Berufs-Orientierung

Uni oder Ausbildung – wohin es welche Schüler zieht

Schüler arbeiten im Unterricht zunehmend auch an Computern.

Schüler arbeiten im Unterricht zunehmend auch an Computern.

Foto: Friso Gentsch,dpa

Ruhrgebiet.   Während der Andrang an den Unis in NRW ungebrochen ist, geht dem Handwerk der Nachwuchs aus. Wie Schulen Jugendlichen bei der Berufswahl helfen

Die Hexbachtalschule in Mülheim, einzige verbliebene Hauptschule in der Stadt – mit Jugendlichen aus 30 Nationen. Studien- und Berufskoordinator Jürgen Parussel (57) geht kreative Wege, um die Berufsorientierung der Schülerinnen und Schüler zu fördern. Hat jemand ein Vorstellungsgespräch, begleiten ihn Lehrer, sie nehmen ein wenig die Elternrolle ein. Oder: Es finden jährlich Azubi-Speed-Datings der Kreishandwerkerschaft und Bewerbungstrainings statt. So übt eine große Versicherung mit den Jugendlichen, wie sie richtig aufzutreten haben und was im Lebenslauf zu stehen hat.

Aktuell pauken 450 Schülerinnen und Schüler in der Hexbachtalschule. Im vergangenen Jahrgang erhielt mehr als die Hälfte der 90 Absolventen eine Lehrstelle. Weitere zwölf Prozent versuchen, ein Fachabitur oder Abitur zu erwerben, die meisten von ihnen sind dafür an Berufskollegs gegangen. Gute Zahlen für eine Hauptschule.

Landesinitiative „Kein Abschluss ohne Anschluss“

Mit der Landesinitiative „Kein Abschluss ohne Anschluss“ sind seit 2016 alle allgemeinbildenden Schulen verpflichtet, Schüler bei ihrer beruflichen Orientierung zu unterstützen. Das geschieht etwa durch eine Potenzialanalyse, bei der gezielt Stärken und Interessen der Teenanger in der Mittelstufe herausgearbeitet werden.

Wie sich die Orientierung vor Ort gestaltet, ist aber sehr unterschiedlich. „Jede Schule hat ihr eigenes Profil. Die Mindestvorgaben halten alle ein. Einige gehen aber noch ein paar Schritte weiter“, erläutert Parussel. Die Hauptschule am Hexbachtal ist so eine – und der Erfolg messbar: „Die Vermittlungsquote erhöht sich durch die speziellen Angebote“, so Parussel.

2016 schlossen in NRW laut Bundesinstitut für Berufsbildung (Bibb) 111.973 Jugendliche einen Ausbildungsvertrag ab. Die Wunschberufe sind immer dieselben: Verkäufer, medizinische Fachangestellte, Kfz-Mechatroniker.

Immer mehr Realschüler holen Fachabi nach

Immer mehr Realschüler streben keine Lehre mehr an. Andrea Koch (46), Ausbildungsberaterin der IHK Mittleres Ruhrgebiet, beobachtet, dass vielen die mittlere Reife nicht mehr reicht. „Der Trend zeigt, dass Realschüler den Weg zu Berufkollegs anstreben anstatt eine Ausbildung zu beginnen.“ Viele mit dem Ziel einer Fachhochschulreife, um studieren zu können.

Die Beraterin hält das nicht immer für die beste Idee. „Eltern reden auf die Kinder ein: Traumjobs wären mit einem Realschulabschluss nicht zu erreichen. Wir betonen dann, dass ein Realschulabschluss für viele Berufswünsche vollkommen ausreicht“, sagt Koch. Was zudem viele nicht wissen: Wer eine Ausbildung und später seinen Meister macht, erwirbt damit ebenfalls die Studienberechtigung.

Traumjobs von Gymnasiasten sind dagegen zum Großteil nur mit Studium zu erreichen. Die IHK-Beraterin geht davon aus, dass über 90 Prozent der Oberstufenschüler ihre Zukunft an Hochschulen sehen. Die IHK geht mit ihren Berufsorientierungstagen und Jobmessen deshalb vor allem an Haupt-, Real- und Gesamtschulen, inzwischen aber häufiger auch an Gymnasien. Grund ist der zunehmende Fachkräftemangel, den etwa das Handwerk dem „Akademisierungswahn“ zuschreibt. In NRW blieben im Ausbildungsjahr 2017/18 mehr als 9.500 Lehrstellen unbesetzt – so viele wie nie. Lehrer Jürgen Parussel glaubt, dass die Firmen sich an den Schulen mehr und aktiver zeigen müssen.

Während Handwerksbetrieben der Nachwuchs auszugehen droht, ist der Andrang an den Unis ungebrochen. Allein die jüngsten Anmelde-Zahlen der drei größten Universitäten im Ruhrgebiet bestätigen das: Die Uni Duisburg-Essen, die Ruhruni Bochum sowie die TU Dortmund begrüßten zum Wintersemester 2018/19 jeweils rund 5500 Erstsemester. Sie versprechen sich von einem Studium sichere und besser bezahlte Jobs.

>>> Info:

Studienorientierung: Vom 14. Januar bis 8. Februar 2019 bieten viele Hochschulen in NRW Infoveranstaltungen an. Schülerinnen und Schüler können auch Vorlesungen besuchen und sich individuell beraten lassen.
Info: mkw.nrw/studium

Praktika: In der Regel werden zwei- oder dreiwöchige Betriebspraktika in der Jahrgangsstufe 9 oder 10 durchgeführt. Am 28. März 2019 findet zudem der jährliche Girls’ & Boys’ Day statt. Info: girls-day.de und
boys-day.de

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