Wrestling

Dicke Muckis, großes Herz – Wrestlerin will ein Vorbild sein

Kinderheim, Adoptivfamilie, Obdachlosigkeit, Selbstmordversuche: Deutschlands berühmteste Wrestlerin, Jazzy Gabert (38, „Take Me Out“), hatte einen schweren Start ins Leben. Deshalb hilft sie Kindern, Jugendlichen und jungen Frauen, an sich zu glauben.

Kinderheim, Adoptivfamilie, Obdachlosigkeit, Selbstmordversuche: Deutschlands berühmteste Wrestlerin, Jazzy Gabert (38, „Take Me Out“), hatte einen schweren Start ins Leben. Deshalb hilft sie Kindern, Jugendlichen und jungen Frauen, an sich zu glauben.

Foto: Nadine Veigel / Oliver Kühn

Bisingen.  Wrestling rettete Jazzy Gaberts Leben. Die zehnfache Weltmeisterin, bekannt aus der Show „Take Me Out“, will Kindern helfen, an sich zu glauben.

Ihr Lächeln ist fröhlich, und die Begrüßung per Ellenbogen lässt erahnen, wie herzlich ihre Umarmung ohne Corona-Abstand wäre. Im Wrestlingring lächelt Jazzy Gabert aber nie. Dort macht das Kraftpaket ihre Gegner fertig – Männer und Frauen gleichermaßen. Ihre Fans kennen sie als Alpha Female, als gnadenlosen Bösewicht.

Sie ist Deutschlands berühmteste Wrestlerin und ein imposanter Muskelkoloss: 1,80 Meter groß, breites Kreuz, dicker Bizeps, 100 Kilo schwer. Zehn Weltmeistertitel hat sie errungen. Größere Bekanntheit erreichte sie jedoch durch ihre Liebessuche in der RTL-Show „Take Me Out“.

Ob als Champion oder TV-Sternchen, die 38-Jährige will Vorbild sein. „Ich bin eine starke, selbstbewusste Frau, die sich nicht unterkriegen lässt“, sagt sie und spannt ihre tätowierten Oberarme an. Dann lächelt sie zuckersüß, doch das Anliegen ist ihr ernst. Sie will jungen Frauen, Kindern und Jugendlichen zeigen, dass auch sie stark sein und viel erreichen können, „wenn sie an sich glauben und hart arbeiten“.

Ein schmächtiges Mädchen aus Ostberlin

Solch ein Vorbild fehlte der gebürtigen Ost-Berlinerin als schmächtiges Mädchen, das sich „nicht lebenswert und liebenswert“ fühlte. Offen erzählt Jazzy Gabert über ihre schwere Kindheit im Heim und in einer Adoptivfamilie. Mit zehn Jahren stieß sie jedoch auf ein Wrestlingbuch „und ich habe mich in meiner neuen Welt verloren“. Und sie fieberte Anfang der 90er vorm Fernseher mit Hulk Hogan und andern Athleten mit.

Als Teenagerin – noch mit ihrem Geburtsnamen Marie Kristin – sah sie dann Frauen live kämpfen und war Feuer und Flamme. Damals wusste sie noch nicht, dass die Schläge, Würfe, Sprünge und die Fehden zwischen Helden und Bösewichten, über die sie so staunte, tatsächlich Schaukämpfe sind. Dass sich die Gegner insgeheim unterstützen und der Gewinner vorab feststeht. Von nun an war klar: Sie würde eine Wrestlerin sein. Und sich fortan Jazzy nennen.

Darüber kam es zum Bruch mit ihrer Adoptivfamilie, wodurch sie zunächst obdachlos wurde. „Wrestling hat mein Leben gerettet“, sagt sie heute. Ihre späteren Sportkameraden in Berlin hätten sich damals nach Familie angefühlt. Das habe sie gebraucht, als sie als junge Frau keine Perspektive sah, ihre Entscheidungen anzweifelte und mehrmals versuchte, sich umzubringen.

