Wirtschafts- und Finanzplatz

Hagener Unternehmer sieht Lage in Hongkong pessimistisch

Die Lage in der ehemals sicheren und offene Metropole Hongkong wird immer explosiver.

Die Lage in der ehemals sicheren und offene Metropole Hongkong wird immer explosiver.

Foto: TYRONE SIU / Reuters

Hagen/Hongkong. .  Der Hagener Markus Weber importiert seit vielen Jahren Waren über Hongkong nach Deutschland. Momentan wagt er sich nicht in die Metropole.

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Seit über 20 Jahren pflegt das Hagener Handelsunternehmen Optinova enge Beziehungen nach Hongkong. Über Partnerbüro werden in China gefertigte Waren nach Deutschland importiert. „Überwiegend Haushaltswaren“, sagt Markus Weber. Klingt harmlos. Und dennoch wirkt sich der eskalierende Konflikt zwischen der chinesischen Regierung und der Bevölkerung in der Sonderverwaltungszone im Süden Chinas bereits auf die Geschäfte aus.

Keine Messer mehr nach Hongkong

„Chinesische Lieferanten schicken beispielsweise keine Messer mehr nach Hongkong. Ebenso wenig schwarzen Stoff, aus dem Taschen und Bekleidung hergestellt werden“, sagt Weber. Der Geschäftsmann hat selbst ein halbes Jahr lang in Hongkong gelebt, war zuletzt vor vier Wochen dort und steht ständig in Kontakt mit seinen Partnern, die ihren Geschäften spätestens seit der vergangenen Woche nur noch eingeschränkt nachgehen könnten. Die Logistik sie gestört, UPS oder FedEx könnten nicht mehr verlässlich verkehren. Vergangenen Mittwoch blieb das Handelsbüro geschlossen. Zu gefährlich für die Mitarbeiter. Tags darauf war um 16 Uhr Feierabend. „Die Leute sollen im Hellen nach Hause kommen“, so Weber. Bei seinem Besuch vor vier Wochen geriet er selbst in eine der Demonstrationen, von denen im Westen die Nachrichtensender mittlerweile bald täglich Bilder zeigen: „Plötzlich stehen sie Menschen gegenüber, die Gasmasken aufgesetzt haben. Wasserwerfer fahren durch die Straßen. Ich Moment würde ich auf keinen Fall nach Hongkong fahren.“ Weber verfolgt die Entwicklung, sah mit eigenen Augen, dass in der ehemaligen britischen Kronkolonie, die 1997 an China zurückgegeben wurde, „sich 40 Prozent der Bevölkerung gegen den wachsenden Einfluss Chinas wehren und entschlossen für ihre Freiheit kämpfen.“ Solche Proteste in einem asiatischen (!) zeigten aus Sicht des Unternehmers, wie viel auf dem Spiel stehen müsse.

FernUni-Professor Wagner sieht China in Zwickmühle

Mehr als man gemeinhin vermutet. Der Ökonom Professor Dr. Helmut Wagner lehrt an der Fernuniversität Hagen. Ein Schwerpunkt: China. Seine Einschätzung: „China ist total überrascht.“ Und zwar vom massiven Widerstand gegen die Einflussnahme aus Peking. Die Regierung der Volksrepublik sei in der jüngeren Vergangenheit wieder autoritärer geworden und befinde sich seiner Einschätzung nach in einer Zwickmühle. Eine gewaltsame Niederschlagung der Proteste birgt erhebliche Risiken. Nicht nur in der Außenwirkung. „Hongkong ist immer noch der bedeutsamste Finanzmarkt Chinas.“ Shanghai sei zwar im Aufschwung, aber noch sehr weit weg von der Bedeutung für internationale Märkte. 10, vielleicht 20 Jahre bräuchte es, um Shanghai als Finanzplatz ähnlich zu entwickeln. Und auch nur, bei entsprechenden Freiheiten. „Die meisten weltweiten Transaktionen Chinas werden nach wie vor über Hongkong abgewickelt“, erklärt China-Experte Wagner. Deutsche oder US-amerikanische Investoren würden eher auf die Finanzplätze Singapur oder Tokio ausweichen als nach Shanghai. Schon wegen dieser Bedeutung können Peking es sich jetzt, in einer Phase schwächeren Wachstums mit der Gefahr die in der Bevölkerung für 2020 propagierten Ziele zu verfehlen eigentlich nicht leisten, den Widerstand niederknüppeln zu lassen.

Die seit Wochen angespannet Lage, verbunden mit Unsicherheiten, wie sich Hongkong entwickeln werde, habe nach Markus Webers Wahrnehmung bereits zu einer Rückwärtsbewegung der Wirtschaft geführt. „Hongkong kann nur verlieren“, schätzt der Hagener Unternehmer die Lage pessimistisch ein. Die Südwestfälische Industrie- und Handelskammer habe indes noch keine Signale empfangen, dass Geschäftsbeziehungen nachweisbar litten. Allerdings seien die meisten produzierenden Unternehmen weniger in Hongkong als in Chinas Metropolen wie dem nahe gelegenen Shenzhen (Zulieferer) oder der Metropole Shanghai (Elektronik). Städte, die auch aus Webers Sicht für eine heutige Neugründung aus westlicher Sicht vermutlich eher in Frage kämen als Hongkong, die „ehemals sehr offene Stadt“ (Weber), in der zur Stunde beinahe bürgerkriegsähnliche Zustände herrschen.

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