Lebensmodelle

Ruhestand mit 40? Das ist der Sparplan für eine frühe Rente

Oliver Noelting aus Hannover lebt sparsam, um schon mit 40 die Beine hochlegen zu können.

Oliver Noelting aus Hannover lebt sparsam, um schon mit 40 die Beine hochlegen zu können.

Foto: Christian Burkert

Hannover  Oliver Noelting spart so viel, dass er mit 40 nicht mehr arbeiten muss. Einblicke in einen Alltag, in dem 800 Euro im Monat reichen müssen.

Oliver Noelting will raus auf den Balkon, die Herbstsonne genießen. Er lässt sich tief in den Sessel sinken – einen, der so aussieht, als hätte er schon den Großeltern gedient. Freitag ist frei. Noelting hat ausgeschlafen, ausgiebig gefrühstückt. Der Freitag ist sein wöchentlicher Vorgeschmack auf das süße Leben jenseits der 40, wenn er überhaupt nicht mehr arbeiten muss.

So jedenfalls geht sein Plan. Hat dieser Mann die Formel gefunden, nach der so viele Menschen suchen? Ein Leben, in dem es keine Arbeit braucht, kein Nine-to-five. Trotzdem ist da ein pralles Bankkonto, das sich melken lässt, bis der Tod ohnehin das Materielle überflüssig macht. Wie geht das? Nein: Geht das?

Mr. Money Mustache macht es vor

Noelting ist 29 Jahre alt, seit etwa fünf Jahren lebt er die Idee der Fire-Bewegung. Das steht für „financial independence, retire early“ – also finanzielle Unabhängigkeit, früher Ruhestand. Schätzungsweise 200 Menschen in Deutschland verfolgen dieses Modell. Die Idee stammt von dem in den USA lebenden Kanadier Peter Adeney. In der Szene ist er bekannt unter dem Namen Mr. Money Mustache.

Das klingt nach einem Leben im finanziellen Blindflug. Aber dieser schnauzbärtige Geld-Guru hat es tatsächlich geschafft, in seinen 20-ern so viel Geld beiseitezulegen, dass er nun mit Frau und Kindern in einem Eigenheim bei Denver lebt und für den Rest seines Lebens die Füße hochlegen könnte.

Möbel von Ebay-Kleinanzeigen

Der Mr.-Money-Mustache-Spartakt geht so: Wer das 25- bis 30-fache seiner jährlichen Ausgaben angespart und in Wertpapieren angelegt hat, der kann in Rente gehen. Von diesem Anlagevermögen kann der Sparer jedes Jahr etwa 3,5 bis vier Prozent ausgeben, ohne dass das Vermögen vor Lebensende aufgebraucht sein wird. Noelting versucht es genau so, aber noch ist er nicht so weit. Er muss arbeiten. Vier Tage in der Woche, je sechs Stunden, als fest angestellter Programmierer.

Gemeinsam mit seiner Freundin lebt er in einer 46-Quadratmeter-Mietwohnung an der breiten Podbielskistraße in Hannover. Karge Bauten, Nachkriegscharme, nicht die beste, aber auch nicht die schlechteste Lage der Stadt. Helles Holzfurnier, Ikea-Atmosphäre, überall. Die meisten Möbel hat er über Ebay-Kleinanzeigen zusammengesucht. Bis auf die Couch: „Die hab ich mit 13 Jahren bekommen.“ Noelting freut sowas.

Parallelen in der Skatekultur

In der Küche stehen Essig und Öl der Billigmarke „Ja“ von Rewe. Mikrowelle, Waschmaschine, Spülmaschine, kleiner Fernseher, Netflix-Abo. Im Flur lehnt sein Skateboard an der Wand. Schuhe, das muss man wissen, gehen beim Skaten schnell kaputt, durch die Reibung bei den Tricks. Noelting klebt die Löcher einfach mit der Heißklebepistole zu. Das sieht zwar hässlich aus, aber das interessiert ihn nicht. In der Skatekultur sieht er viele Parallelen zu seinem Lebensmodell. „Es geht um ein freies, aktives Leben und viele soziale Kontakte.“

Auf die Fire-Bewegung ist er gegen Ende seines Studiums aufmerksam geworden. Was er mit seinem Leben anfangen sollte, wusste er damals nicht so recht. Die Vorstellung vom Arbeitsleben hat ihn deprimiert. „Man ist acht Stunden im Büro, abends ist man platt und schaut noch einen Film. Am Wochenende fährt man das Auto in die Waschanlage.“ Er hat gedacht: „Scheiße, wo ist da Platz für meine eigenen Projekte, für Party, für all die Sachen, die das Leben lebenswert machen?“ Also fing er an, seine Ausgaben zu kontrollieren, legte ein Haushaltsbuch an.

