Bolzplatz

Bolzplatz-Erinnerungen: Wenn Bernd mit Gummistiefeln schießt

Eickeler Straßenmannschaft  im Jahr 1971. Hinten Mitte: Peter Müller, heute Sportredakteur.

Eickeler Straßenmannschaft im Jahr 1971. Hinten Mitte: Peter Müller, heute Sportredakteur.

Foto: PRIVAT

Wanne-Eickel.   Der Bolzplatz ist ein Feld der Träume. Unseres heißt: „Sauerland-sei-uns-gnädig-Stadion“. Eine Geschichte von einer Kindheit im Ruhrgebiet.

„Piss!“ – „Pott!“ – „Piss!“ – „Pott!“ – „Piss!“ – „Pott!“ Klingt jetzt nicht so appetitlich, ist aber unverzichtbar. Denn das rufen die beiden Wählenden, während sie abwechselnd einen Fuß vor den anderen setzen und sich dabei immer näher kommen. Wer dem anderen am Ende auf die Spitze latscht, hat verloren. Und der Wahlsieger entscheidet stolz: „Ich nehm‘ den Langen!“

Der Wahlverlierer holt sich den Nächstbesten in sein Team, bis am Ende der dicke Junge übrig bleibt. Für den ist das jedes Mal bitter, seine Glanznoten in Mathe nützen ihm hier nichts. Hier zählen andere Talente. Hier spielt das Leben. Der dicke Junge ist froh, dass er diesmal nicht hören muss: „Den könnt ihr auch noch haben!“

Der Bolzplatz soll ein Parkplatz werden

Wir sind in Wanne-Eickel, Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger. Brandt ist Kanzler, Huberty moderiert die Sportschau, Heck die Hitparade, und wir beackern ein kleines Feld. Umrahmt von Wildwuchs, weit genug weg von der Straße: Dies ist das Feld der Träume. Acht- bis Elfjährige bereiten hier ihre Profikarrieren vor, aus denen später nichts wird. Auch Herbert wird es nicht helfen, dass er ein schwarzes Torwart-Trikot hat wie sein Vorbild Bernd Franke von Eintracht Braunschweig.

Der Boden ist aus Lehm, plattgetreten in ungezählten Stunden, die wir im „Sauerland-sei-uns-gnädig-Stadion“ verbracht haben. So nennen wir den Bolzplatz, seit uns das Gerücht zu Ohren gekommen ist, dass die Bäckerei Sauerland nebenan unsere Spielfläche in eine Zufahrt plus Parkplatz verwandeln will. Für uns heißt das: keine Zeit verlieren! In den Ferien wird schon ab elf Uhr gepöhlt. Nach acht, neun Stunden bist du die Krone der Erschöpfung, aber du fühlst dich großartig. Den Abpfiff haben die Eltern vorher festgelegt: Schluss ist, wenn die Straßenlaternen angehen.

Samstags rennen wir mittags noch eben rüber zum Aschenplatz. Da haben wir ein E-Jugend-Spiel im Verein, muss ja auch sein. Danach: Trikot anlassen (gehört uns ohnehin, der Verein hat kein Geld), Dusche umdribbeln und sofort zurück auf den Bolzplatz. Schweißkunstlauf.

Regel 1: Drei Ecken – ein Elfer

„Ich stecke dich am besten komplett in die Waschmaschine!“ Die Mutter sagt das häufig. Regen? Pfützen? Matsch? Sind nur problematisch, weil sich der Lederball vollsaugt und schwerer wird. Der Kontakt mit den Nähten der Kugel kann beim Kopfball ganz schön schmerzhaft sein.

Hauptsache, es ist überhaupt einer da, der einen Ball besitzt. Der mit dem Ball weiß, dass er sich Chef-Allüren leisten kann. „Ersten alles!“, sagt er, wenn es losgeht. „Ersten alles“ heißt: Er schießt den ersten Freistoß und den ersten Elfmeter. Die erste Ecke nicht, Ecken sind tabu, wären bei kleinen Teams ja ein Nachteil. Das Gesetz heißt: Drei Ecken – ein Elfer!

