Interview

Thyssenkrupp: Berlin und EU müssen grüne Industrien fördern

Thyssenkrupp will seine Hochöfen von Kohle auf Wasserstoff umstellen.

Thyssenkrupp will seine Hochöfen von Kohle auf Wasserstoff umstellen.

Foto: Stephan Eickershoff / FUNKE Foto Services

Essen.  Thyssenkrupp-Vorstand Kaufmann sieht große Chancen für grüne Industrien wie das klimaneutrale Stahlwerk. Doch dafür brauche es staatliche Hilfe.

Viele Unternehmen haben sich entschieden, zu den Gewinnern der Energiewende gehören zu wollen. Allein schon deshalb, weil die Verlierer es schwer haben werden zu überleben. Im Essener Thyssenkrupp-Quartier diskutierten am Dienstag rund 200 Manager und Klimaexperten, wie sie das schaffen können. Ihr Gastgeber Donatus Kaufmann, Thyssenkrupp-Vorstand für Innovation und Nachhaltigkeit, sprach mit Stefan Schulte über grüne Industrien – und was für ihren Durchbruch noch fehlt.

Herr Kaufmann, der Klimaschutz mit seinen Auflagen gilt vielen nach wie vor als Bedrohung für die deutsche Industrie. Ihnen auch?

Donatus Kaufmann: Nein, wir stehen bei Thyssenkrupp zu 100 Prozent zum in Paris verabredeten Ziel, die Erderwärmung auf zwei Grad zu beschränken. Dafür haben wir uns selbst das Ziel gesetzt, bis 2050 klimaneutral zu produzieren. Ich sehe darin keine Bedrohung, sondern große Chancen für neue Märkte und neue Geschäftsmodelle, mit denen wir künftig erfolgreich sein können. Wir wollen Teil der Lösung sein, nicht des Problems.

Bisher sind Sie vor allem mit der Stahlproduktion ein großer Emittent von Treibhausgasen.

Kaufmann: Das stimmt, aber wir arbeiten auch hier an technologischen Lösungen. Bereits erfolgreich durch die erste Projektphase haben wir zusammen mit anderen Projektpartnern die Technologie Carbon2Chem gebracht, mit der in Stahlwerken, aber auch in anderen Industrieanlagen mit hohem CO2-Ausstoß wie etwa Zementwerke und Müllverbrennungsanlagen, aus den Kuppelgasen über verschiedene chemische Routen am Ende Chemikalien wie Methanol, synthetischer Kraftstoff für Autos oder Ammoniak als Düngemittel gewonnen werden können. Das kann weltweit eine Schlüsseltechnologie für den Klimaschutz in der emissionsintensiven Industrie werden. Des weiteren arbeiten wird langfristig am grünen Stahlwerk, das CO2-neutral produzieren kann. In dieser Technologie wollen wir den Kohlenstoff durch Wasserstoff ersetzen, der wiederum unter Einsatz von Ökostrom durch Wasserelektrolyse gewonnen wird.

Woran hakt es dann denn noch bei Carbon-2-Chem?

Kaufmann: Mit unserer Carbon-2-Chem-Technologie gehen wir in Kürze in die zweite Projektphase, um das Pilotmodell, das wir in einem Technikum in Duisburg realisiert haben, nun im Industriemaßstab zu realisieren. Dafür ist weitere Förderung durch die Bundesregierung, die uns bereits in der Projektphase 1 großzügig gefördert hat, hochwillkommen, aber auch ergänzende Förderung durch die EU wäre bei dieser umsetzungsnahen Schlüsseltechnologie für den Klimaschutz bei CO2-intensiven Industrien wünschenswert.

Und wann kommt Ihr grünes Stahlwerk?

Kaufmann: Das kommt schrittweise, 2050 soll der Ausbau vollständig sein. Aber auch hier gilt: Wenn die Politik den Einsatz von Wasserstofftechnologien entschieden fördert, geht es schneller. Beim grünen Stahlwerk hakt es weniger an der Technologie als an der hinreichenden Verfügbarkeit von CO2-frei produziertem Ökostrom. Der Ersatz von Kohle durch Wasserstoff macht ja nur Sinn, wenn der mit grünem Strom hergestellt wird. In Deutschland dürfte es schwierig werden, genügend Ökostrom zu erzeugen, um neben Haushalten und Elektromobilität auch die Stahlindustrie in hinreichenden Mengen mit grünem Strom zu versorgen. Dafür reichen die aktuellen Netzausbaupläne für die Stromnetze bei Weitem nicht aus.

Woher soll der Wasserstoff aus Ökostrom dann kommen?

Kaufmann: Idealerweise aus meeresnahen Wüstenregionen, in denen große Photovoltaikparks in großen Mengen grünen Strom produzieren, der für die großindustrielle Produktion von Wasserstoff aus Wasserelektrolyse benötigt wird. Das Wasser müsste man dort mit Meerwasser-Entsalzungsanlagen gewinnen. Der Wasserstoff könnte sodann per Schiff nach Europa und hier über Gasnetze transportiert werden.

Das klingt nach sehr langwierigen Megaprojekten – würde sich Thyssenkrupp daran beteiligen?

Kaufmann: So etwas geht nur in Zusammenarbeit zwischen den jeweiligen Staaten und der Wirtschaft. Es müssen Win-Win-Situationen für alle Beteiligten geschaffen werden. Aber ja: Sowohl mit Carbon-2-Chem als auch mit weiteren klimafreundlichen Technologien, etwa für Zementfabriken, sehen wir signifikante Marktchancen für Thyssenkrupp.

Das passt dann ja zur jüngsten Strategiewende, den fast schon ausgelagerten Stahl wieder zum Kerngeschäft zu machen.

Kaufmann: Stahl ist ein zentraler und unabkömmlicher Schlüsselwerkstoff für zahlreiche nachgelagerte Industrien in Europa und in Deutschland. Aber es ist wichtig, die politische und gesellschaftliche Akzeptanz des Stahls zu erhalten, und das gelingt uns nur, wenn die Erzeugung in Zukunft klimaneutral sein wird.

Was kann, was muss die Politik dafür tun?

Kaufmann: Die Monetarisierung des Klimamehrwerts schafft wirtschaftliche Anreize, die dringend benötigt werden, um die innovativen Klimaschutztechnologien in den Markt zu bringen. Deshalb sollte die UN-Klimaschutzkonferenz in Chile im Dezember internationale Marktmechanismen entwickeln und die grenzüberschreitende Anrechnung von CO2-Einsparungen, sogenannte Minderungen, beschließen. Dies kann durch eine international einheitliche CO2-Bepreisung erreicht werden, die allen die gleichen Wettbewerbschancen einräumt. Wenn Deutschland etwa eine CO2-Abgabe plant, muss sie in die internationalen Klimaschutz-Instrumente eingepasst werden, damit es für die heimischen Unternehmen nicht zu Doppelbelastungen kommt. Dafür müssen alle in das gleiche international einheitliche Regelwerk gezwungen werden. Das ist die große Aufgabe für die kommenden Weltklimakonferenzen.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben