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Babyklamotten muss man nicht kaufen, man kann sie leihen

Schon lange etabliert: Second-Hand-Märkte für Kinderkleidung wie hier in Neukirchen-Vluyn.

Foto: Volker Herold

Schon lange etabliert: Second-Hand-Märkte für Kinderkleidung wie hier in Neukirchen-Vluyn.

eSSEN.   Kinderklamotten nicht mehr kaufen, sondern mieten: Es gibt dafür nun eine Onlineplattform. Aber es gibt noch mehr Orte für gebrauchte Sachen.

Die Nachricht sorgte für ein paar Schlagzeilen: Kaffeeröster Tchibo wird seine Bio-Baumwoll-Babykleidung in Zukunft nicht mehr nur verkaufen, sondern per neu eingerichteter Online-Plattform auch vermieten. Stickjäckchen für 3,40 Euro pro Monat, Strampler für 2,80, Strickmützchen für 1,60.

Das klingt nach einer kleinen Revolution, ist bei genauem Hinsehen für junge Eltern jedoch längst ein alter Hut. Sie gehen zu Tausenden auf Kinderkleidermärkte, um nach schönen, günstigen Klamotten für die Kleinen zu stöbern – oder besuchen Second-Hand-Boutiquen, die sich auf Babymode spezialisiert haben. Der Grund ist trivial: Babys wachsen einfach alle paar Wochen aus den Klamotten raus, aber aufgetragen sind die schicken Sachen dann noch lange nicht.

Dadurch schont man auch die Umwelt

Dass man durch die Mehrfachververwertung der Kleidung nicht nur Geld spart, sondern auch die Umwelt schont, ist ein willkommener Nebeneffekt. Und unter Erwachsenen haben sich längst Kleidertauschkreise auch privat im Netz etabliert, was langsam zu Reaktionen in den größeren Konzernen führt. Zumal, wenn sie sich seit geraumer Zeit mit Themen wie Nachhaltigkeit und Recycling auseinandersetzen.

„Auch von Greenpeace, mit denen wir zusammenarbeiten, wird uns immer wieder gesagt: Kleidung muss lange getragen werden. Deshalb war unsere Überlegung, ob man Kleidung vermieten kann. Das ist bisher noch nie so von einem großen Anbieter geschehen, von kleinen natürlich schon“, sagt Sandra Coy, Sprecherin von Tchibo.

Zu diesem Zweck hat sich der Branchenriese mit der Plattform Kilenda zusammengeschlossen, das seit vier Jahren Erfahrungen mit der Vermietung von Kleidung gesammelt hat. „Die sind aber ein Start-up. Und wir haben wesentlich mehr Marktmacht. Wir gucken jetzt: Funktioniert so ein Miet-Modell auch im Mainstream? Oder ist das nur ein Randgruppen-Projekt, das ökologisch orientierte junge Eltern anspricht“, sagt Coy. Dabei hat sich Tchibo darauf konzentriert, den Gedanken der Nachhaltigkeit bei seiner Bekleidung zu verfolgen – und zählt zu den größten Anbietern von Bio-Baumwolle.

Eine Hose haben nacheinander vier Kinder an

Die Chancen für einen Erfolg des Kleinkind-Klamotten-Sharings stehen aus heutiger Perspektive gar nicht schlecht: Die Reaktionen bisher waren durchweg positiv, noch fehlen die Erfahrungswerte, wie stark die Nachfrage ist, aber: „Wir vermuten, dass so ein Kleidungsstück im Schnitt vier Kinder durchläuft. Was darüber hinaus interessant ist: Dass in der Regel drei bis vier Produkte pro Mieter zusammenkommen“, so Coy.

Ortswechsel: Mülheim. Nicht sonderlich überraschend ist die Entwicklung für Max Schürmann, den Leiter der Feldmannstiftung, eines soziokulturellen Zentrums. „Wir haben 1990 mit unseren Kinderkleidermärkten angefangen. Seit 1994 machen wir das elfmal im Jahr – nur im Januar ist Pause. Bei gutem Wetter kommen 2000 Menschen zu uns, wir haben dann 200 Stände, aber auch Anfang Februar waren 600 Besucher bei uns unter freiem Himmel“, berichtet er. Es herrscht auch oft ein richtiges Gedränge und ein multikulturelles Miteinander.

