Trauerbegleitung

Wenn Mama und Papa sterben – fünf Vollwaisen erzählen

„Der Tod meiner Eltern hat mich stark gemacht“: Die 24-jährige Vicki hat das Geburtsdatum ihres Bruders und den Hochzeitstag ihrer Eltern tätowiert. Daten, die ihr den Rücken stärken.

„Der Tod meiner Eltern hat mich stark gemacht“: Die 24-jährige Vicki hat das Geburtsdatum ihres Bruders und den Hochzeitstag ihrer Eltern tätowiert. Daten, die ihr den Rücken stärken.

Foto: Ralf Rottmann

Gelsenkirchen.   Anna (10), Celine (17), David (18), Timo (20) und Vicki (24) haben binnen kurzer Zeit beide Elternteile verloren. Eine Trauergruppe hilft.

Die Kaffeemaschine brummt, auf dem Tisch stehen frische Brötchen und Marmelade. Anna (10), Celine (17), David (18), Timo (20) und Vicki (24) kennen sich von diesem Tisch im Lavia-Haus für Trauerbegleitung in Gelsenkirchen. Jeder von ihnen hat hier schon mal geweint.

Timo aus Gelsenkirchen war gerade elf, als sein Vater auf einer Dienstreise den Herzinfarkt erlitt. Seine Mutter schien schon vom Krebs geheilt. Plötzlich brach die Krankheit wieder aus. „Ich habe immer gedacht, die Mama, die schafft das.“ Timos Mutter schaffte es nicht. Auch nicht das Herz seines Vaters, und plötzlich war der Junge allein. Vollwaise mit elf. Der heute 20-Jährige nimmt einen Schluck aus seiner Tasse. „Der Arzt am Sterbebett meiner Mutter kam aus Afrika, er hat zu mir gesagt: Bei uns glaubt man daran, dass jeder sich sein Schicksal vor der Geburt aussucht. Dieser Gedanke hilft mir bis heute.”

Ihre Mutter bedruckte ein Kopfkissen mit den Händen

Celine wohnte mit ihrer Familie in Gladbeck. Sie verlor ihren Vater an Silvester. Herzinfarkt. Bevor ihre Mutter starb, da war Celine 15, bedruckte sie noch ein Kopfkissen mit ihren Handflächen. „Mama wollte, dass ich sie dadurch immer spüre, wenn ich mich alleine fühle”, erzählt die inzwischen 17-Jährige.

David (18) kommt aus Gelsenkirchen. Er erinnert sich daran, wie sein Vater ins Krankenhaus kam. Als sich herausstellte, dass es sich um eine Blutvergiftung handelte, war es zu spät. „Ich konnte mich nicht mehr von Papa verabschieden.” David war damals neun und mit seiner Mutter allein. Sie erkrankte an Krebs. Vor drei Jahren war klar, dass auch sie sterben würde. „Bei ihr konnte ich mich besser auf den Tod einstellen, weil ich ja schon wusste, was kommt.”

„Ich dachte, meine Mutter, die stirbt doch nicht.”

Vickis Eltern starben im Jahr 2010 kurz hintereinander. Bei ihrer Mutter wurde Leukämie diagnostiziert, „ich dachte, meine Mutter, die stirbt doch nicht.” Es dauerte nur zwei Tage. Am folgenden Tag erlitt Vickis Vater einen Herzinfarkt und wieder der Gedanke: „Der Papa hat es noch immer geschafft.“ Die 24-Jährige lebte mit ihrem jüngeren Bruder weiter im Elternhaus. Ihre Omas, die selber jeweils ein Kind verloren hatten, wechselten sich mit betreuen ab.

Anna (10) aus Herne spricht in der Runde nicht viel. „Ich habe mich auf das Treffen gefreut, bin aber auch aufgeregt.” Ihre Mutter starb an Krebs, da war sie sechs. Ihren Vater, der später erkrankte, hat sie vor ihrem Tod nicht mehr gesehen. Das macht es ihr schwieriger zu glauben, dass er wirklich nicht mehr da ist.

„Ich möchte irgendwann eine Familie gründen.”

Inzwischen scheint die Sonne durch die Fenster des ehemaligen Friedhofsgärtnerhauses. „Ich habe mich in der Schule danach ins Zeug gelegt, wollte das Beste aus meinem Leben machen”, sagt Timo, der ehrenamtlich Fußballkinder trainiert. Celine engagiert sich in der Hausaufgabenhilfe. „Ich möchte irgendwann eine Familie gründen.”

Vicki studiert Heilpädagogik und arbeitet als Trauerbegleiterin bei Lavia mit. „Der Tod meiner Eltern hat mich stark gemacht“, meint auch sie, etwas, was alle anderen ebenfalls für sich empfinden. „Wenn ich manchmal sehe, worüber sich andere aufregen, dass sie eine Klausur nicht bestanden haben zum Beispiel, dann denke ich: Wenn ihr das schon so schlimm findet, was macht ihr dann eigentlich, wenn mal wirklich etwas Schlimmes passiert?”

