Trauma

Bochumer Forscher: das Videospiel Tetris lindert das Trauma

Das Spielen von Tetris kann helfen, schlechte Erinnerungen abzuschwächen.

Das Spielen von Tetris kann helfen, schlechte Erinnerungen abzuschwächen.

Foto: Aurelia Herrmann

Bochum.   Neue Bochumer Studie zeigt: Patienten, die am Computer Tetris spielen, erinnern sich weniger an die Qualen eines Unfalls oder eines Missbrauchs.

Computerspiele haben einen schlechten Ruf – sie sollen die Konzentration stören, Aggressivität erhöhen. Dass ein Spiel wie Tetris Menschen auch helfen kann, erforscht Professor Henrik Kessler mit einem Wissenschaftler-Team aus Bochum und Schweden. Maren Schürmann sprach mit dem Oberarzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am LWL-Universitätsklinikum, wie das Spiel schlechte Erinnerungen schwächt. Und warum das nicht mit „Super Mario“ funktioniert.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Patienten Tetris spielen zu lassen?

Henrik Kessler: Meine Kollegin Emily Holmes aus Schweden hat vor zehn Jahren in Cambridge gesunden Leuten einen Horrorfilm gezeigt. Die eine Hälfte hat danach Tetris gespielt, die andere Hälfte hat nichts gemacht. Die Leute mussten dann eine Woche lang notieren, wenn sie sich unwillkürlich an eine Szene im Film erinnert haben. Es kam heraus, dass diejenigen, die Tetris gespielt haben, weniger Erinnerungen an den Film hatten. Wir haben nun in Bochum weltweit erstmals gezeigt, dass dies auch bei echten Patienten funktioniert, die seit langem Flashbacks haben.

Was genau sind Flashbacks?

Flashbacks können Menschen bekommen, die etwas Schlimmes erlebt haben, einen Unfall, einen Überfall, einen Missbrauch. Sie erleben dann diesen Moment in einer Art Kopf-Kino noch einmal. Wenn zum Beispiel ein Mensch Opfer eines Raubüberfalls wurde und Jahre später plötzlich einen Silvesterknaller hört, schreckt er zusammen und im Kopf laufen die Szenen von damals wieder ab, wie er mit der Pistole bedroht und angeschrien wurde. Das Schlimme der Flashbacks ist, es fühlt sich für die Menschen echt an, als wären sie noch einmal in der Situation, obwohl sie wissen, dass es Jahre her ist. Die Leute stehen dauernd unter Strom und vermeiden zum Beispiel nach einem Autounfall, sich in einen Wagen zu setzen. Aus Angst, dass der Film wieder läuft, mit all den negativen Gefühlen. Es fühlt sich leider sehr real an.

Und wenn sie Tetris spielen, startet das Kopf-Kino nicht mehr?

Tetris ersetzt keine Therapie. Das Problem ist: Wir haben zwar sehr gute Therapien zur Behandlung von Posttraumatischen Belastungsstörungen, aber diese Therapien sind nur für einen Bruchteil der Betroffenen verfügbar. Deswegen war die Idee, den Leuten etwas Einfaches, breit Verfügbares anzubieten, was nicht die Posttraumatische Störung als Ganzes behandelt, aber das Symptom der Flashbacks gezielt lindert.

Und das gelingt mit Tetris, wenn sie also am Computer unterschiedlich geformte Klötzchen schnell anordnen müssen?

Bei 16 von 20 Patienten hat das funktioniert. Wir testen das zurzeit mit weiteren Patienten. Wir können es nicht belegen, aber wir vermuten: Wenn in meinem Kopf ein innerer Film abspult, ob das ein Unfall ist oder der letzte Sommerurlaub, dann brauche ich im Gehirn Gebiete, die mentale Rotationen machen, die also 3D-Erinnerungen vermitteln. Und das sind die gleichen Gebiete, die ich brauche, um Tetris spielen zu können. Man kann aber nicht zwei Dinge gleichzeitig machen, die im Gehirn die gleichen Gebiete benötigen. Und wenn die Leute dann Tetris spielen, wird der Film heruntergefahren.

Geht das auch mit „Super Mario“ oder „Pac-Man“?

Nein. Sie brauchen ein Spiel, bei dem sie im Kopf etwas drehen müssen. Wir hatten ein anderes Experiment, bei dem Probanden ein Quiz-Spiel gemacht haben, aber das hatte keinen Effekt.

Computerspiele haben nicht den besten Ruf, da überrascht es, dass Sie ihnen so gute Eigenschaften zuschreiben.