Manchmal simulieren wir ein Bundesligaspiel. Der eine will Libuda sein, der andere Netzer, wahlweise kicken auch Beckenbauer, Overath, Held oder Lippens mit. Wer den Ball hat, kommentiert gleichzeitig – im Radioreporter-Stil: „Und Beckenbauer passt nach außen, da kommt die Flanke – Kopfball, und wieder eine Parade! Nigbur hält heute einfach alles!“

Regel 2: Letzter Mann hält

Ein Spiel dauert meistens „bis Zehn“. Heißt: Hat eine Mannschaft zehn Tore, ist Ende. „Letzter Mann hält“ ist auch so eine häufig angewandte Regel, wenn wieder keiner Lust hat, die ganze Zeit zwischen den Pfosten zu stehen.

Pfosten bestehen mal aus Jacken, mal aus Taschen, mal aus Erdhaufen. Als wir bei der Ballsuche im Gestrüpp ein paar Holzlatten finden, fühlen wir uns wie Lottogewinner. Nur Herbert muss aufpassen, dass ihm die Latten beim Pfostenschuss nicht um die Ohren fliegen.

Regel 3: Foul ist, wenn’s blutet

Wehleidig sollte man hier ohnehin nicht sein. Mamis kleiner Liebling, der bei jeder Ohrläppchenzerrung auf dem Boden wälzend um Aufmerksamkeit ringt, spielt genau einmal mit. Strittiges regelt man hier nämlich so: „Foul ist erst, wenn’s blutet.“

Schnell zu sein ist auch nicht übel. Manchmal erscheinen nämlich ganz plötzlich die älteren, stärkeren Jungs aus einer leicht verrufenen Gegend und beanspruchen den Platz für sich. Einige von uns meinen, das seien Typen, bei denen man hören kann, wie der Wind durch ihre Hohlbirnen pfeift, andere reden nicht so gut über die. Und wehe, die haben keinen Ball dabei. „Rück den Ball raus, oder es gibt was auf die Nase“ – das ist leider nicht die Wahl, nach der es aussieht. Was auf die Nase gibt’s so oder so.

Ein Länderspiel auf unserem Bolzplatz

Aber es kommen auch wieder Festtage. Wenn die befreundete Straßenmannschaft aus der Nähe zu Gast ist, geht es um die WM. Wir tauschen selbstgemalte Wimpel aus, laufen ein – und machen Erfahrungen, die wir nie wieder vergessen werden. Als Bernd den entscheidenden Elfer verschießt, weil ihn seine Mutter an diesem verregneten Tag in Gummistiefeln rausgeschickt hat, weiß er noch nicht, dass dies nur die siebzehntschlimmste Sache sein wird, die ihm im Leben passiert. Jetzt fehlt ihm gerade eine Höhle, in die er sich verkriechen könnte.

Nur einmal werden die Straßenspiele in ihrer Bedeutung übertroffen. Vom ersten und einzigen Länderspiel im „Sauerland-sei-uns-gnädig“-Stadion.

Ein paar Meter entfernt steht ein Junge, den wir noch nie gesehen haben. Unsicher nähert er sich. Er spricht kaum Deutsch. Ekrem heißt er, er ist kürzlich mit seinen Eltern aus der Türkei gekommen. Natürlich darf er sofort mitkicken.

Limoflasche statt Pokal

Als wir mitbekommen, dass Ekrem Brüder hat, steht der Plan: Deutschland gegen Türkei, auf Wanne-Eickeler Boden. Am nächsten Samstag. Mit Onkel Hubert als Schiedsrichter.

Gut, dass uns diese Idee noch gekommen ist, denn Ekrems älterer Bruder Serdar erweist sich als Heißsporn. Onkel Hubert, Typ herzensguter Kerl, regelt das auf seine weise Weise. Er hat ein paar Flaschen Limo dabei, unterbricht das Spiel kurz, wenn ihm danach ist, und versorgt beide Mannschaften. Serdar ist wieder beruhigt.

Onkel Hubert ist auch so clever, das Länderspiel abzupfeifen, als es 6:6 steht. Die Mutter der türkischen Jungs hat das historische Ereignis verfolgt, sie winkt uns heran und zaubert Brote aus ihrer Tasche. Ganz dicke Schnitten. Großartig.

Ekrem, kommst du morgen wieder? Dann zeigen wir dir auch, wie bei uns gewählt wird. Pass auf, lern‘ bis dahin schon mal Deutsch: Piss – Pott – Piss – Pott.

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