110 Euro monatlich für Lebensmittel

Noelting hat seinen Laptop auf den Schoß und zitiert aus seiner Excel-Tabelle: In seinem Job verdient er 1700 Euro netto. Hier und da nimmt er Aufträge als selbstständiger Software-Entwickler an. Das bringt ihm nochmals 600 Euro netto ein. Von diesen 2300 Euro investiert er jeden Monat 1500 Euro – es bleiben ihm also 800 Euro im Monat. 295 Euro Miete zahlt er, samt Internet und Rundfunkgebühr, die Freundin zahlt die andere Hälfte.

Wohnen der Zukunft auf zwölf Quadratmetern

WLAN, ein eigenes Spa, ein Fitnessraum: In einem Londoner Neubau wohnen mehr als 500 zumeist junge Menschen zusammen. Die Zimmer haben je zwölf Quadratmeter und kosten ab 950 Euro warm im Monat.
Wohnen der Zukunft auf zwölf Quadratmetern

Für 110 Euro kauft er Lebensmittel, 165 Euro bleiben für Urlaub, Kino, Freunde besuchen. In Restaurants und Bars lässt er monatlich etwa 115 Euro liegen. 100 Euro sind für Kleidung, Haushaltsgeräte und Versicherung, fünf Euro für Haushalts- und Waschmittel, zehn Euro für Sonstiges. Einnahmen über seinen Blog, in dem er über dieses Leben schreibt, hat er nicht. Es gehe ihm um die Sache, nicht ums Geldverdienen.

Sparen ist immer spaßig und der Spaß immer sparsam

Und was, wenn mal größere Ausgaben anstehen, mal was kaputtgeht, wie jetzt Noeltings Spülmaschine? Natürlich, er repariert selbst: „Da lerne ich nebenbei noch etwas über die Maschine.“ Er versucht, das zusammenzubringen: den Spaß und das Sparen. Und so scheint Noelting das Sparen immer spaßig und der Spaß immer sparsam. Was er beiseitelegen kann, investiert er in ETFs (Exchange Traded Funds), also jene Finanzprodukte, die Indizes wie den Dax nachbilden und wenig Gebühren kosten.

So hat er es geschafft, binnen der vergangenen fünf Jahre 100.000 Euro anzusparen. 10.000 Euro davon sind reine Kursgewinne. Mit 40 soll die Summe auf 400.000 Euro angewachsen sein. Dann hätte er, gemäß der Fire-Formel, rund 1400 Euro pro Monat zum Leben.

„Wenn es nicht mehr geht, arbeite ich halt wieder“

Nun muss man sehen, dass es in den vergangenen Jahren ziemlich gut lief an den Börsen. Ob das so bleibt, weiß kein Mensch. Und was ist mit Kindern, einer schweren Krankheit, einem Börsencrash? All das könnte das Konstrukt ins Wanken bringen. Noelting hat ein Totschlagargument: „Wenn es nicht mehr geht, arbeite ich halt wieder für ein paar Jahre.“ Sicher, aber ist es auch so leicht, mit 50 einen Job zu finden?

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Dass es funktionieren kann, zeigt Lars Hattwig. Der Berliner hat mit 44 Jahren seinen Job gekündigt. Davor hat er verzichtet. Als mit der Finanzkrise 2008 sein Erspartes über Nacht auf die Hälfte zusammenschrumpfte, lief die Heizung nur noch auf Sparflamme. „Alles hat seinen Preis, man muss wissen, was wichtig ist im Leben“, sagt er. Ganz untätig ist auch Hattwig nicht – im Gegenteil.

Mehr Geld bedeutet nicht unbedingt mehr Glück

Er schreibt seinen Blog und hält Vorträge darüber, wie man es in die finanzielle Unabhängigkeit schafft. Das bringt ihm zusätzliche Einnahmen. „Der Mensch braucht eine Aufgabe im Leben“, sagt Hattwig. Aber er habe eben die Freiheit, jederzeit die aktuelle Tätigkeit aufzugeben und eine Auszeit zu nehmen. „Ich muss keiner Arbeit nachgehen, die mir keinen Spaß macht.“

Wer Hattwig und Noelting trifft, merkt schnell, bei der Fire-Bewegung geht es nicht unbedingt um den nie endenden faulen Lenz jenseits der 40. Vielmehr geht es um die simple Erkenntnis, dass mehr Geld nicht unbedingt mehr Glück bedeutet. Noelting zitiert gerne Mr. Money Mustache. „Der hat gesagt: Du sparst dein Geld und hast dadurch ein viel besseres, erfüllteres Leben.“ Wer das überzeugend findet, der kann es schaffen: die Rente mit 40.

Für Menschen wie Noelting und Hattwig scheint das erstaunlich einfach. Für die meisten aber bleibt es wohl einfach erstaunlich.

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