Zeitarbeit

Junge Zeitarbeiter haben deutlich häufiger Arbeitsunfälle

Auch auf dem Bau werden immer mehr Leiharbeiter eingesetzt.

Auch auf dem Bau werden immer mehr Leiharbeiter eingesetzt.

Foto: Patrick Pleul, dpa

Essen.   Exklusive Studie der Berufsgenossenschaft: Leiharbeiter verunglücken besonders bei Helfertätigkeiten im Lager und an Maschinen viel häufiger.

Junge Zeitarbeiter erleiden vor allem als Helfer in Lagern und Fabriken deutlich öfter Arbeitsunfälle als das Stammpersonal. Sie stürzen häufiger im Lager von der Leiter oder verletzen sich an den Maschinen, die sie in Fabriken bedienen. Das geht aus der ersten gezielten Studie der zuständigen Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (VBG) zum Unfallgeschehen in der Zeitarbeit hervor, die unserer Redaktion vorliegt.

Demnach ereigneten sich 77 Prozent der Arbeitsunfälle in der Zeitarbeit in der Produktion oder im Lager. In den gleichen Bereichen ereigneten sich über alle gewerblichen Berufsgenossenschaften, die in der Regel nur Stammpersonal versichern, dagegen nur 50 Prozent der Arbeitsunfälle.

Der Report gibt auch über Einsatzorte und Art der Zeitarbeit den bisher breitesten Überblick über die in Deutschland nicht unumstrittene Branche. Insgesamt knapp 1,9 Millionen Zeitarbeiter waren im Jahr 2017 bei der versichert. Sie erlitten 76.000 Arbeitsunfälle und 13.600 Wegeunfälle, von denen insgesamt 26 tödlich endeten.

Vor allem Unfälle im Betrieb unterlaufen dem ausgeliehenen Personal deutlich häufiger: Obwohl Zeitarbeiter nur 18 Prozent der VBG-Versicherten ausmachen, widerfuhren ihnen 42 Prozent der meldepflichtigen Arbeitsunfälle.

Auch wenn die Branche betont, verstärkt Fachkräfte zu vermitteln, dominieren die einfachen Helfertätigkeiten zusehends. Mehr als jeder zweite Leiharbeiter hilft als angelernte Kraft aus. Dieser Anteil stieg von seinem bereits hohen Niveau zuletzt weiter an – binnen fünf Jahren von 50,9 auf 55 Prozent.

Leiharbeiter üben mehrheitlich einfache Tätigkeiten aus

Offenkundig lassen Arbeitgeber dieser Branchen einfache Tätigkeiten besonders oft von Leiharbeitern erledigen, die Lagerwirtschaft ist die größte Entleih-Branche. Die neuen Kollegen sind häufig ungelernt oder kommen aus anderen Branchen, werden mehr oder weniger gründlich angelernt und zügig an die Maschine, ans Band oder ins Lager geschickt.

„Helfer, also junge, angelernte, männliche Zeitarbeitnehmer haben ein höheres Unfallrisiko“, sagt Carsten Zölck, VBG-Präventionsexperte für die Zeitarbeit. Die gesetzliche Unfallversicherung reagiere darauf mit einer Kampagne, die sich direkt an diese Zielgruppe wende. „Ganz typische Unfälle sind: Jemand stürzt von einer Leiter oder verletzt sich an der Hand“, sagt Zölcke, aber: „Solche Arbeitsunfälle lassen sich vermeiden.“

Ein Problem ist aus Branchensicht allerdings, dass bei der Sicherheits-Einweisung nicht jedes Wort verstanden wird, weil mit der Zuwanderungswelle seit 2015 viele Flüchtlinge hinzu gekommen sind. Es komme in der Zeitarbeit „vergleichsweise öfter zu Arbeitsunfällen, da in dieser Branche überproportional viele Geringqualifizierte und Nicht-Muttersprachler beschäftigt sind“, sagte Sebastian Lazay dieser Redaktion, Präsident des Bundesarbeitgeberverbands der Personaldienstleister (BAP).