Entwickelt hat sich das aus den Eltern-Kindgruppen der Feldmannstiftung. „Die wollten das damals anbieten. Und die Leute machen das alles bis heute ehrenamtlich. Einige von denen, die damals mit uns begonnen haben, sind heute oft schon selbst Oma und Opa.“ Tatsächlich hat zu Beginn der 90er-Jahre das Altkleider-Recycling noch keine so große Rolle gespielt. Doch vom Gedanken der Nachhaltigkeit waren die Organisatoren auch damals inspiriert.

In vernünftigem Zustand muss es sein

Sorgen um die Konkurrenz aus dem Internet macht sich Schürmann keine. Denn auch den Babymode-Handel bei Ebay & Co. gibt es ja schon lange. Und da die Feldmannstiftung keine kommerziellen Interessen verfolgt, sieht er das ganz gelassen: „Ich denke, dass auf unseren Kinderkleider- und Spielzeugmarkt eine andere Klientel kommt als jene, die Kinderkleider per Internet mieten oder leihen wollen.“

Ähnlich gelassen sieht Nicole Nast die Entwicklung. Sie betreibt in Bochum die Second-Hand-Kinderkleider-Boutique „Limpiddu“, allerdings auch nicht mit streng kommerziell ausgerichteten Interessen, denn hauptberuflich ist sie anderweitig tätig. „Ich sage immer: Die anderen gehen ins Fitnessstudio, ich gehe in den Laden. Das ist halt mein Hobby...“

Nast nimmt die Waren der Kunden in Kommission. „Die Kunden, die mir die Sachen bringen, bekommen erst beim Verkauf ihr Geld. Es ist nicht immer alles da, aber ich möchte auch nicht alles annehmen. Ich bin da mittlerweile sehr klar strukturiert: Rauchfrei und möglichst gebügelt muss es sein. Es muss nicht immer Marke sein, aber in einem vernünftigen Zustand“, sagt die Bochumerin.

Viele Läden waren zugeramscht

Wobei die Kunden von Nicole Nast sehr unterschiedlich sind: „Eine Frau hat neulich gesagt: Ich würde nie etwas Gebrauchtes kaufen! Sie ist dann mit einer Tasche voll rausgegangen. Und dann gibt es Eltern, die mir alle 14 Tage eine Tasche mit Hilfiger-Klamotten hinstellen. Die haben noch nie bei mir gekauft.“

Von diesem Geschäft hat Nast schon geträumt, als ihre beiden Kinder noch klein waren: „Damals habe ich gedacht: Ach, wie wär das toll, wenn es mal einen schönen Laden gäbe, wo man auch gebrauchte Kleidung kaufen kann. Aber die Läden, die ich so kannte, die waren halt sehr zugeramscht.“

Die Idee, Babymode im Netz zu vermieten, begrüßt Nast: „Die Industrie muss sich eben auch etwas einfallen lassen, weil die Leute wachsamer werden.“

>> SCHÖNE BABYKLEIDUNG AUS ZWEITER HAND

Die nächsten Termine für den Kinderkleider- und Spielzeugmarkt in der Mülheimer Feldmannstiftung (Augustastr. 108, 45476 Mülheim) sind am 4. März, 8. April und 6. Mai, 3. Juni und 1. Juli. Anbieter müssen sich in den Monaten März bis Oktober vorher anmelden: www.feldmannstiftung.de


Regelmäßige Kinderkleidungsmärkte bieten viele soziokulturelle Einrichtungen an, etwa das Zentrum Altenberg (Hansastr. 20, 46049 Oberhausen, nächste Termine: 11. März, 10. Juni, 26. August), Zeche Carl (Wilhelm-Nieswandt-Allee 100, Essen-Altenessen, Termine: 10. März, 14. April, 12. Mai, 9. Juni). Auch Gemeinden und caritative Einrichtungen geben die Gelegenheit, günstige Babykleidung zu kaufen. Märkte in Ihrer unmittelbaren Nähe finden Sie auch unter
www.kinderflohmarkt.com/nordrhein-westfalen.html

Das Kinderkleidungs-Mietportal von Tchibo findet man unter www.tchibo-share.de

Das Ladenlokal von „Limpiddu“ ist in Bochum, Große Beckstr. 27, ­
www.limpiddu.de. Bitte auf die Öffnungszeiten achten, samstags und sonntags geschlossen. Natürlich gibt es viele weitere Anbieter von Second-Hand-Kinderkleidung, etwa Storchennest Bochum, Hiltroper Str. 363.

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