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Vorstandschef Dieter Zetsche tritt ab: Abschied vom Daimler

Dieter Zetsche tritt als Vorstandsvorsitzender der Daimler AG ab.

Dieter Zetsche tritt als Vorstandsvorsitzender der Daimler AG ab.

Foto: Dominik Butzmann / Dominik Butzmann/laif

Berlin  Er war der Popstar unter den CEOs: Am Mittwoch gibt Dieter Zetsche den Vorstandsvorsitz bei Daimler ab – nach 13 Jahren an der Spitze.

Es ist eine tiefe Zäsur für die Führung von Daimler. Nach 13 Jahren an der Spitze und 43 Jahren im Unternehmen gibt Dieter Zetsche am Mittwoch offiziell den Vorstandsvorsitz ab. Dann übernimmt der 17 Jahre jüngere Schwede Ola Källenius das Lenkrad „beim Daimler“, wie die Schwaben respektvoll sagen.

Zetsche – Markenzeichen grauer Walross-Schnauzer – war der Popstar unter den CEOs. Kein anderer Manager war so lange und so prominent das Gesicht der deutschen Wirtschaft.

Zetsche startete 1976 in der Daimler-Forschungsabteilung

Schon 1976 steigt Zetsche als Diplom-Ingenieur in die Forschungsabteilung der damaligen Daimler-Benz AG ein. Bei den Händlern steht damals das neue Spitzenmodell, der 450 SEL. Testverbrauch 23 Liter, Preis knapp 70.000 D-Mark. Wer sich das Geld dafür sparte, konnte auch eine mittelgroße Eigentumswohnung kaufen.

Als junger Ingenieur kümmert er sich sprichwörtlich um die Basis des Erfolges – die Fahrwerksabstimmung. 275 Seiten schreibt er über „Die Anwendung moderner regelungstheoretischer Verfahren zur Synthese einer aktiven Federung“. Dafür gibt es von der Universität Paderborn den Doktortitel.

Zetsche beendet die „Hochzeit im Himmel“

Im Jahr 1997 kann Zetsche seine Kenntnisse über Fahrwerke gut gebrauchen. Die ganze Welt lacht über die neue kompakte A-Klasse, die von Journalisten beim sogenannten Elchtest aufs Dach gelegt wurde. Als Konsequenz baut Mercedes das Elektronische Stabilitätsprogramm (ESP) in den Kompaktwagen ein. Eine teure, technische Revolution.

Zetsches erste große Bewährungsprobe kommt 2000 als Präsident der DaimlerChrysler AG. Eine deutsch-amerikanische Fusion, die Zetsche-Vorgänger Jürgen Schrempp geschmiedet hatte, und die im Chaos zu versinken droht. Zetsche geht nach Detroit und dreht dort die Stimmung und die schlechten Zahlen. Sechs Jahre führt er das Unternehmen und verschafft sich trotz hartem Arbeitsplatzabbau Respekt bei den Amerikanern.

In den USA nennen sie ihn respektvoll „Dr. Z“

„Dr. Z“ – wie ihn die Amerikaner respektvoll nennen – steigt 2006 zum Vorstandsvorsitzenden von DaimlerChrysler auf und beendet 2009 Jürgen Schrempps „Hochzeit im Himmel“ mit einer Scheidung des Grauens. Geschätzte 40 Milliarden Euro kostete Daimler das US-Abenteuer von Jürgen Schrempp. Für Zetsche war es die prägendste Zeit im Unternehmen. Und die lehrreichste.

Nur ein Jahr später erlebt Zetsche eine private Katastrophe. Seine Ehefrau Gisela, mit der er drei erwachsene Kinder hat, erliegt einem Krebsleiden. Zetsche nimmt sich trotz des Schicksalsschlages keine Pause und konzentriert sich als Vorstandschef wieder voll auf die Marke Mercedes und die Lastwagen.