Jeder dritte Zeitarbeiter sei Ausländer und mehr als jede vierte habe keinen Berufsabschluss – jeweils deutlich mehr auf dem Gesamtarbeitsmarkt. „Häufige Sprachbarrieren erschweren eine Sicherheitsunterweisung oder erforderen die Unterstützung von Dolmetschern“, sagt Lazay. Die Branche stehe vor der großen Herausforderung, die Arbeitsschutz- und Sicherheitsanweisungen so zu kommunizieren, dass auch Geringqualifizierte und Mitarbeiter mit eingeschränkten Sprachkenntnissen diese verstehen.

Insgesamt gibt es seit Jahren weniger Arbeitsunfälle

Durch Prävention lasse sich die Zahl der Unfälle deutlich verringern, betont die Berufsgenossenschaft, das hätten die vergangenen Jahre gezeigt. Im Zehn-Jahres-Rückblick gab es in Relation zur Versichertenzahl auch in der Zeitarbeit etwa ein Drittel weniger Arbeitsunfälle. Die Ausgaben für Entschädigungen, Rehaleistungen und Renten an Zeitarbeiter stiegen trotzdem deutlich an – seit 2008 um rund 48 Prozent auf 157 Millionen Euro.

Erstens, weil die Branche boomt und deutlich mehr Beschäftigte versichert sind. Zweitens wegen der gestiegenen Löhne, die vor allem durch die Einführung des Mindestlohns und von Gewerkschaften ausgehandelte Branchenzuschläge etwa in der Metallindustrie teils sprunghaft gestiegen sind.

Ob ein Unfall glimpflich endet oder im Krankenhaus und später gar zu einer Erwerbsminderungs-Rente führt, hängt auch stark vom Alter ab. So erleiden junge Menschen (bis 34 Jahre) überdurchschnittlich viele Unfälle, verletzen sich dabei aber selten schwer. Mit zunehmendem Alter ist es umgekehrt: Über 45-Jährige haben selten einen Unfall, dann aber oft mit heftigen Folgen bis hin zur Berufsunfähigkeit.

Die schweren Unfälle interessieren die Berufsgenossenschaft besonders, weil sie die meisten Kosten verursachen. Rund 32 Millionen Euro gab die VBG zuletzt pro Jahr für Krankenhausaufenthalte von Zeitarbeitern aus Auch hier liegt der Fokus klar in der Produktion und der Logistik. So führen etwa Abstürze oder Stolperunfälle von Zeitarbeitern weit überdurchschnittlich zu schweren Verletzungen, für die letztlich Unfallrenten zu zahlen sind.

Ein weiterer Schwerpunkt sind Unfälle, bei denen der Beschäftigte die Kontrolle über sein Arbeitsgerät, etwa die Maschine, den Gabelstapler oder das Werkzeug verliert. Verletzt werden mit Abstand am häufigsten die Hände, gefolgt von den Füßen sowie Armen und Schultern.

Verband setzt auf Prämien für wenige Unfälle

Die großen Zeitarbeitsverbände versicherten auf Anfrage dieser Redaktion gegenzusteuern. Der Interessenverband deutscher Zeitarbeitsunternehmen (IGZ) betonte, er sehe wegen der höheren Unfallgefahr bei Helfertätigkeiten in der Produktion eine „besondere Verantwortung für den Arbeitsschutz in der Zeitarbeit“, so IGZ-Vorstand Martin Gehrke. Der Verband setze auf Prämienmodelle, die Arbeitsschutzmaßnahmen wie die Ausgabe von Gehörschutz und Schutzbrillen prämieren. Zudem sollten Zeitarbeitsfirmen, deren Beschäftigte besonders selten Arbeitsunfälle erleiden, mit sinkenden Beiträgen zur Unfallversicherung belohnt werden.

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