppe. Sehr frei nach Luther: Während die Afrikaner ahnen, dass ihre Welt morgen untergeht, schreddern wir unsere Apfelbäumchen.

Ausgerechnet Äthiopien investiert. Eines der trockensten Länder der Erde zeigt den Industrienationen, wie Wachstum aussehen muss: grün und mit Blättern. Im Juli ließ eine Studie die Presse aufhorchen. Schweizer Forscher wiesen nach, der Klimawandel sei zu bremsen. Wenn man (zügig!) 900 Millionen Hektar Wald pflanze, ein Gebiet, so groß wie die USA. Die Wissenschaftler haben aufgelistet, wo die geeigneten Flächen frei sind. Sicher werden bald Outlets drauf gebaut.

Gestern rief mich die Hausverwaltung aus der Siedlung meiner Eltern an. Auch wenn das Haus bald verkauft würde... Nachbarn hätten sich beklagt. Der Nussbaum verschmutze die Dachrinnen. Wir mögen bitte einen Gärtner bestellen. Mit Axt? Ich fuhr hin, sah zwei Zweiglein und drei Blättchen in der Dachrinne.

Liebe Hausverwaltung, ich rufe keinen Gärtner und bin auf unbestimmte Zeit verzogen, wahrscheinlich nach Äthiopien.

Setzling, Gärtnerei, ab 19 €

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