Landpartie

Auch im Winter wandert der Ruhr-Schäfer mit seinen Schafen

Auch diese Herde hat ein schwarzes Schaf, ein Tiroler Bergschaf.

Auch diese Herde hat ein schwarzes Schaf, ein Tiroler Bergschaf.

Foto: Lukas Schulze

Oberhausen.   Florian Preis zieht mit seiner Herde über Weiden und Felder in Oberhausen. Die Schafe und Ziegen sind Landschaftspfleger auf vier Beinen.

Florian Preis stellt den Strom ab: Der Zaun zwickt nun nicht mehr, wenn Mensch und Tier ihm zu nahekommen. Die 260 Schafe stehen dicht gedrängt davor – mit Blick zum Schäfer. Sie wissen, was jetzt kommt: Kaum hat der 37-Jährige das Netz wie ein Tor geöffnet, laufen sie los. Jeder möchte der Erste sein, auf dem frischen Grün. Die schwarzen altdeutschen Hütehunde Luna, Ayla und Loni rennen um die Herde herum, damit auch kein Tier im nächsten Garten das Gras kostet – oder auf die Straße gelangt.

200 Kilometer Strecke im Jahr

Florian Preis ist einer von knapp 1000 Schäfern, die in Deutschland mit ihrer Herde noch umherziehen. In Oberhausen-Holten, an der Grenze zu Duisburg-Röttgersbach, fressen die Tiere auf einem Acker, bevor es weitergeht. Denn das Wandern ist des Schäfers Lust: Rund 200 Kilometer ist der Duisburger auch dieses Jahr wieder gelaufen, von einer Weide zur nächsten. Er nimmt meist kleine Wege, aber manchmal muss er den Verkehr lahmlegen. „Die meisten freuen sich, steigen aus und filmen mit dem Handy.“ Schafe mitten auf der Straße? So etwas erleben sie sonst nur im Urlaub.

Florian Preis hat eigene Flächen, aber auch die Stadt Oberhausen ordert seine Mäher. So ist die Herde mal in der Sterkrader Heide zu sehen, mal am Emscherdeich. Und auch Landwirte freuen sich, wenn die Schafe in der kalten Jahreszeit bei ihnen vorbeischauen. Denn es kann regnen oder schneien, nahezu das ganze Jahr über sind die Tiere draußen. Auch im Winter, darüber staunen viele Menschen. „Es wird alles vermenschlicht“, ärgert sich Preis über falsch verstandenen Tierschutz. Denn auch ein weißes Merinolandschaf oder ein dunkles Tiroler Bergschaf darf eben auch mal aussehen wie ein begossener Pudel. Schließlich fühlt es sich unter einem feuchten Fell immer noch pudelwohl. Nur wenn die Lämmchen zur Welt kommen, bleiben die Schafe im Stall. Florian Preis baut zurzeit in Hünxe einen alten Munitionsbunker der Bundeswehr um, da der alte Stall zu klein geworden ist.

Schafe sind Landschaftspfleger auf vier Beinen

Die Wolle hält nicht nur schön warm. Im Fell verfängt sich auch so mancher Samen – und fällt an anderer Stelle wieder zu Boden. So sichert diese Art die Artenvielfalt. Zudem treten die Schafe beim Fressen den Boden fest. Sie sind Landschaftspfleger auf vier Beinen.

Schafe fressen Gras, Ziegen mögen Blätter. Sie halten die Sträucher kurz. Daher gehören zu Preis’ Herde auch sechs Ziegen. Allen voran: Ziegenbock Raúl. Der Schreck jeder Armenischen Brombeere.

Florian Preis hat sich wie andere Schäfer für eine Weideprämie von 38 Euro pro Mutterschaf eingesetzt – ohne Erfolg. Aber er lobt die Stadt Oberhausen, die für die Landschaftspflege zahlt. Das sei nicht selbstverständlich.

Die Schafe fressen und fressen. Machen sie je eine Pause? Ja, gerne in der Mittagszeit, dann legen sie sich hin. „Schafe sind ja auch Wiederkäuer“, erinnert Preis. Ich bin so satt, ich mag kein Blatt: Mäh! Mäh!

