Tanzen

Bis ins hohe Alter fit: Bei „Rock am Stock“ wird abgetanzt

„Tanzen ist meine Leidenschaft“, sagt Lilo Podzus (l.). Die 88-Jährige dreht sich gerne zusammen mit Bärbel Götz (81).

„Tanzen ist meine Leidenschaft“, sagt Lilo Podzus (l.). Die 88-Jährige dreht sich gerne zusammen mit Bärbel Götz (81).

Foto: Kerstin Kokoska

Essen.   Senioren vergessen ihr knackendes Knie: Bei Rock am Stock genießen sie die Lebensfreude wie zur Zeit, als es überall Tanzcafés gab.

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Beim Tanzen gibt es immer das gleiche Problem: Frauenüberschuss. Doch in diesem Saal warten die Frauen nicht, bis die wenigen Männer sagen: „Darf ich bitten?“ Sobald die Musik ertönt, hält sie nichts mehr auf den Stühlen. Die Ersten auf der Tanzfläche sind Gisela (80) und Rosi (86). Sie halten sich wie bei „Let’s Dance“ im Arm. Ihre Füße kennen den Discofox: eins, zwei, tipp. Und das Song für Song bei der erfolgreichen Essener Reihe: „Rock am Stock“.

Stets das gleiche Lied lässt die Party beginnen: „Man ist so jung wie man sich fühlt“, singen die Gäste den Freddy-Quinn-Schlager – die meisten haben ihren 70. Geburtstag schon vor einer kleinen Ewigkeit gefeiert. Klaus Gal und Herbert Schlotmann, der evangelische Pfarrer im Ruhestand und der ehemalige Sparkassen-Chef im Stadtteil Frintrop, begrüßen die Runde. Sie witzeln und frotzeln und Schlotmann lobt das Älterwerden: „Du bekommst regelmäßig Besuch von jungen Frauen und Männern – deinen Pflegern.“ Da hat er die Lacher auf seiner Seite.

Rote Rosen, rote Lippen, roter Wein

Nach dem Kaffee gibt das Moderations-Duo die Tanzfläche frei mit „Rote Rosen, rote Lippen, roter Wein“. Rosi dreht sich, sobald Gisela den linken Arm hebt: „Ich bin ja der Mann, sie muss machen, was ich will“, freut sich die 80-Jährige über ihre Führungsrolle. Die alleinstehenden Frauen haben sich bei „Rock am Stock“ kennengelernt und fahren nun auch zusammen in den Urlaub. Wären ein paar mehr Männer nicht schön?

„Die Kerle in dem Alter leben alle nicht mehr“, sagt Rosi. Und wenn dann doch mal einer dabei sei, dann ginge es eins nach links, eins nach rechts. „Da tun mir die Knochen weh“, kommentiert Gisela schmunzelnd das Schneckentempo. Wie machen ihre Gelenke denn den schnellen Rhythmus mit? „Die Knie werden eingerieben“, erklärt Gisela und Rosi ergänzt: „Die Knie sind kaputt, aber es geht trotzdem.“

Wenn Lilo Podzus auf dem Parkett ist, fühlt sie das Glück. „Tanzen ist meine Leidenschaft“, sagt die 88-Jährige. Nach dem Tod ihres Mannes sei sie depressiv geworden, aber das Tanzen habe ihr geholfen. Allerdings müsse sie sich nach einem Herzinfarkt etwas vorsehen. Daher tanze sie heute nicht mehr so oft mit der Gisela: „Es war so flott.“

Frauen unter sich

Manche Frauen bewegen sich allein auf der Tanzfläche, andere halten sich in kleinen Gruppen an den Händen. „Die Frauen fühlen sich unbeobachtet, sie können sich austoben“, sagt Schlotmann. Auch die Tänzerinnen selbst sehen darin den Erfolg von „Rock am Stock“. Ingrid Spettmann (77): „Man muss keine Hemmungen haben, auch mal mit einer Frau zu tanzen.“

Vor der Saaltür im Katholischen Pfarrheim stehen ein paar Rollatoren. Einer Tänzerin ist das Tanzen ohne Stütze zu unsicher, sie nimmt eine Krücke mit aufs Parkett. Christine Riedel lässt jedoch zum Tanzen ihren Stock am Tisch. „Ich bin ja froh, dass ich noch so intakt bin“, sagt die 90-Jährige mit den dezent rosa geschminkten Lippen. „In dem Alter sind viele Freunde verstorben.“ Sie erklärt, wie sie mit dem Alleinsein fertig wurde: „Man muss sich selbst in den Hintern treten.“

