Wegwerfgesellschaft

Neuware wird massenhaft vernichtet: Innatura will das ändern

Juliane Kronen im Lager von Innatura in Köln. 1500 verschiedene neuwertige Artikel stehen hier für die Verwendung bei gemeinnützigen Organisationen bereit. Sonst würden sie auf dem Müll landen.

Juliane Kronen im Lager von Innatura in Köln. 1500 verschiedene neuwertige Artikel stehen hier für die Verwendung bei gemeinnützigen Organisationen bereit. Sonst würden sie auf dem Müll landen.

Foto: Joern Neumann

Köln.   Massen von Neuwaren landen auf der Müllkippe. Die Firma Innatura kämpft dagegen mit Spendern wie Amazon und DM an. Eine Hürde: die Steuergesetze.

Produziert, nur um unbenutzt auf die Müllkippe zu wandern – Neuwaren im Wert von mehreren Milliarden Euro kommen in Deutschland jedes Jahr gar nicht beim Kunden an. Juliane Kronen wollte sich mit dieser unmoralischen Verschwendung nicht abfinden. Die erfolgreiche Unternehmensberaterin gründete die Innatura gGmbH, eine Art von Online-Shop als Drehscheibe zwischen Waren-Spendern und gemeinnützigen Organisationen – für alles vom Kondom-Adventskalender bis zum Buntstift.

Waren im Wert von rund 20 Millionen Euro konnte Innatura seit dem Start 2013 retten. „Wir kratzen die Schneeflocke von einem Eisberg“, sagt die 55-Jährige, aber ohne resignierten Unterton. Auf sieben Milliarden Euro jährlich schätzt sie den Gesamtwert vor der Bestimmung entsorgter Produkte, ein Drittel davon absolut unbeschädigt, der Rest Überproduktion, nicht der Corporate Identity entsprechend oder mit äußerlichen Lagerungsschäden. Da sind dann ihre 20 Millionen nicht mehr als ein paar Promille.

Ein Vorbild: Prinz Charles

Juliane Kronen kommt aus einer Unternehmerfamilie, die in dritter Generation einen kleinen Betrieb führt. Sie beriet Telekommunikationsfirmen weltweit, war Mitglied in der Jury des Alternativen Nobelpreises und beschäftigte sich mit Ressourcenverschwendung. Ihr Erweckungserlebnis: 200.000 falsch etikettierte Flaschen Shampoo eines Markenherstellers, die trotz aller ihrer Bemühungen vernichtet wurden. Es fand sich einfach niemand, der eine solche Riesenmenge verwenden konnte. Kronen, damals noch Partnerin bei Boston Consulting, begann darüber nachzudenken, wie eine Drehscheibe für gespendete Artikel aussehen müsste.

Kronen und ihre Mitgesellschafter finanzierten den Start von Innatura, ein Drittel der knappen Million kamen von einem der raren Sozialinvestoren. Öffentliche Förderung gab es keine, außer dieser vielleicht: Prinz Charles ist Schirmherr der britischen Schwesterorganisation In Kind Direct, bereits 1996 gegründet und Vorbild für Innatura.

Im Lager in Köln stapeln sich inzwischen mehr als 1500 verschiedene Artikel, alles bis auf Software, Alkohol, Spielekonsolen, Kleiderständer, Lebensmittel und Möbel. Für den Ausschluss gibt es die unterschiedlichsten Gründe. Grundsätzlich gibt es nur neue oder neuwertige Artikel von Unternehmen – Produkthaftung inklusive. Großspender sind etwa Beiersdorf, DM und Amazon. Privatpersonen sind hier falsch. Tafeln, Kleiderkisten und Einrichtungshäusern der wohltätigen Art will man keine Konkurrenz sein.

Waren gehen ins Ruhrgebiet und nach Kambodscha

Bei Innatura registrierte gemeinnützige Vereine oder Organisationen können auf das von elf Mitarbeitern verwaltete Angebot zugreifen und zahlen dafür eine Vermittlungsgebühr von fünf bis 20 Prozent des Warenwertes plus den Versand. 2000 Besteller haben bereits auf das Angebot zurückgegriffen. Viele decken ihren alltäglichen Bedarf damit. Ihr oft knappes Budget kann dann für andere Projekte geschont werden.

Kondome im Adventskalender landeten so über Köln in einer Notunterkunft in Bochum, gute Buntstifte von Staedtler in der Museumspädagogik des Duisburger Lehmbruck Museums, Sonnenbrillen bei augenkranken Kindern in Kambodscha, Schlafsäcke und Isomatten bei Obdachlosen in Berlin. „Entsorgungsprobleme zu Pro­blem­lösungen“, heißt das bei Kronen, die also durchaus auch etwas von schlagfertigem Marketing versteht.

Entsorgen ist aus steuerlichen Gründen billiger

Damit ein Schneeball statt einer Flocke vom Eisberg der Verschwendung gekratzt werden könnte, dafür müssten sich die nicht einfach zu verstehenden Steuergesetze in Deutschland ändern. Denn auch auf gespendete Waren wird Mehrwertsteuer fällig. Die gute Tat wird dadurch für die Firmen teurer als das Wegschmeißen, ein ethisch wie volkswirtschaftlich bedenkenswerte Situation.

Seit dem sogenannten Bäcker­erlass als Reaktion auf öffentliche Proteste gilt dies zumindest nicht mehr für verderbliche Ware, also Lebensmittel. Sie können komplett abgeschrieben werden. Doch dies ist Ländersache. Auf eine bundesweit einheitliche Regelung müsste sich die Landesfinanzministerkonferenz einigen. Ein Blick nach Großbritannien könnte den Ministern ausnahmsweise helfen: Dort gibt es die Steuerproblematik bei Spenden nicht, und die Organisation von Prinz Charles sammelt jährlich Waren im Wert von fast 60 Millionen Euro ein.

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