„Meine echte Familie habe ich aber in Japan gefunden“, sagt die sympathische Athletin und meint den Wrestler Masahiro Chono und seine deutsche Frau Martina. Die beiden lernte sie vor einigen Jahren kennen, als sie in Tokio als Champion lebte. „Sie haben mich adoptiert.“

Talentsucher findet sie zu hässlich

Dagegen musste sie sich in einer Berliner Wrestlingschule Akzeptanz und sogar ihr Probetraining hart erkämpfen, weil sie unerwünscht war. Als einzige Frau unter Männern wollte sie daher „immer härter arbeiten als die Jungs“ – und so trat sie sechs Monate später, im April 2001, zu ihrem Debüt an. Obwohl Athletinnen damals bei den meisten Ligen kein Ansehen genossen, blieb Gabert dabei. „Wir waren echt nicht gut“, lacht Jazzy Gabert über den Beginn ihrer Karriere. Ihrem Traum nach Amerika zu gehen, in die Heimat des Branchenriesen WWE, verpasste ein Talentsucher aber einen heftigen Dämpfer: Dafür sei sie nicht schön genug.

Das traf sie hart und brachte den Wendepunkt: die Geburtsstunde von Alpha Female. „Ich wollte immer eine starke Frau sein.“ Das würde sie mit einer neuen Rolle verkörpern. Sie sollte nicht schön sein, sondern furchteinflößend. „Ich wollte sie als eine Kampfmaschine“, böser Blick, Grunzen und Schreien inklusive – eine überlebensgroße Kunstfigur wie der Ultimate Warrior oder Bull Nakano.

Als Alpha Female eroberte sie die Branche, mit dem Bizeps wuchs auch ihre Fangemeinde. Sie errang ihren ersten Titel 2008 in Spanien und kämpfte fast in ganz Europa und machte sich einen Namen in Großbritannien. Geschichte schrieb sie jedoch in Japan bei der bedeutenden Liga Stardom. „Ich bin die erste Europäerin, die sich in Japan einen Titel holen konnte“, sagt sie mit Stolz. Als Champion war sie das Gesicht der Liga und Hauptdarstellerin zahlreicher Fehden. Sie wurde geachtet und respektiert.

Wegen Corona muss sie an der Tanke jobben

Hierzulande ist Jazzy Gabert einem breiten Publikum aber nicht als schlagkräftige Sportlerin bekannt, sondern als schlagfertige Single-Lady aus dem Fernsehen. Bei „Take Me Out“, der RTL-Kuppelshow mit Ralf Schmitz, suchte sie 2019 die Liebe und war nie um flotte Sprüche verlegen. Unter den Kandidatinnen stach sie durch ihre beeindruckende Statur heraus. „Ich habe Muskeln, aber ich habe auch Brüste. Ich trage Make-up und wenn ich in den Spiegel sehe, sehe ich eine wunderschöne Frau.“

Das sieht längst nicht jeder so; ihr Aussehen polarisiert. Von TV-Zuschauern bekam sie im Internet eine Menge „richtig blöde Kommentare“ zu lesen. „Es gibt aber auch viele, die sagen: Ich finde dich cool.“ Zehntausend neue Fans gewann sie durch „Take Me Out“, und sie bekam etliche Anfragen für ein Rendezvous. Ihren Traummann – der gerne gebaut sein darf wie Arnold Schwarzenegger – fand sie nämlich durchs Fernsehen nicht. Sie nimmt es leicht: „Ich liebe mein Leben, so wie es gerade ist.“

Allerdings nervt sie Corona sehr. Kämpfe fallen aus und Gagen weg, daher jobbt die 38-Jährige jetzt als Verkäuferin in einer Tankstelle und als Sicherheitsfachfrau. Doch jeder Blick in ihr Büro zuhause im württembergischen Bisingen zeigt ihr, wie weit sie es gebracht hat. Es ist wie ein kleines Museum mit Plakaten, Trophäen, Fotos – und Röntgenbildern ihrer Verletzungen.

