Korruption

So geht Thyssenkrupp mit zweifelhaften Geschenken um

Thyssenkrupp-Vorstandsmitglied Donatus Kaufmann verlost eine Flasche Whiskey.

Thyssenkrupp-Vorstandsmitglied Donatus Kaufmann verlost eine Flasche Whiskey.

Foto: Marit Langschwager

Essen.   Thyssenkrupp will Korruption auch auf spielerische Art bekämpfen. Der Vorstand verlost Präsente, die nicht den Regeln des Konzerns entsprechen.

Um die Mitarbeiter von Thyssen-Krupp für den Umgang mit Geschenken im Geschäftsleben zu sensibilisieren, verteilt Vorstandsmitglied Donatus Kaufmann Rotweinflaschen, Porzellan, Teppiche und Krawatten. Genauer gesagt: Er verlost die Gegenstände, die eigentlich für Führungskräfte von Thyssenkrupp vorgesehen waren. Auch ein Montblanc-Füller, irischer Whiskey, ein Herrenschal von Gucci und ein Trikot der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gehören zu Kaufmanns Sammlung. Die Geschenke stammen von potenziellen oder tatsächlichen Geschäftspartnern beziehungsweise Gastgebern des Essener Industriekonzerns.

Thyssenkrupp-Vorstand Kaufmann will spielerisch auf ein ­ernstes Thema aufmerksam machen. Rund 400 Mitarbeiter sind am Donnerstag in den großen Saal des Thyssenkrupp-Quartiers gekommen, um bei einer „Compliance-Lotterie“ mitzumachen. Wer wollte, konnte als Gegenleistung für ein Freilos für einen guten Zweck spenden. Offen stellte Kaufmann Präsente zur Schau, die Manager des Konzerns aufgrund der internen Regeln nicht annehmen konnten oder wollten.

Grenze liegt bei 50 Euro für ein Geschenk

Die Frage, wann ein Geschenk gegen die Vorgaben verstößt oder der Verdacht von Bestechlichkeit entstehen könnte, stellt sich ein ums andere Mal im Unternehmensalltag. „Besonders um Weihnachten herum sind Geschenke und Aufmerksamkeiten immer noch ein Thema“, sagt Konzernjurist Sebastian Lochen, der neuer Chief Compliance Officer von Thyssenkrupp ist.

Das Regelwerk des Unternehmens sieht unter anderem vor, dass Geschenke, die den Wert von 50 Euro überschreiten, nicht einfach angenommen werden dürfen. Bei einem Geschenk von unbekanntem Wert sollte sicherheitshalber die zuständige Compliance-Abteilung eingeschaltet werden.

Reputationsschaden durch Korruptionsaffäre

Offen spricht Donatus Kaufmann auch über eine Affäre in Israel, die Thyssenkrupp in schlechtem Licht erscheinen lässt. Es besteht der Verdacht, dass bei der Anbahnung von U-Boot-Geschäften Schmiergelder geflossen sein könnten. Im Zentrum der Vorwürfe steht ein ehemaliger Repräsentant von Thyssenkrupp, der mit seiner Firma in Israel auf Provisionsbasis den Vertrieb für den Revierkonzern übernommen hat. Obwohl der Repräsentant nie bei Thyssenkrupp angestellt gewesen sei, habe das Unternehmen einen „enormen Reputationsschaden“ erlitten.

Die Beschäftigten will Donatus Kaufmann unter anderem mit einem neuen Film sensibilisieren, in dem thematisiert wird, „was richtig oder falsch ist“. Bei der Frage, ob die Regeln eingehalten werden, spiele die Kommunikation eine große Rolle, sagt Sebastian Lochen. „Es hilft gar nichts, nur den Zeigefinger zu heben und E-Mails zu verschicken.“ Daher suche Thyssenkrupp bewusst einen anderen Zugang zum Thema, wie auch die Compliance-Lotterie zeige.

Zuweilen sind die Grenzen fließend

Heikel ist, dass die Grenzen zuweilen fließend sind. So sind „angemessene Geschäftsessen mit geringem Wert“ nach Einschätzung von Thyssenkrupp regelkonform, nicht aber „extravagante“ Einladungen. „Beim Thema Geschenke verfolgen wir die Maßgabe, dass ein Wert bis 50 Euro noch als angemessen gilt. Es gibt aber leider nicht immer nur schwarz und weiß“, räumt Konzernjurist Lochen ein. „Manchmal kann auch ein höherer Wert gerechtfertigt sein, manchmal verbietet sich auch ein geringerer Wert – zum Beispiel bei Amtsträgern.“

Im vergangenen Jahr hatte Thyssenkrupp bei einer Glücksrad-Aktion zweifelhafte Präsente aus dem Geschäftsalltag gezeigt, darunter Champagner, Zigarren und Teppiche. Die Anzahl der Geschenke sei zwar in den vergangenen Jahren spürbar zurückgegangen, stellt Lochen fest, „aber wir wollen trotzdem immer wieder auf das Thema aufmerksam machen“.

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