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Neven Subotic: "Es macht mich glücklich, helfen zu können"

Neven Subotic zu Besuch in Äthiopien.

Neven Subotic zu Besuch in Äthiopien.

Dortmund.   Neven Subotic ist Fußballprofi aus Leidenschaft – aber sein Herz hängt mindestens genau so an seinem zweiten Beruf: seiner Stiftung.

Er ist Fußballprofi aus Leidenschaft - aber sein Herz hängt mindestens genau so an seinem zweiten Beruf: Neven Subotic, Innenverteidiger beim BVB, engagiert sich mit seiner Stiftung als Entwicklungshelfer. Der 28-Jährige verbringt die Sommerpause, die andere Spieler auf Luxusjachten oder an Traumstränden verleben, regelmäßig in den ärmsten Gegenden Afrikas, um die Brunnenbohrprojekte seiner Stiftung selbst zu begleiten. Diese Zeitung hat mit ihm über die Stiftungsarbeit in Zeiten von Niedrigzinsen und Rekordablösesummen gesprochen. Das Gespräch mit Neven Subotic führte Carsten Menzel.

WESTFALENPOST: Wann haben Sie die Stiftung gegründet und was hat den Ausschlag dazu gegeben?

Neven Subotic: Es gab nicht diesen einen Moment, sondern es war eine Entwicklung hin zur Gründung. Ich habe davor andere Projekte und Vereine unterstützt, was auch eine effektive Hilfe war. Als Profifußballer steht man dazu in der Pflicht. Über einen Freund, der selber Stifter ist, habe ich mich dann näher mit dem Thema beschäftigt. Ich habe zunächst gedacht, das machen nur Ultrareiche, aber das stimmt nicht. Ich habe schnell festgestellt, dass das genau das ist, was ich machen will.

Wofür genau setzt sich Ihre Stiftung ein?

Es geht darum, Kindern und Familien in den ärmsten Regionen der Welt zu helfen, ihre Lebensgrundlage zu sichern: Es geht um den Zugang zu sauberem Trinkwasser und Sanitäranlagen, insbesondere in ländlichen Regionen. Es gibt in Afrika urbane Entwicklungen, die toll sind. Da sind wir dann nicht, weil es dort schon einen Fortschritt gibt. Bei der Auswahl, wo wir Projekte starten, orientieren wir uns an Fakten und Studien, die aufzeigen, wo die Not am größten und der Einsatz der Stiftung am sinnvollsten ist.

Für uns in Deutschland, in Europa ist sauberes Wasser selbstverständlich – für viele Menschen in der Welt aber nicht. Sie müssen weite Wege zurücklegen, um überhaupt an Wasser zu kommen, das wir nicht einmal anrühren, geschweige denn trinken würden. Wenn Kinder zum Wasserholen geschickt werden, gehen Sie nicht zur Schule.

Die Versorgung mit Trinkwasser ebnet also auch den Zugang zu Bildung. Je häufiger und länger Kinder und Jugendliche zur Schule gehen, desto bessere Chancen bekommen sie, etwas aus ihrem Leben zu machen. Sanitäre Anlagen an Schulen haben den gleichen Effekt: Es geht um die räumliche Trennung von Toiletten für Jungen und Mädchen. Andernfalls gehen die Mädchen, aus einem Schamgefühl heraus, zu Fuß weite Wege nach Hause und versäumen den Unterricht.

Wie sieht die Stiftungsarbeit konkret aus?

Das Programm heißt „100 Prozent WASH“. WASH steht dabei für Wasser, Sanitäranlagen und Hygiene.

Es geht darum, Grundwasserbrunnen zu bohren, Leitungen an die Oberfläche zu legen, Pumpen zu installieren und die Menschen vor Ort im Umgang mit der Technik zu schulen. Dazu werden Sechser-Teams gebildet, die zur Hälfte mit Frauen besetzt sind. Diese Komitees übernehmen die Wartung der Anlagen, die wir bauen.

Wie viel Neven Subotic selbst steckt in der Stiftungsarbeit?

100 Prozent! Das ist etwas, das inzwischen ein großer Teil von mir ist.

Inwiefern spielt Ihre eigene Biografie – Ihre Familie ist vor dem Bürgerkrieg auf dem Balkan nach Deutschland geflohen – eine Rolle bei der Entscheidung, sich für andere, benachteiligte Menschen einzusetzen?

