Tarifrunden 2019

Darum wollen die Arbeitgeber den Acht-Stunden-Tag aufbrechen

Für die Beschäftigten der Stahlindustrie beginnt kommende Woche die Tarifrunde 2019. Foto:Ralf Rottmann

Für die Beschäftigten der Stahlindustrie beginnt kommende Woche die Tarifrunde 2019. Foto:Ralf Rottmann

Essen.   In den Tarifrunden 2019 geht es um die Option: Mehr Geld oder mehr Zeit. Arbeitgeber fürchten, dass wegen Fachkräftemangels Arbeit liegen bleibt.

Viele Jahre lang ging es in Tarifverhandlungen einzig oder hauptsächlich um höhere Löhne. Im neuen Jahr aber wird sich aller Voraussicht nach der von der Metallindustrie gesetzte Trend verstärken, wieder um kürzere Arbeitszeiten zu ringen. Den Auftakt macht die nordwestdeutsche Stahlindustrie, deren Tarifrunde kommende Woche startet. Die IG Metall hat angekündigt, auch für die Stahlkocher eine Option nach dem Motto „mehr Geld oder mehr Zeit“ durchsetzten zu wollen.

Die DGB-Gewerkschaften wollen nach und nach individuell gestaltbare Arbeitszeiten durchsetzen, die zur jeweiligen Lebenssituation passen. Eine Vorlage hat kurz vor Weihnachten die Eisenbahnergewerkschaft EVG geliefert. Sie hat mit der Bahn eine Wahlmöglichkeit für die rund 100.000 Beschäftigten vereinbart, die zweite Stufe der Lohnerhöhung um 2,6 Prozent im Juli 2020 gegen sechs Tage mehr Urlaub oder eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit um eine Stunde einzutauschen.

Arbeitgeber sehen Gefahr, dass Arbeit liegen bleibt

Die Arbeitgeber sehen den Bedarf für solche Modelle, angesichts des zunehmenden Fachkräftemangels aber gleichzeitig die Gefahr, dass Arbeit liegen bleibt. Das zu verhindern, fordern sie auch vom Gesetzgeber. Er soll den starren Acht-Stunden-Tag aufbrechen. Nicht zufällig platzierte Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer am Neujahrstag die Botschaft Richtung Bundesregierung, sie müsse das Arbeitszeitgesetz „den Realitäten im 21. Jahrhundert“ anpassen. „Wir müssen den Rahmen neu justieren, in dem sich die Unternehmen bewegen können. Es geht nicht um Mehrarbeit, es geht um flexiblere Lösungen durch Wochenarbeitszeit, also einen Tag länger, einen Tag kürzer arbeiten.“

Eigentlich schienen die Schlachten um die Arbeitszeit geschlagen: Der Acht-Stunden-Tag gilt in Deutschland seit genau 100 Jahren, als Wochenarbeitszeit sind je nach Branche zwischen 35 und 41 Stunden seit Jahrzehnten weitgehend Standard. Die größte Veränderung in den vergangenen Jahrzehnten war der Trend zu immer mehr Teilzeitarbeit. Was sich für viele allerdings als Falle erwies, aus der sie nicht mehr herauskamen.

IG Metall fährt Kampagne für individuelle Arbeitszeit

Auch deshalb kehrt das Thema in die Tarifrunden zurück. „Flexible Arbeitszeiten“ lautet das nicht ganz neue Schlagwort, das allerdings ganz neu gedeutet wird. Galt es bisher als klassische Forderung der Arbeitgeber, auch mal länger zu arbeiten, wollen nun die Gewerkschaften den Beschäftigten die Wahl geben, wie lange sie arbeiten möchten. „Mein Leben, meine Zeit“, heißt die zentrale Kampagne der IG Metall zu diesem Thema. Attraktive Arbeitszeiten, so der Gedanke dahinter, werden künftig zu einem der wichtigsten Argumente der Branchen im härter werdenden Konkurrenzkampf um die zu wenig nachwachsenden Fachkräfte.

Die Arbeitgeber, das wurde in den Tarifverhandlungen der Metall- und Elektroindustrie 2018 deutlich, sehen das nicht grundlegend anders. Sie befürchten aber, dass zu viele kürzer treten könnten, etwa um mehr Zeit für die Familie zu haben. Das würde den Personalmangel verschärfen.

Flexible Arbeitszeiten in beide Richtungen

Der Metall-Abschluss enthielt deshalb beide Aspekte: Die Beschäftigten erhielten die Möglichkeit, auf bis zu 28 Stunden die Woche zu reduzieren und das Recht, zur vollen Arbeitszeit zurückzukehren. Für Schichtarbeiter und Kollegen, die sich um kleine Kinder kümmern oder Angehörige pflegen, gab es sechs zusätzliche freie Tage oder mehr Geld. Die Arbeitgeber können im Gegenzug aber auch leichter als bisher die Wochenarbeitszeit für einen Teil ihrer Belegschaft auf bis zu 40 Stunden ausweiten, wenn die Auftragslage es erfordert und der Betriebsrat mitmacht.

Die IG Metall nimmt den Abschluss nun als Blaupause mit in die Stahlrunde. Die IGBCE setzt auf ihr „Potsdamer Modell“ für die ostdeutsche Chemieindustrie, das als Wochenarbeitszeit einen Korridor zwischen 32 und 40 Stunden öffnet. In beide Richtungen flexible Arbeitszeiten werden die Tarifverhandlungen dieses Jahr in vielen Branchen ebenso prägen wie das übliche Ringen um mehr Lohn.

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