Wer gute Hunde hat, braucht nicht so viel zu hüten

Und macht der Schäfer mal Pause? Ja, nachts zu Hause. Aber seine Schafe zählt er nicht beim Einschlafen, sondern nur auf der Wiese: Sind noch alle da? Anstrengend wird es in der Lammzeit, da ist er von morgens 5 bis nachts um 0 Uhr bei den Tieren. Wann ist es wieder soweit? „Wenn ich den Bock reinsetze“, sagt Preis lachend.


Er schaut dann nach, ob die Mütter Milch geben, die Lämmchen fit sind. Und füttern muss er die Tiere im Stall ebenfalls. Neben Silage gibt es auch Kartoffeln. „400 Kilogramm Kartoffeln füttere ich am Tag. Wenn man alle mit der Hand schaufelt, weiß man, was man getan hat.“ Anders ist ein Weidetag wie dieser. Dann schaut er am Vormittag nach, ob es allen Tieren gut geht. Er setzt den Zaun um, damit die Schafe frisches Gras fressen. „Ein Schäfer, der gute Hunde hat, kann beim Hüten ein Buch lesen.“

„Ayla raus“, ruft er. Die treue Hündin hat’s an der Hüfte. Sie soll ihren Ruhestand genießen. Aber so ein Trieb bleibt, selbst bei alten Knochen. Der Trieb, nicht zu jagen, sondern zu hüten. Und ein Schaf, das ausbüchst, auch mal zu zwacken.

Mit einem Hund fing alles an: mit einem Schafpudel. Der Züchter empfahl, den Hüte-Trieb bei dem Hund aufrechtzuerhalten. So begleitete Preis eine Schäferin. Von da an war es um ihn geschehen. Er begann eine Ausbildung zum „Tierwirt mit Schwerpunkt Schafhaltung“. Seit 2013 hat er seine eigene Herde.

Die Wolle muss ab, sonst wachsen sie zu

Einmal im Jahr muss er die Schafe scheren, sonst wachsen sie zu. Aber von dem Geld, das er für die Wolle bekommt, könnte er nicht leben. Auch mit der Landschaftspflege allein kann er seinen Unterhalt nicht bestreiten. „Das Fleisch ist mein Geschäft.“ Er bringt die Lämmer zu einem Schlachter in Schermbeck und bleibt bis zuletzt bei ihnen. „Sie kippen in meinem Arm um.“

Wenn es wieder soweit ist, sind die Tiere keine niedlichen Lämmchen mehr, sondern schon acht, neun Monate alt – kaum zu unterscheiden von ihren Müttern. In Deutschland hat Schafsfleisch keine Tradition. Aber wenn seine Tiere ausgedient haben, macht auch er für sich Schinken oder Gulasch.

Florian Preis hat keine Angst vorm Wolf. Eher vor fremden Hunden, die die Tiere in den Tod jagen. Er überlegt, sich einen großen Herdeschutzhund zuzulegen, der Angreifern die Zähne zeigt. Der könnte dann auch nachts die Schafe hüten, wie früher die Hirten, die im Gegensatz zu den Schäfern die Tiere der anderen führten. Wie in der Weihnachtsgeschichte. Da standen sie an der Krippe mit dem Jesuskind. Und nicht nur sie: Die Schafe waren natürlich auch dabei. „Die Leute haben eine viel zu romantische Vorstellung vom Schäfer“, sagt Preis grinsend. Er gibt jedoch zu, dass ein Klischee auch auf ihn zutrifft, obwohl er es mitten im Ruhrgebiet nur selten erlebt: „Ich mag die Einsamkeit.“

>> DIE RUHRSCHÄFEREI

Man kann Schaf-Pate werden, einem Tier einen Namen geben und es nach Absprache besuchen. Einmalig: 100 €. Es gibt eine Urkunde und Patentreffen.

Florian Preis verkauft Lammfleisch zum Kilopreis von 10 Euro. Aufpreis bei grillfertigen Kotelettes. Felle auf Vorbestellung: 70 €. Infos: 01573/ 64 98 603, ruhrschaeferei.de

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