Niederrhein

Die Fastenpilger wandern mit Gott und der Welt

Im niederrheinischen Flachland zieht sich die Gruppe auseinander, aber verlorengehen kann niemand.

Foto: Jakob Studnar

Im niederrheinischen Flachland zieht sich die Gruppe auseinander, aber verlorengehen kann niemand. Foto: Jakob Studnar

Alpen.   Ein Essener Sportverein lädt seit fünf Jahren zum Fastenpilgern. Bis zu 100 Menschen laufen sonntags mit, vor allem wegen der Gespräche.

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Es fällt an diesem Morgen, und recht bald nach dem Heiligen Abendmahl, zweimal das Wort „Idioten“. Nicht, dass da auch nur einer herumliefe in der niederrheinischen Ebene, gerade nicht: Das Schöne nämlich ist, sagt Eva, „dass man beim Pilgern selten Idioten trifft“. Und Johannes unter seiner wollenen Mütze verrät im Angesicht der Mittagspause froh dasselbe: „Man trifft hier keine Idioten.“ Nachgeplappert war das keinesfalls, Johannes marschierte außer Hörweite von Eva – und das kann bei 100 Wandersleuten weit weg sein.

Eine Auszeit vom Alltag

Ein langer Lindwurm zieht sich am Sonntag von Xanten nach Rheinberg, eine Karawane aus Funktionsjacken in Farben, die alltags selten vorkommen: die dritte Etappe des diesjährigen Fastenpilgerns der DJK Altendorf 09 aus Essen. Ein Sportverein, das erklärt das forsche Tempo, aber sie sind nicht alle Sportler, viele nicht mehr jung und auch nicht selbstverständlich fromme Christen. „Mit dem Spirituellen“, sagt etwa Hape mit dem Namen eines anderen bekannten Pilgers, „habe ich nichts am Hütchen.“

Man muss auch gar nicht beten bei diesem Fastenpilgern, man muss nicht einmal fasten! Der A 09 rät ja sogar, eigenen Proviant mitzubringen und möglichst auch etwas Fitness: „Sonst wird es wirklich eine Leidenszeit“, sagt Hubert Röser, der dabei ist, seit er mit dem Verein die Sache erfand. Eine „Auszeit vom Alltag“ wollte er vor fünf Jahren anbieten, etwas anders Sinniges für die Fastenzeit, als auf Alkohol oder den Fernseher zu verzichten.

Eine Mischung aus Bewegung und Spiritualität

„Es ist die Mischung aus Bewegung und Spiritualität“, glaubt er, die die Leute in die Wanderschuhe bringt: 30, vielleicht 40 waren sie anfangs, nun sind sie so viele, dass sie Busse mieten müssen zu Start und Ziel, weil „100 Menschen an der Haltestelle“ den öffentlichen Nahverkehr an seine Grenzen bringen.

Wie immer haben sie auch für die Nichtchristen Gottesdienst gehalten am sehr frühen Morgen im eisgekühlten Dom zu Xanten. Pastor Gerd Belker hat von Jesus und der Samariterin am Brunnen erzählt, es ging um Durst und eine sprudelnde Quelle, Johannes 4. Und sie sind noch keine vier Kilometer unterwegs, da ruft Ulrike: „Trinkpause!“, zehn Minuten. Dabei, scherzt jemand, „hat die Kneipe doch zu“. Sie lachen viel, es ist ein Plaudern und Schnattern, das „Schweigen“, das der Pastor zwischen die Verse des Tagesprogramms schrieb, verschieben sie auf den müde werdenden Nachmittag. Schon bläst Ulrike, die heute führt, in die Trillerpfeife, sie wartet nicht einmal, bis die Flasche wieder im Rucksack steckt. An einer Mauer im Dorf Birten hängt ein Plakat: Die Freilichtbühne spielt „Die Quelle des Lebens“.

„Menschen, die ich nur einmal im Jahr sehe, auf diesem Weg“

Sie laufen vorbei an „Galgenplatz“ und gotischem Totenkreuz, aber es geht gar nicht um „Selbstkasteiung“, hat Hubert gesagt. Es geht um „die sportliche Herausforderung“, sagt Hape, sagt auch Norbert. Und um die Gemeinschaft. Von „Gleichgesinnten“ spricht Hape, von „guten Gesprächen“ erzählen sie alle, mit „Menschen, die ich nur einmal im Jahr sehe, auf diesem Weg“, sagt Barbara: die positiv sind, freundlich und offen. Die „eine Haltung“ haben.

Auch deshalb haben die Planer – nach sauerländischen Höhen – in diesem Jahr den Niederrhein gewählt und seine Jakobswege. „Die breiteren Straßen“, erklärt Elisabeth, „sind fürs Unterhalten viel besser, so kann man das Pilgern richtig erleben.“ Schließlich, wandern, sagt sie, „könnte ich auch alleine“. Also reden sie, über die Brücken, die sie als Thema diesmal begleiten, über das „echte“ Pilgern bis hinunter nach Santiago de Compostela, über Politik auch und weiter hinten über die Nachbarin: „Die hat immer keine Zeit.“ Quatsch, „wir haben alle die gleiche Zeit“. Zeit, um heute „einen Gedanken mehr an etwas zu verschwenden“, sagt Eva. „Jeder tauscht sich aus“, freut sich ein Herr von 71. „Wenn einer sagt, ich habe mit niemandem gesprochen, dann war er nicht dabei.“

„Was ich sonst im Kopf habe, kann ich beim Pilgern vergessen.“

Und hinterher: fühlt sich nicht nur Johannes wie „nach dem Urlaub“, so entspannt ist er. „Alles, was ich sonst im Kopf habe, kann ich beim Pilgern vergessen.“ Was auch der erfahrene Elmar so erlebt, der sagt: „Ich bekomme den Kopf ganz frei“, und alle Probleme des Alltags seien „wie weggeblasen“.

Apropos Blase: Die gibt es auch, aber Pflaster haben Pilger immer dabei. Einen hölzernen Pilgerstab auch, ausreichend Butterbrote und manchmal auch zwei Dackel. Drei Etappen kommen noch, 50 Kilometer, und mancher freut sich schon jetzt auf das Bier, das sie danach in Essen trinken werden. Das fällt noch in die Fastenzeit! „Aber der liebe Gott“, glaubt Hermann, „wird schon ein Auge zudrücken.“

>>>Noch drei Etappen frühen am Ende nach Essen

Am morgigen Sonntag, 26. März 2017, machen sich die Fastenpilger auf den Weg von Rheinberg nach Duisburg-Ruhrort (20 km). Nach einem Gottesdienst in St. Anna (An der St.-Anna-Kirche 4) um 9 Uhr verlässt die Gruppe dazu den traditionellen Jakobsweg.

Die vierte Etappe führt am 2. April von Duisburg nach Mülheim (18 km), die letzte am 9. April von Mülheim nach Essen (12 km). Jeder kann mitgehen, erhält auch einen Pilgerpass. http://altendorf09.de/

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