Ich würde als Message nicht herausgeben: Spielt viel Tetris, dann geht es Euch besser. Das Problem von Videospielen ist ja eher, dass Menschen viele Stunden ihres Lebens damit verbringen. Es kommt auf die Dosis an: Wir haben die Patienten gebeten, die schlimmen Szenen wie ein Drehbuch aufzuschreiben, dann das Blatt Papier zu zerreißen und 25 Minuten lang Tetris zu spielen.

Warum genau 25 Minuten?

Erst zehn Minuten nach dem Aufschreiben ist das Gehirn soweit, mit der Erinnerung etwas zu machen. Man sollte dann mindestens 15 Minuten spielen, damit der Effekt eintritt.

Aufschreiben und Zettel zerreißen – wie wichtig ist das für den Erfolg?

Belastende Erinnerungen zu Papier zu bringen und es dann zu zerreißen hat einen sehr entlastenden symbolischen Charakter. Es gibt Therapierichtungen, die genau darauf aufbauen. Wir überprüfen nun mit einer neuen Stichprobe, welchen Beitrag das Schreiben für den Erfolg dieser Methode leistet.

Was genau sind Flashbacks? Ein Betroffener erzählt

Ein Schuss im Fernsehkrimi, der Krach eines Feuerwerks und Omco T. war wieder da: im Krieg in Jugoslawien, dem heutigen Kroatien. „Ich war wieder Soldat, habe mit meinen Kameraden gekämpft, immer wieder meine Kameraden verloren, denen ich nicht helfen konnte.“ Sein Atem stockt. Der 50-Jährige spricht leise weiter: „Ich konnte sie nicht rausholen.“

Die schrecklichste Zeit seines Lebens ist gut 28 Jahre her. Aber Omco T. hat sie nie wieder losgelassen. Nicht nur das: Er erlebt sie immer wieder aufs Neue, wenn er einen Flashback bekommt. Sein Kopf-Kino ist dann so real, als wäre er nicht zu Hause in Wattenscheid, sondern in Jugoslawien, wo er die gefallenen Kameraden wegträgt.

Immer wieder derselbe Traum

Anfangs hatte er sich noch „unter Kontrolle“. Aber dann kamen nach ein paar Jahren die Alpträume. „Sie wurden immer intensiver.“ Und waren überhaupt nicht mit denen zu vergleichen, die man schon mal in der Kindheit hat. „Ich träume quasi immer wieder denselben Traum: Ich komme in die Kaserne, ich frage, ob meine Kameraden wieder da sind und dann kriege ich immer wieder die Antwort: ,Weißt du nicht, dass der oder der nicht mehr unter uns ist, dass er es nicht geschafft hat?’“

Und dann begannen vor zehn Jahren die Flashbacks . . . Omco T. ist ein Mann „wie ein Baum“. Er arbeitet auf dem Bau, kann richtig anpacken. Aber wenn dort etwas krachend umgefallen ist, war es schwer für ihn, „zu funktionieren“. Dann sprang sein Kopf-Kino wieder an. „Ich erlebe das alles noch mal. Ich bin real im Kampf. Ich kriege um mich herum nichts mit, ich bin nicht ansprechbar, ich weiß nicht, was um mich herum passiert, ich bin wieder im Krieg.“ Immer wieder, immer wieder. „Ich rieche Schießpulver oder wenn eine Granate explodiert“. sagt Omco T. „Ich habe Blut auf meinen Händen gesehen, das ich nicht abwaschen konnte.“ Schweißausbrüche, Panikattacken. Die Hand verkrampft, sie zittert.

Er vermied es, Fernsehen zu gucken

Erst wenn ihn jemand antippt, ihn anspricht – „Es kann nichts passieren!“ – , kommt er langsam wieder zurück in die Realität. Zehn Minuten kann es dauern, bis er wieder ganz im Hier und Jetzt ist.

Seine Frau hat gespürt, wie er sich verändert hat, wie er nachts aufstand, wie er im Schlaf nach seinen Kameraden rief. „Was ist los?“, fragte sie ihn. „Als ich angefangen habe zu reden, war es leichter für mich.“ Der Druck wurde weniger, aber er ging nicht weg. Omco T. vermied es, Fernsehen zu gucken, Orte zu besuchen, die den Kampfschauplätzen glichen. Aus Angst, mit allen Sinnen wieder zurückzukehren. Dann bekam er einen Therapieplatz, ließ seine Posttraumatische Belastungsstörung behandeln. Damit sein Kopf-Kino nicht mehr sein Leben regiert.

Früher hatte er das Gefühl, innerlich zu zerplatzen. Sein Lächeln war oft nur Fassade. Heute sagt der Vater von zwei Töchtern aus vollem Herzen: „Ich bin wieder lebensfroh und kann gut in die Zukunft sehen.“

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben