VW-Tochter

Lamborghini-Chef: Tempolimit wäre kein Problem fürs Geschäft

Stefano Domenicali glaubt nicht, dass Lamorghini weniger Autos verkaufen würde, wenn es in Deutschland ein Tempolimit gäbe.

Stefano Domenicali glaubt nicht, dass Lamorghini weniger Autos verkaufen würde, wenn es in Deutschland ein Tempolimit gäbe.

Foto: Huebner/Ulrich / imago/Jan Huebner

Berlin  Der Chef der VW-Tochter Lamborghini, Stefano Domenicali, hat keine Angst vor einem Tempolimit: „Es geht nicht nur um Geschwindigkeit“.

Der Chef eines der bekanntesten Sportwagenhersteller der Welt kommt etwas zu spät zum Treffpunkt für das Gespräch im Osten Berlins. Schuld daran ist der dichte Verkehr in der Hauptstadt, gegen den auch kein noch so schnelles Auto hilft.

Seinen Lamborghini aber hat Stefano Domenicali zu Hause gelassen. Er fährt stattdessen mit einem ganz normalen Audi vor, der genau das ist, was Kunden der italienischen Sportwagenikone absolut nicht sein wollen: unauffällig.

Herr Domenicali, wer braucht eigentlich noch Autos mit über 500 PS, die schneller fahren als 300 Stundenkilometer?

Stefano Domenicali: Fakt ist: Lamborghini ist eine starke Marke. Wir wachsen enorm, und diese Tatsache bedeutet, dass es Nachfrage nach unserem Produkt gibt. Sie können mit einem Lamborghini natürlich schnell fahren, aber dann wird Sie niemand sehen.

Wenn Sie aber langsam damit fahren, wird jeder auf Sie schauen. Der Lamborghini ist übrigens ein Auto geworden, das jeden Tag benutzt werden kann. Die durchschnittliche Kilometerleistung der Autos ist in den vergangenen Jahren durchaus gestiegen.

Würden Sie weniger Autos verkaufen, wenn es in Deutschland ein Tempolimit auf der Autobahn gäbe?

Domenicali: Nein, das glaube ich nicht. Wir sind ja nicht nur in Deutschland präsent, aber Deutschland ist für uns heute der zweitgrößte Markt in Europa und der viertgrößte weltweit. Und in Zukunft werden wir hier noch viel stärker sein. Deshalb mache ich mir keine Sorgen.

Lamborghini-Supersportwagen haben einen doppelten Zweck: Klar geht es um die Leistung des Autos, keine Frage. Sie können diese Leistung nutzen, wenn dies erlaubt ist. Aber es geht auch darum, wie Sie von den anderen Menschen wahrgenommen werden möchten.

Sie sehen das viel gelassener als unsere Regierung. Die sagen, ein Tempolimit schadet der deutschen Automobilindustrie …

Domenicali: ... ich bin kein Politiker, und als Italiener werde ich ihnen auch nicht sagen, was sie zu tun haben. Bei unseren Produkten geht es aber sicher nicht nur um Geschwindigkeit.

Die andere Debatte in Deutschland geht über Emissionen und Fahrverbote. Ihre Autos haben große Motoren und stoßen besonders viele Schadstoffe aus. Was sagen Sie Kritikern?

Domenicali: Wir halten die Regeln in jedem Land der Welt ein, um das ganz klar zu sagen. Und lassen Sie uns den italienischen Markt betrachten: Der Autoverkehr verursacht dort nur sieben Prozent der CO2-Emissionen. Die anderen 93 Prozent stammen aus anderen Quellen.

Nur auf Autos zu zeigen ist falsch. Die Automobilindustrie hat bereits einen großen Schritt bei ihrer sozialen Verantwortung gemacht. Nur ein Beispiel: Unsere Produktion in Sant’Agata Bolognese ist CO2-neutral.

Wann kommt der erste Elektro-Lamborghini ohne Verbrennungsmotor?

Domenicali: Die vollständige Elektrifizierung wird bei Supersportwagen später erfolgen als bei anderen Fahrzeugen. Für uns sind Hybridantriebe der nächste Schritt. Das wird schon sehr bald kommen. Was wir dabei aber nicht vergessen dürfen, ist die emotionale Seite. Unsere Kunden lieben den Sound und das Erleben des Autos. Bei Elektroautos können wir dieses Erlebnis noch nicht bieten.

E-Autos fahren in Norwegen auf der Überholspur

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E-Autos fahren in Norwegen auf der Überholspur

Ein Lamborghini ohne Sound ist kein Lamborghini?

