Annäherung an Ulrich Erben

Goch.   Die Handwerker sind noch im Haus, das aber muss uns hier und heute nicht beunruhigen. Einer von ihnen steht gerade auf der Leiter vor dem Eingang und hängt ein übergroßes Werbeplakat auf.

Die Handwerker sind noch im Haus, das aber muss uns hier und heute nicht beunruhigen. Einer von ihnen steht gerade auf der Leiter vor dem Eingang und hängt ein übergroßes Werbeplakat auf.

„Ulrich Erben Zeiten.“

Schwarz auf weiß, in dicken und in dünnen Buchstaben. Was sich so nüchtern liest und was auch ganz nüchtern klingt, kündet doch von einer, nennen wir es mal, längst überfälligen Ausstellung im Museum Goch.

So forsch würde es der Herr des Hauses, Stephan Mann, niemals formulieren. Wer über die Jahre die Entwicklung dieser ehemaligen Heimatstube im alten Amtsgericht hin zu einem aufklärerischen Schauplatz wunderbarster Gegenwartskunst beobachtet hat, kann erahnen, wie geduldig der Museumsdirektor seinen Weg geht – bisweilen gehen muss.

„Die Idee einer Ausstellung gibt es schon lange“, bestätigt er und schmunzelt. Bei Ulrich Erben, tja, da dauerte es ein Weilchen. „Wir beide waren uns einig: Der Zeitpunkt musste passen.“

Früh- trifft auf Spätwerk

Jetzt also passt es, und so hängen ab dem morgigen Sonntag bis zum nächsten Frühjahr 19 Zeichnungen aus der frühen Schaffensphase des Künstlers rund um ein malfrisches Werk, das bisher noch nirgends öffentlich gezeigt wurde.

Dieses Gemälde, satte 2,50 Meter breit und 1,70 Meter hoch, trägt den konkreten wie nebulösen Titel: „Festlegung des Unbegrenzten.“ Als der Autor dieser Zeilen vor Ort war, wurde es gerade angeliefert und war noch nicht ausgepackt. Es soll eine Leinwand mit Grautönen sein, so kompromisslos und radikal gemalt, wie es für Ulrich Erben in dessen Spätwerk üblich ist.

Der Künstler selbst kuratiert diese Schau, das heißt er wählte die Stücke selbst aus und bestimmte auch, wie und wo sie hängen sollen. Selbstverständlich, dass er sich auch am eigens für diese Ausstellung erstellten Katalog „hundertprozentig“ einbrachte (Pagina-Verlag, Goch).

Wie gesagt, im Mittelpunkt steht jenes selbstbewusste Gemälde aus dem Jahr 2016 und wird den frühen, „zum Teil noch unsicheren Zeichnungen“, wie Stephan Mann findet, gegenübergestellt. Dazwischen liegt manchmal mehr als ein halbes Jahrhundert Arbeit oder besser: Leben. Eine Spannbreite, die naturgemäß Spannung verspricht. Zumal der etwa 100 Quadratmeter große Ausstellungsraum eine räumliche Enge bietet, die Konfrontationen leichter machen.

Nun ist es nicht so, dass Ulrich Erben die Gegebenheiten im Museum Goch nicht kennen würde. „Er besucht uns immer mal wieder“, verrät Stephan Mann.

Bella Italia und Niederrhein

Dazu muss man auch noch wissen: Zum stetig wachsenden und mittlerweile beachtlichen Bestand des Hauses gehört auch seine vierteilige Serie „Grieth“, mit der er das Hansestädtchen bei Rheinkilometer 844,4 bereits im Jahr 1978 auf einfache wie geniale Weise in horizontalen Farbfeldern verewigte.

Mit Verlaub, lieber Herr Erben, obwohl Sie im Internet-Lexikon Wikipedia und anderswo als „deutscher Maler“ geführt werden: „Grieth I - IV“ sind urniederrheinische Bilder, geradlinige Ansichten zwischen Himmel und Ähd.

Und mag Ulrich Erben immer noch ein farbsuchender Weltenbummler sein, den es einst bis tief in die Wüste Libyens zog – woraus sich seine Serie „Siria“ entwickelte, die 2010 im Museum Kurhaus Kleve zu sehen war.

Und mag er sich nie und nimmer endgültig entscheiden wollen und ein Wanderer zwischen zwei völlig unterschiedlichen Kulturlandschaften bleiben, der sowohl in Düsseldorf, seiner Geburtsstadt, als auch in Bagnoregio, im italienischen Latium bei Rom, arbeiten und wohnen möchte. Ein Teil der Wahrheit ist, dass er auch am Niederrhein, nun ja, zuhause ist. Sogar im Telefonbuch ist nachzulesen, dass er – dann wohl eher zufällig und mit etwas Glück – auf dem Thomashof in Goch-Hülm anzutreffen ist. Das Herrschaftshaus, Nummer 19 der städtischen Denkmalliste, ist sein Domizil auf dem hiesigen Land, das ihm ganz und gar nicht unbekannt scheint; übrigens schon lange nicht.

Auch diese Überraschung birgt die neue Ausstellung im Museum Goch. Neben weltläufigen Motiven wie dem Hotel Santa Chiara in Venedig (1962) und einem Hochhaus in New York (1968) fallen drei schlichte Landschaftsbilder aus den 1970er Jahren ins Auge: Sie tragen zwar den Niederrhein nicht im Titel, doch offensichtlich wurden sie genau hier gesehen. „Weite I“, „Weite II“ und „Landschaft“ hat Ulrich Erben seine Zeichnungen genannt, die er damals mit Blei- und Farbstift sowie in Mischtechnik und mit Graphit auf Karton brachte.

Einerseits sind diese Motive hübsch anzuschauen, insbesondere weil sie Niederrheinern so vertraut wirken. Andererseits, merkt Stephan Mann schwärmerisch an: „Bereits diese Zeichnungen verraten, dass hier ein Maler am Werk war.“ Er verweist auf die strenge Linienführungen sowie auf die farblichen Andeutungen.

Damit am Ende jedoch kein falscher Eindruck entsteht: Ulrich Erben gehört nicht unbedingt zu jenen Künstlern, die ihren Weg unbeirrt von Moden gehen. Erinnert sei an eine andere interessante Schaffensphase des heute 76-jährigen Malers, in der es ganz schlicht hieß: „Weiß ist Farbe.“

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