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Amazon führt Kunden mit Spendenprogramm in die Irre

Der weltgrößte Online-Händler Amazon steht wegen seiner Aktion „AmazonSmile“ in der Kritik.

Der weltgrößte Online-Händler Amazon steht wegen seiner Aktion „AmazonSmile“ in der Kritik.

Foto: MIKE SEGAR / REUTERS

Berlin  Amazon wirbt für Zuwendungen an Organisationen, die das nicht wollen. Und empfiehlt Institutionen, die gegen Standards verstoßen.

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Der Online-Versandhändler Amazon betreibt in Deutschland eine eigene Spendenseite unter dem Namen „smile.amazon.de“. Darauf wirbt das Unternehmen mit dem Slogan „Einkaufen und Gutes tun“ und spendet nach eigenen Angaben 0,5 Prozent des Einkaufspreises an gemeinnützige Organisationen, welche die Kunden aus einer Liste auswählen können.

Doch die sozialen Organisationen wurden vor dem Start der Aktion nicht gefragt, ob sie teilnehmen wollen. Zudem enthält die Liste etliche Organisationen, die vom Deutschen Zentralinstitut für Soziale Fragen (DZI) als nicht förderungswürdig eingestuft wurden, weil sie gegen Mindeststandards verstoßen. Und Amazon bietet sogar Organisationen Beträge an, die gar nicht an der Aktion teilnehmen.

Der Bundesverband Deutscher Stiftungen kritisiert das Vorgehen von Amazon bei der Spendenaktion scharf. „Die Amazon Spendeninitiative arbeitet mit zweifelhaften Praktiken. Ungefragt werden gemeinnützige Organisationen zu indirekten Werbeträgern für Amazon gemacht“, sagte Birgit Radow, Stellvertretende Generalsekretärin des Bundesverbandes. „Amazon schmückt sich mit fremden Federn und nutzt gezielt den guten Ruf vieler gemeinnütziger Organisationen. Dieses Vorgehen ist völlig inakzeptabel.“

Die Hilfsorganisation Plan International teilte mit, man nehme an dem Amazon-Programm nicht teil. Dennoch hat Amazon laut eigenen Angaben bereits Geld für Plan International bereitgestellt. Bekommen würde es die Organisation aber erst, wenn sie am Amazon-Programm teilnimmt.

Amazon wird „Irreführung der Nutzer“ vorgeworfen

„Es ist eine Irreführung der Nutzer, Geld zu sammeln, wenn noch nicht klar ist, ob es an die Organisation ausgezahlt wird“, sagt Burkhard Wilke, Geschäftsführer des DZI. „Organisationen ungefragt in eine solche Plattform aufzunehmen, halte ich für unseriös.“

Die Kindernothilfe teilte mit, man habe „ein ethisch-inhaltliches Problem mit Amazon, weswegen wir uns nicht als Kooperationspartner im Smile-Programm listen lassen“. Man wolle nicht als „Marketing-Dienstleister“ für Amazon fungieren. „Organisationen werden ohne ihr Wissen und ohne ihre Zustimmung aufgeführt und Amazon wirbt mit ihnen“, kritisiert der Bundesverband der Stiftungen. Zudem schreibe Amazon die Organisationen erst dann an, wenn Spendengelder bei Amazon eingegangen seien. Die Bedingung sei jedoch, dass sich die Organisationen dann beim Amazon-Programm registrieren. Wer das nicht tun wolle, erhalte auch die Spendengelder nicht, die von den Kunden eigentlich einer konkreten Organisation zugedacht waren.

Vor allem das Geschäftsgebaren von Amazon bei dieser Aktion stößt auf Unverständnis. Denn für eine 50-Euro-Spende an eine Hilfsorganisation müssen bei Amazon zunächst 10.000 Euro Umsatz generiert worden sein. Aber das Geld von Amazon ist in Wahrheit keine Spende. Juristisch liegt ein Geschäft aus Leistung (Werbung) und Gegenleistung (Umsatzbeteiligung von 0,5 Prozent) vor. Damit sind die Zuwendungen voll steuerpflichtig. „Entsprechend den für das Großherzogtum Luxemburg geltenden Steuergesetzen behandeln wir Zahlungen an Sie als Gegenleistung für Marketing-Dienstleistungen durch Sie“, erklärt der Internethändler in seinen Teilnahmebedingungen. „Daher sind Sie nicht verpflichtet, uns Zuwendungsbestätigungen auszustellen.“

Amazon listet zweifelhafte Organisationen als Spendenempfänger

Sollte sich eine Organisation entscheiden, nicht am Amazon-Smile-Programm teilzunehmen, könnten die Kunden eine andere Organisation aus der Liste auswählen, versichert Amazon. Man werde „die bis dahin gesammelten Beträge gutschreiben“. Bei den auf Amazon-Smile angezeigten Informationen zu sozialen Organisationen handele es sich um öffentlich zugängliche Daten. „Wir wollen sicherstellen, dass Kunden und sozialen Organisationen alle wichtigen Informationen über das AmazonSmile Programm stets schnell und bequem zur Verfügung stehen“, teilt das Unternehmen mit. „Dementsprechend haben wir unsere Prozesse überprüft und Verbesserungen vorgenommen“. Alle gelisteten Organisationen hätten detaillierte Informationen zu AmazonSmile erhalten.

Doch hier droht für die Kunden des Konzerns erhebliche Gefahr: Denn die Amazon-Smile-Liste enthält etliche Spendensammler, die vom DZI als nicht förderungswürdig eingestuft wurden, weil sie gegen Mindeststandards verstoßen – etwa gegen das Gebot der sparsamen Mittelverwendung sowie gegen die Anforderung, sachlich und wahr um Spenden zu werben. Amazon listet etwa das „Familienschutzwerk“, zu dem Beschwerden vorliegen, und die „Hilfsaktion Noma“, die von Behörden bereits ein Spenden-Sammlungsverbot bekam.

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Was der Amazon-Spender nicht erfährt: Bei der „Hilfsaktion Noma“ ist laut DZI der Anteil der Werbe- und Verwaltungsausgaben unvertretbar – er lag bei mehr als 30 Prozent. Das DZI vergibt das renommierte Spendensiegel als Gütekriterium.

Foodwatch fordert Klarstellung von Amazon

Die bei Amazon gelistete Organisation „Noma“ hat es nicht. „Das Mindeste wäre, solche Organisationen nicht auf die Liste zu nehmen“, sagt DZI-Chef Wilke. „Bei der Spendensicherheit
lässt Amazon seine Nutzer im Regen stehen.“

Foodwatch-Geschäftsführer Martin Rücker fordert von Amazon bereits eine Klarstellung gegenüber den Kunden. Auch die Verbraucherzentrale NRW mahnt Kunden zur Vorsicht. Besser sei es, Kaufen und Spenden zu trennen. Das zeigt eine Stichprobe, bei der die Verbraucherzentrale 25 Schnäppchen anderer Anbieter mit den Preisen bei Amazon verglichen hat. Das Ergebnis: Bei einer Einkaufssumme von rund 8025 Euro machte die Amazon-Spende via Smile gerade mal 40,12 Euro aus. Bei der Konkurrenz hingegen gab es alle Test-Artikel für rund 6541 Euro. Mithin war der Einkauf dort 1484 Euro billiger. Und die Spende hätte nahezu 37-mal höher ausfallen können.

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