Handwerk

Präsident des Berufsbildungsinstituts kritisiert Lehrer

Professor Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstitutes für Berufsbildung (BIBB), analysierte bei der Handwerkskammer Dortmund die aktuelle Situation auf dem Ausbildungsmarkt und diskutierte mit betroffenen Unternehmern. Foto:Ralf Rottmann/FUNKE Foto Services

Professor Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstitutes für Berufsbildung (BIBB), analysierte bei der Handwerkskammer Dortmund die aktuelle Situation auf dem Ausbildungsmarkt und diskutierte mit betroffenen Unternehmern. Foto:Ralf Rottmann/FUNKE Foto Services

Dortmund.   Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstitutes für Berufsbildung (BIBB), kritisiert, dass Lehrer „nicht mehr wissen, was Handwerk ist“.

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Für Handwerker wird es immer schwieriger, Azubis zu bekommen – obwohl die Konjunktur im Handwerk aktuell besonders gut ist und 2017 sogar zum ersten Mal seit 2011 wieder mehr Ausbildungsverträge abgeschlossen worden sind. Diese Entwicklungen standen jetzt im Mittelpunkt des Obermeistertages der Handwerkskammer in Dortmund.

Null Bewerbungen

Kammer-Präsident Berthold Schröder hatte dazu Vertreter von 133 Innungen und fünf Kreishandwerkerschaften eingeladen sowie Professor Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstitutes für Berufsbildung (BIBB). In einer Podiumsdiskussion diskutierten Beteiligte mögliche Auswege aus der Lage. „Aus meiner Erfahrung weiß ich, es war nie so schwierig wie heute, Auszubildende zu bekommen“, brachte Esser das Thema auf den Punkt. Die Gründe dafür seien vielfältig: Zum einen sei das Handwerk an sich als Arbeitgeber weniger gefragt, zum anderen sinke die Zahl der Schüler und damit die der Schulabgänger, die überhaupt als Azubis infrage kommen. Teils seien die Probleme aber auch hausgemacht.

Christian Sprenger, Geschäftsführer der Viet Stahl- und Metallbau GmbH in Dortmund, während der Podiumsdiskussion: „Früher haben wir 20 bis 30 Bewerbungen bekommen, heute vier bis fünf.“ Bäckermeister Detlef Kunkel dazu: „Ich habe für das kommende Ausbildungsjahr null Bewerbungen bekommen. Für das aktuelle Jahr gab es eine Bewerbung, ein Flüchtling. Den habe ich auch eingestellt.“

Die Betriebe stellen gerade mehr Ausbildungsplätze zur Verfügung – die Auftragslage ist historisch gut: „Die Handwerkskonjunktur geht durch die Decke, aber das Handwerk kommt mit den Aufträgen nicht hinterher – zu wenig Fachkräfte, zu wenig Auszubildende“, so Esser. Innerhalb der vergangenen zehn Jahre sei der Anteil der offenen Stellen im Handwerk von 3,9 Prozent auf zehn Prozent gestiegen. Und: Immer weniger Klein- und Kleinstbetriebe würden überhaupt ausbilden.

Esser hält fest: „Eltern raten eher zum Studium. Jugendliche drängen in großer Zahl an die Hochschulen, und seit 2013 gibt es mehr Studienanfänger als Auszubildende.“ Viele Vorteile, die für eine Karriere im Handwerk sprächen, würden von Schulabgängern und Eltern nicht mehr gesehen – wie zum Beispiel die Sicherheit des Arbeitsplatzes, die das Handwerk bieten könne. Auch in Schulen habe das Handwerk kaum Fürsprecher. Esser: „Die Lehrer wissen auch gar nicht mehr, was Handwerk ist.“ Bestimmte Berufe seien einfach kein Bildungsziel mehr an Schulen.

Digitale Wirklichkeit junger Leute

Auf der anderen Seite nahm Esser auch die Betriebe in die Verantwortung: „Das Handwerk muss sich attraktiv machen und auch attraktiv im Netz präsentieren, sonst darf es sich nicht wundern, dass der Nachwuchs fehlt. Die soziale Wirklichkeit junger Leute ist digital. Ohne gepflegte Homepage wird man nicht wahrgenommen.“

Viele Berufe haben laut Esser ein „Image-Problem“. Der Beruf sei die Visitenkarte eines Menschen, und viele Berufe gälten inzwischen als unattraktiv, oft allerdings zu Unrecht. Eine Ausbildung im Handwerk habe beispielsweise den Vorteil, schnell zu einer finanziellen Unabhängigkeit zu führen. Zudem sei im Handwerk die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gut. Esser riet den Anwesenden des Obermeistertages, die Stärken ihrer Zunft deutlicher zu machen.

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