„Ich habe große Angst vor Abschieden.“

Klar, da gibt es diese Situationen. „Wenn wir zum Abiball meines Bruders gehen und alle kommen mit ihren Eltern, sitze ich da mit meinen beiden Omas.” Was hilft: Rituale. „Am Geburtstag meiner Eltern machen wir immer Streuselapfelkuchen, den liebte meine Mutter.”

Auch Celine kennt dunkle Stunden. „Ich habe große Angst vor Abschieden, Leute zu verlieren. Vor dem Alleinsein.” David, der sich als Pfadfinderleiter einsetzt, fürchtet, „dass meine Pflegeschwester stirbt, oder einer meiner Pflegeeltern.” Rituale machen es besser, bestätigt Celine: „Außerdem tut mir die Trauergruppe sehr gut, weil ich in meiner Situation nicht allein bin.“

„Wenn ich Kinder habe, sollte ihnen mein Schicksal erspart bleiben.”

Was wünschen sich die Waisen? „Ich hätte gerne Eltern”, sagt Celine. „Die traurigen Momente sind weniger geworden. Ich wünsche mir, dass die Trauer mich weiter begleitet, das Gute im Leben aber überwiegt”, sagt David. „Ich möchte älter werden als meine Mutter. Wenn ich Kinder habe, sollte ihnen mein Schicksal erspart bleiben”, sagt Vicki. „Ein Hundebaby“, sagt Anna. Und Timo: „Ich möchte mit dem, was ich bin und habe, zufrieden sein, mich im Spiegel angucken und sagen: Ist gut, was du machst.”

>>>Expertin: Rituale können helfen, aber auch Austausch

Im Lavia-Haus in Gelsenkirchen finden Menschen Hilfe, deren Angehörige sterben oder gestorben sind. Auch Timo, Celine, Anna, David und Vicki haben hier Unterstützung gefunden. Redakteurin Tina Bucek sprach mit Mechthild Schroeter-Rupieper, Gründerin der Familientrauerarbeit im deutschsprachigen Raum.

Warum ist Trauerarbeit wichtig? Kann nicht jeder Mensch trauern?

Schroeter-Rupieper: Von Natur aus ja. Genau wie jeder Mensch sich freuen kann. Leider haben wir das Trauern heute verlernt. Wer traurig ist, gar weint, gilt als schwach. Das ist Quatsch. Wir würden auch nicht zu jemandem, der lacht, sagen, er ist schwach, nur weil er seine Empfindung zeigt. Es ist wichtig, dass wir lernen, die Trauer zuzulassen. Wenn man sie unterdrückt, kann man krank werden.

Beide Eltern zu verlieren, das ist eine extreme Art des Verlustes. Wie gehen Sie damit um?

Erstmal geht es darum, jeden in seiner Trauer anzunehmen. Wir entwickeln Rituale, wo die Gedanken an Mama und Papa aufgehoben sind. Sich mit Menschen in einer ähnlichen Situation auszutauschen, hilft. Dann geht es um praktische Fragen: Wie kann es nun weitergehen? Wer unterstützt mich, was muss ich selber in die Hand nehmen?

Mit Timo, Celine, Anna, David und Vicki haben Sie bis heute Kontakt. Schweißt die Situation zusammen?

Ja, irgendwie schon. Ich denke, es hat auch etwas mit meinem Konzept bei Lavia zu tun. Ich habe das Haus so eingerichtet, dass man sich in den Räumen wohl fühlt. Trauergespräche gehören an den Küchentisch, nicht in Praxisräume. Und es macht Kinder und Jugendliche stark, wenn man sie begleitet, sie werden zu selbstbewussten Krisenbewältigern. Als ich die fünf vor Kurzem unabhängig voneinander gefragt habe, ob sie glauben würden, dass sie schlechter dran seien als andere Jugendliche, haben sie alle gesagt: Nein, ganz sicher nicht. Es gibt Menschen, denen geht es schlechter. Flüchtlingen etwa. Oder Kindern, die keine guten Eltern haben.

Familientrauerarbeit wird häufiger nachgefragt, Sie haben etwa auch die Angehörigen des Flugzeugunglücks in Haltern betreut. Trotzdem weigern sich viele Jugendämter, die Leistung zu bezahlen. Warum?

Viele Jugendämter sehen den Bedarf nicht und wenn, dann wollen sie diesen in die Hände von Psychologen geben. Jedoch kann man Trauer nicht behandeln wie eine Krankheit, sondern kann sie erlernen für das Leben. Man kann an den fünf jungen Menschen sehen, was Trauerarbeit leisten kann. Keiner von ihnen ist abgerutscht, keiner hat zu Drogen gegriffen, sie haben sich zu stabilen, sozial engagierten Persönlichkeiten entwickelt.

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