Größter Premiumhersteller: 2017 war Zetsches bestes Jahr bei Daimler

Er hat Erfolg, doch 2013 erlebt er einen herben Dämpfer. Der Aufsichtsrat will seinen Vertrag statt um fünf nur um drei Jahre verlängern – aus „Altersgründen“ wie es offiziell heißt. In Wahrheit gab es leise Zweifel an Zetsche und Widerstand bei den Arbeitnehmervertretern.

Zetsche schluckt seinen Ärger runter und macht weiter. 2017 wird sein bestes Jahr bei Daimler. Mercedes überholt BMW als größter Premiumhersteller und legt das beste Ergebnis der 130-jährigen Firmengeschichte hin. Zetsche ist auf dem Höhepunkt des Erfolges und zählt zu den bestbezahlten Topmanagern Deutschlands. Knapp neun Millionen Euro kann er 2017 verbuchen, das Ruhegehalt für die Zeit danach liegt bei über einer Million pro Jahr.

Nicht der ideale Zeitpunkt für einen Wechsel an der Spitze

Zetsches größter Fehler? Vielleicht das Timing des eigenen Abschieds. Tatsächlich war das vergangene Jahr hart für ihn und die 298.700 Mitarbeiter. Gewinneinbruch um ein Drittel, die Umsatzrendite ist mau und die

Es ist nicht der ideale Zeitpunkt für den Wechsel. Zetsche weiß das und spricht es trotzig bei seiner letzten Bilanz-Vorstellung an. Er sei trotz der Zahlen mit sich „total im Frieden“ und brauche weder für die Relevanz von Daimler noch für seinen Seelenfrieden ein weiteres Rekordjahr.

Überhaupt verspürt Zetsche schon länger keine Lust, allen Erwartungen zu genügen oder unbequeme Konventionen zu erfüllen. Das zeigt er auch mit seiner Garderobe. Statt Anzug mit Schlips trägt er auch bei offiziellen Terminen gerne legere Sakkos, Jeans, bequeme Sneaker. Privat hat er neues Glück gefunden und im kleinen Kreis 2016 seine Lebensgefährtin, eine 55-jährige Französin geheiratet. Nur wenige wissen, dass auch sie ihren Partner tragisch verloren hat.

Als Daimler-Chef ist man stolz auf Motorenbauer

Wenn man in diesen Tagen mit

spricht, sagt er all die Dinge, die man heute als Autobauer über die E-Mobilität sagen muss. Zetsche hat auch einen Plan. Aber es schwingt nicht dieselbe Begeisterung mit, die er zeigt, wenn er in der Werkssammlung mit der Hand über die Motorhaube eines alten SL streicht und über frühere Ingenieursleistungen spricht.

Als Daimler-Chef ist man stolz auf Motorenbauer, die zu den Besten der Welt gehören. Als Manager im Jahr 2019 weiß Zetsche aber auch, dass ihre Zeit langsam abläuft. Dass auch Diesel-Motoren bei Mercedes im Abgasskandal unter Verdacht gerieten, hat Zetsche getroffen. Die Aufarbeitung ist teuer, aber schlimmer ist, dass Mercedes-Kunden an ihrem Fahrzeug zweifeln könnten.

Hintergrund:

Kritiker sagen, Zetsche hinterließe viele Probleme

Kritische Analysten schreiben zum Abschied,

viele Probleme. Das ist wahr und falsch zugleich. Zetsche hat in seiner Zeit bei Daimler Probleme gelöst, die den Konzern hätten umbringen können. Seine neuen Modelle treffen den Zeitgeist und verkaufen sich. Das ist entscheidend.

Jetzt müssen schnell elektrische Modelle auf den Markt und es muss gespart werden. Zwanzig Prozent soll die Verwaltung bringen, hieß es am Dienstag. Das wird für Unfrieden sorgen. Aber das ist jetzt Källenius’ Problem. Zetsche wechselt ins „Abklingbecken“ mit Distanz zum operativen Geschäft. Denn er will 2021 Daimler-Aufsichtsratschef werden. Ein Leben ohne Stern scheint für Dieter Zetsche unvorstellbar.

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