Eigentlich müsste es Schlager am Stock heißen

Zieh deine Jeans an und deine roten Schuh und dann geh wieder tanzen, es gibt so viele, die sind allein wie du, donna blue.“ Gleich drei Gäste haben sich an diesem Nachmittag das Lied „Donna Blue“ von Andreas Fulterer gewünscht. Streng genommen müsste die Reihe eher „Schlager am Stock“ heißen. Denn „We Will Rock You“ wird man hier nicht hören. Aber der Name „Rock am Stock“ war einfach zu schön, als sich Klaus Gal (74) und Herbert Schlotmann (70) das Konzept ausdachten. So schön, dass der Titel bereits geschützt war. Aber sie holten sich die Erlaubnis, ihn zu verwenden. Und so organisieren sie seit 2013 die Oldie-Party ehrenamtlich. Schlotmann: „Die Reaktionen der Leute – das ist so toll. Die haben glänzende Augen, die bedanken sich, es kommt so viel zurück.“

Ein Geschäftsmann sponsert Saalmiete, Gema-Gebühren, Kuchen. „Traurig sind die Leute genug, sie sollen lachen“, erklärt Gal die Motivation. In der Jugend haben sie sich in Tanzcafés amüsiert. Die gibt es schon lange nicht mehr. Dieser Saal befindet sich im Pfarrheim, aber das Treffen habe nichts mit Kirche zu tun, betont der Pfarrer: „Wir beten hier nicht, wir tanzen nur.“

Für die Karten stehen sie Schlange

Den einen Euro, den die Tänzer für die Eintrittskarte zahlen, inklusive Kaffee und Kuchen, nehmen die Veranstalter nur, um den Überblick zu behalten. Zehn Tage vor der nächsten Party werden die Tickets in zwei Läden in Frintrop verkauft. Schlotmann: „Da stehen sie eine Stunde vorher schon Schlange.“ Und auch die Karten-Ausgabe haben die Organisatoren reglementiert, damit nicht einer zig Karten kauft und am Ende einer der 120 Plätze leer bleibt: Pro Person vier Tickets – dann ist der nächste dran.

Am Ausgang des Saals steht eine Spendenbox für den guten Zweck. 30.000 Euro haben sie bisher mit all ihren Veranstaltungen eingenommen – neben „Rock am Stock“ gibt es auch Kabarett und eine Weihnachtslesung in der Reihe „Klaus und Herbert laden ein“. Schlotmann über die Spendenfreude: „Damit haben wir überhaupt nicht gerechnet.“ Der Erlös des Tanz-Events geht an den Förderverein des „Cosmas und Damian Hospiz“.

Stets das gleiche Lied lässt die Party ausklingen, bevor die Gäste um 18 Uhr den Saal verlassen und froh sind, dass sie noch im Hellen heimkommen: „Und dann die Hände zum Himmel. Komm lasst uns fröhlich sein. . .“ Alle im Saal strecken die Hände in die Luft und singen mit. Nur Lilo Podzus (88) und Christine Riedel (90) bekommen vom Schwofen nicht genug. Sie halten sich lächelnd im Arm und wiegen sich von einem Fuß auf den anderen, während es aus den Boxen erklingt: „. . . wir klatschen zusammen und keiner ist allein.

>> Das nächste Tanzvergnügen

Rock am Stock: 27. Oktober, 15 bis 18 Uhr, Pfarrheim an der Schlenterstraße, Essen. Karten (1 €) nur im Vorverkauf ab 14. Oktober, bei Gärtnerei Brinkmann, Pfarrstraße 11, und Schreiben-Schenken-Spielen Beate Höhne, Frintroper Str. 421.

In Erkrath lädt der Verein MS-Treff einmal im Jahr zu Rock am Stock (19.6.2020). Info: timokremerius@web.de. Tanzcafé in der Zeche Carl: 2. und 4. Sonntag im Monat, 14.30 Uhr (3 €), Wilhelm-Nieswandt-Allee 100, Essen.

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