Ich habe immer wieder erlebt, wie wichtig es ist, wenn Menschen sich gegenseitig helfen und wie viel Freude das machen kann. Meine Familie ist 1990 im Schwarzwald von einer älteren Dame in ihrer Wohnung aufgenommen worden, sie hat ihre Zimmer für meine Mutter, meine Schwester und mich geräumt. So etwas vergisst man nicht. Wir haben heute noch Kontakt zueinander. Es gibt einfach Phasen im Leben, da braucht man Hilfe. Mich erfüllt es und macht es einfach glücklich, heute anderen helfen zu können.

Wie schwierig ist es heute, Unterstützer zu finden, und wer sind das dann: Unternehmen, Privatpersonen oder Initiativen?

Das ist ganz verschieden. Privatpersonen, vom Studenten bis zum Senioren, die fünf Euro Spenden, bis hin zu Menschen, die einen Großbetrag zustiften. Gelder kommen auch von Vereinen, die super kreativ sind und Aktionen auflegen, oder auch von anderen Stiftungen. Wir haben auch Partnerschaften mit Unternehmen, die uns technisch beim Brunnenbohren unterstützen.

Sie versprechen, dass Spenden zu 100 Prozent in die Projekte fließen. Wie finanziert sich dann die Verwaltungsarbeit der Stiftung?

Egal ob ein Euro oder 100 000 Euro – die Spenden gehen in die Projektarbeit und der Spender erfährt auch, wohin sein Geld geflossen ist. Profifußballer haben Gehaltsklassen wie kaum ein anderer. Ich bin sparsam und finanziere die Stiftungsarbeit von meinem Gehalt. Das wird auch langfristig so bleiben.

Sie haben es gerade angesprochen: Fußballprofis in den europäischen Topligen sind auch Topverdiener. Mats Hummels hat angekündigt, ein Prozent seines Gehalts an die Common-Goal-Initiative zu spenden. - Tun Fußballprofis genug, um benachteiligten Menschen zu helfen?

Da gibt es enorm viel Potenzial an Initiativen, denen sich Fußballer anschließen und neue Seiten des Lebens entdecken können. Ich wünsche mir, dass die Hilfsbereitschaft schnell zunimmt. Fußballprofis sind heute schon mit Anfang 20 Stars und haben einen hohen Bekanntheitsgrad und daher auch eine Vorbildfunktion.

Wie schwer ist es heute in einer multimedialen und durchdigitalisierten Welt Aufmerksamkeit für seine Stiftungsarbeit zu erlangen?

Das ist eine der größten Herausforderungen. Es ist enorm hilfreich, wenn Botschafter, Mitarbeiter oder ich bei Veranstaltungen auftreten und die Stiftung vorstellen können. Es zeigt sich: Wenn Menschen uns zuhören, macht es auch Klick und sie verstehen unsere Arbeit.

Die Wirtschaft in Deutschland boomt, aber klassische Anlageformen – Stichwort: Niedrigzinsen – erbringen praktisch keine Rendite mehr. Wie gehen Sie als Stiftung damit um, um Ihre Arbeit sichern zu können?

Für passive Stiftungen ist das eine große Herausforderung. Unser Prinzip ist die aktive Stiftungsarbeit: Gelder, die gespendet werden, fließen direkt in konkrete Projekte. Die Stiftung hat keine Not, was das Stiftungsvermögen angeht, das ist bewusst niedrig gehalten. Insofern treffen uns die Niedrigzinsen nicht so stark.

Die Ablösesummen auf dem Transfermarkt kennen aktuell offenbar kaum ein Limit: bei Neymar waren es 222 Millionen Euro, bei ihrem ehemaligen Mitspieler Dembele rund 140 Millionen. Mit einem Bruchteil dieser Beträge könnten zig Projekte verwirklichen. Macht Sie das traurig?

Ich versuche an Vorgänge und Sachen, die ich nicht ändern kann, keine Gedanken und keine Zeit zu verschwenden. Ein Tag hat 24 Stunden, und die möchte ich möglichst effektiv nutzen – auch und gerade für meine Stiftungsarbeit. Die Transfersummen zeigen einfach neue Dimensionen, weil der Fußball noch viel internationaler geworden ist.

Ihre Stiftung hat ihren Sitz in Dortmund, Ihrer aktuellen Heimat. Bliebe das auch so im Falle Ihres Wechsels zu einem anderen Klub?

Ja! Wir haben im Westfalenpark die Wasser-Rallye aufgebaut und das ist kein kurzfristiges Projekt.

Fußballprofis verdienen in den zwölf, 15 Jahren ihrer Karriere praktisch ihr Lebensarbeitsgehalt. Können Sie sich vorstellen, nach dem Fußball Ihre Stiftungsarbeit hauptberuflich fortzuführen?

Auf jeden Fall. Ich habe dann noch mehr Zeit. Ich bin schon jetzt in der Sommerpause vor Ort, etwa in Afrika.

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