Domenicali: Das ist wie Radio hören ohne Stimme. Das ist schwierig.

Sie haben aber die Studie eines Elektro-Autos präsentiert. Wie kam der Wagen bei den Lambo-Fans an?

Domenicali: Das war eine gute Übung, um unseren Kunden zu zeigen, was unsere Vision für die Zukunft ist. Deshalb haben wir den Wagen „Terzo Millennio“ – „Drittes Jahrtausend“ – genannt. Dabei ging es uns aber nicht nur um die Elektrifizierung. Wir haben uns auf neue Technologien fokussiert wie zum Beispiel eine Karosserie aus Carbon, die gleichzeitig als Energiespeicher dient. Es ging um Herausforderungen, die in Zukunft auf uns zukommen.

Lamborghini gehört zum VW-Konzern. Findet sich Technik, die Sie entwickeln, eines Tages auch im Golf wieder?

Domenicali: Realistisch gesehen: Das glaube ich nicht. Was wir in den Konzern einbringen, sind Erfahrungen bei Produktionsprozessen, Stichwort Factory 4.0, und im Leichtbau.

Wie groß ist der Einfluss, der aus den Konzernzentralen von VW und Audi auf sie ausgeübt wird?

Domenicali: Natürlich sind wir ein Teil der Gruppe. Aber uns ist es wichtig, dass wir als Supersportwagenmarke eine Nischenmarke sind, die niemals Volumenmodelle bauen wird. Wir müssen sicherstellen, dass wir anders gesehen werden als andere Marken im Konzern.

Fest steht: Ohne VW wäre Lamborghini heute nicht mehr da. Wir müssen Audi und dem Volkswagen-Konzern dafür danken, dass sie Lamborghini 1998 übernommen haben. Das Unternehmen war damals in einer schwierigen Situation und steht heute blendend da.

Haben die Dieselaffäre bei Audi und der Fall des monatelang inhaftierten Ex-Vorstandschefs Rupert Stadler auch den Ruf Ihrer Marke beschädigt?

Domenicali: Nein, nicht wirklich. Ich verstehe, dass dies in Deutschland ein sehr großes Thema war. Aber wir sind eine internationale Marke. Und außerhalb Deutschlands war dies weniger relevant. Wir haben auch keinen Diesel und erzählen mit unseren Autos eine andere Geschichte.

Sie haben mit Erfolg einen SUV auf den Markt gebracht. Folgen weitere Modelle?

Domenicali: Es bleibt zunächst bei den drei Modellreihen. Ich glaube, dass die richtige Balance für unser weiteres weltweites Wachstum damit zusammenhängt, dass wir eine Supersportwagen-Marke bleiben und dass wir eine exklusive Marke bleiben. Wir konzentrieren uns daher auf die Produkte, die wir heute haben.

Die sich trotz der hohen Preise sehr gut verkaufen …

Domenicali: Wir haben in den vergangenen Jahren ein sehr erfreuliches Wachstum hingelegt. Der SUV hat uns in eine andere Dimension katapultiert und bringt uns Aufmerksamkeit auf neuen Märkten. 70 Prozent der Urus-Käufer hatten zuvor noch nie einen Lamborghini. Aber unsere Exklusivität muss erhalten bleiben: Die Nische in der Nische, das ist unsere Position.

Wie wichtig ist für Sie der deutsche Markt?

Domenicali: Deutschland ist für uns sehr wichtig. Seit 2013 sind wir hier um 360 Prozent gewachsen. Das ist unglaublich.

Wer bitteschön kauft ein Auto für über 200.000 Euro?

Domenicali: Der typische Kunde ist Unternehmer, dynamisch, eher jünger und erfolgreich im Leben und im Business.

In diesem Jahr wollen Sie 8000 Autos verkaufen. Wie sind Ihre langfristigen Ziele?

Domenicali: Zunächst wollen wir die Produktion auf diesem Niveau stabilisieren. Wir haben die Größe unseres Unternehmens gerade verdoppelt, in zwei Jahren über 700 neue Mitarbeiter eingestellt. Wir brauchen eine solide Basis, um weiter zu wachsen und um nach vorne zu schauen.

Wir haben neue Produkte, neue Technologien, neue Prozesse. Unsere Mitarbeiter sind hoch motiviert und im Durchschnitt unter 40 Jahre alt. Sobald wir bereit sind, das vierte Modell auf den Markt zu bringen, können wir uns auf 10.000 Autos pro Jahr steigern.

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