Ihre kurze Karriere beim Kampfsport MMA (Mixed Martial Arts) ist ebenso vertreten wie die Live-Tournee mit Udo Lindenberg, auf der sie 2019 zum als Tänzerin und Schaukämpferin zum Bühnenprogramm gehörte. „Bei Udo hatte ich so viel Spaß, es war so cool“, schwärmt sie. Nie habe sie sich unter den zierlichen Tänzerinnen als Außenseiterin gefühlt. Altrocker Lindenberg engagierte den lebensfrohen Muskelprotz direkt für weitere Tourneen. Los geht’s, sobald die Pandemie es zulässt.

Mobbing und Missbrauch erschüttert die Wrestling-Szene

Einen Ehrenplatz im Büro haben aber Andenken an ihren Karrierehöhepunkt: ein WWE-Turnier in Florida, das Mae Young Classic 2017. Ihr Kindheitstraum erfüllte sich dort, als zigtausende Fans sie im Ring bejubelten. „Das war der absolute Wahnsinn.“ Damit nicht genug: Sie bekam ein Vertragsangebot für die USA.

Eine Nackenverletzung beendete dieses Wrestling-Märchen abrupt. Der Vertrag war sofort gestorben. Ihre Ärzte hatten die Profi-Sportlerin abgeschrieben, aber sie drängte auf eine Operation und durfte sich 2019 in der WWE in Großbritannien beweisen, bei der Nachwuchsliga NXT UK. Dort wurde sie jedoch gemobbt: „Eine Kollegin wollte mich absichtlich im Nacken verletzten.“ Damit war für sie die Grenze überschritten. Als sich zudem die Option zerschlug, ins WWE-Ausbildungslager nach Florida geholt und letztlich befördert zu werden, ließ Gabert den Vertrag auslaufen. Seither steigt sie wieder als Tagelöhnerin in den Ring, auch im Ruhrgebiet.

„Die WWE war immer mein Herzenswunsch. Aber der liebe Gott hat Größeres für mich geplant.“ Der Wegbereiter dafür soll ihre eigene Liga Sirius sein. Damit will sie Wrestling in Deutschland als Familienvergnügen mit Theaterflair etablieren – die Geschichten werden dann natürlich mit kräftigen Schlägen und harten Tritten erzählt. Bei der Premiere im Dezember teilt die Liga-Gründerin selbst Prügel in Württemberg aus und macht ihre Gegner als neue Kunstfigur fertig: als kraftstrotzende, außerirdische Kriegerin Alpha.

Als Sirius-Chefin möchte sie zudem neue Branchen-Standards setzen. Zumal im Sommer Mobbing- und Missbrauchsskandale die Wrestling-Szene erschütterten, in Deutschland und weltweit. Jazzy Gabert macht sich seither für die Opfer stark. „Ich bin sehr froh, dass viele über ihre Erfahrungen gesprochen haben und dass wir jetzt wissen, wer in unserem Geschäft ein schwarzes Schaf ist.“

In Schulen will sie Hoffnung stiften

Diese Skandale und ihre jüngsten Erlebnisse bei der WWE hatten ihr die Lust an ihrem Sport genommen. Aber die Leidenschaft ist frisch entfacht, seit sie im August wieder im Ring stand. Doch Gabert wird künftig nicht nur Gegner verkloppen, sondern möchte auch in Schulen gehen, um Kindern und Jugendlichen zu helfen, die eine schwere Zeit durchmachen. Ihr Beispiel soll zeigen, dass es immer Hoffnung gibt. Dass man Träume erreichen kann, solange man an sich glaubt. „Ich habe das geschafft, und dann kann das wirklich jeder schaffen.“

>> DIE PROFI-WRESTLERIN LIEBÄUGELT MIT DEM RUHRGEBIET

  • Jazzy Gabert zieht es fort aus Bisingen, in das sie für ihr MMA-Training zog. „Ich würde gerne nach Düsseldorf ziehen“, verrät sie. Sie mag den Flughafen und die Nähe zu Köln, wo sie öfter im Fernsehen auftreten will.
  • Der hohen Mieten wegen liebäugelt sie aber auch mit Duisburg und dem übrigen Ruhrgebiet als neue Heimat.
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