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Hauerschicht

Unter Tage für alle

Essen.  Die „Hauerschicht” auf der Zeche Nachtigall bietet eine authentische Alternative zur klassischen Grubenfahrt.

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Wasser tropf auf die Helme. Was hier vor ein paar Wochen als Regen auf den Berg rieselte, sickert ununterbrochen ins Gebirge. „Das Wasser sucht sich seinen Weg“, sagt Börje Nolte. Der Diplompädagoge trägt selbst einen Helm, Arbeitshose, gestreifes Hemd und Zollstock in der Hosentasche. Er zeigt auf das dunkle Nichts vor ihm: dort hinein? „Wir haben doch Lampen.“ Im Lichtkegel der Helmlampen wagt sich die Gruppe den engen Gang entlang der Dunkelheit entgegen. Die größeren Teilnehmer müssen sich bücken. Nolte: „Der Bergmann schaf sich nur so viel Platz, wie er braucht.“ Das LWL-Industriemuseum Zeche Nachtigall in Witten versetzt die Besucher zurück in die Zeit, als man zum Kohlenabbau noch waagerechte Stollen in die Hänge trieb.

Bei der sogenannten Hauerschicht befahren die Besucher den Nachtigall- und Dünkelbergstollen, entdecken dabei echte Kohlenflöze und erfahren viel über den Abbau des „schwarzen Goldes“. Inmitten des Auslaufprozesses, in dem die beiden letzten fördernden Bergwerke Prosper-Haniel und Ibbenbüren der gestiegenen Nachfrage für Grubenfahrten nicht nachkommen können, bietet die Hauerschicht eine authentische Alternative, die Atmosphäre unter Tage zu erleben. 1892 stellte die Zeche Nachtigall die Förderung ein. 2007 und 2008 wurden verbrochene Grubenbaue aufgewältigt und wieder befahrbar gemacht.

„Wir stehen auf der Sohle, über uns ist die Firste, und an den Seiten haben wir die Stöße“, erklärt Nolte die Wörter für Boden, Decke und Seitenwände in der Bergmannsprache. Die sei eine der letzten deutschen Berufssprachen. Björn Döppners Opa war Steiger. Gern wäre der Essener in seine Fußstapfen getreten. Aufgrund der fehlenden Perspektive wurde er Tunnelbauer. Immerhin heiratete er seine Frau Jessica unter Tage – im Deutschen Bergbau-Museum Bochum. „Wenn ich früher gewusst hätte, dass man unter Tage heiraten kann, hätte er mich wahrscheinlich eher geheiratet“, sagt Jessica und lacht. Björn träumt trotzdem noch davon, mal den „hochmodernen Betrieb auf Prosper“ zu erleben.

Zeitung statt Toilettenpapier

Im dunklen Gang nimmt Nolte dem Ehepaar gleich jede Vorstellung von Bergbauromantik. Er bleibt vor einem Eimer stehen, einem Abortkübel. „Hier haben die Bergleute unter Tage ihre Notdurf verrichtet. Ein Eimer Kalk zum Ablöschen stand daneben, Waschbecken und Toilettenpapier gab es nicht.

Die Kumpels haben sich Zeitungen von zu Hause mitgebracht, dort ihr Butterbrot, ihre Knifte, eingewickelt und das Papier für später aufgehoben.“ Das war schon Luxus: Vor 1903 gruben sie einfach nur ein Loch. Zu dieser Zeit gab es in der Grube auch noch kein elektrisches Licht. Nolte macht deshalb erstmal zappenduster. „Alle Kopflampen ausschalten“, befehlt er. Eine alte Öllampe, die er bei sich trägt, demonstriert, wie wenig Licht ein Bergmann früher zur Verfügung hatte. Er reicht die alte Grubenlampe durch, zwei Meter entfernt wird es schon stockdunkel vor der eigenen Nase. „Doch die Kohle sieht man gut, das ‚schwarze Gold‘ glitzert und glänzt“, so Nolte.

Richtig laut wurde es zu späteren Zeiten mit dem Abbauhammer. Die Teilnehmer testen selbst: ansetzen und festhalten. Instinktiv halten sich die anderen die Ohren zu, während die Sohle weggespitzt wird. „Man führte den Abbauhammer im Liegen schräg über die Brust und verhaute die Kohle. An der Ladestelle wanderte sie dann über die Rutsche in den Förderwagen, und wenn der voll war, fuhr man den mit der Hand raus“, erklärt Nolte. Eine Präsentation informiert über Bergbau und Auslaufprozess. Der Blick in den ehemaligen Förderschacht Hercules verdeutlicht, welchen Herausforderungen man beim Übergang vom Stollen- zum Tiefbau gegen- überstand.

Zu den Höhepunkten gehört die 130 Jahre alte Fördermaschine, die 1986 vom Bergwerk Prosper-Haniel nach Witten transloziert wurde. Bei einem bergmännischen Imbiss – Bockwurst und Kartoffelsalat – und einem Grubenschnaps lässt die Gruppe das Erlebte Revue passieren. Harald Koch ist froh, dass er endlich mal unter Tage war. „Man war schon in New York, aber nicht einfach um die Ecke.“ Seit acht Jahren veranstalten die RAG Aktiengesellschaf und das LWL-Industriemuseum die Hauerschicht – mit wachsendem Zuspruch. „Wir bleiben auch nach 2018“, betont Nolte. „Hier haben wir die Chance, ein bisschen was zu retten, was man den Leuten zeigen kann. Irgendwann wird es schwierig, Zeitzeugen zu fnden.“

>>> Eckdaten

Die Hauerschicht – Grubenfahrt auf der Zeche Nachtigall – ist individuell buchbar für Gruppen bis zu einer Größe von maximal zwölf Personen. Telefonische Anmeldungen nehmen Börje Nolte unter (0211) 6887483 (montags bis freitags von 8 bis 17 Uhr) und das LWL-Industriemuseum Zeche Nachtigall unter (02302) 9366410 entgegen. Oder per E-Mail an Börje Nolte: info@boerje-nolte.de

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