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Warum viele Deutsche weiter am liebsten mit Bargeld bezahlen

Karte oder Bargeld: Für die meisten Deutschen ist die Entscheidung beim Einkaufen klar.

Foto: Volker Speckenwirth

Karte oder Bargeld: Für die meisten Deutschen ist die Entscheidung beim Einkaufen klar. Foto: Volker Speckenwirth

An Rhein und Ruhr.   Bar oder Karte? Die Frage stellt sich für viele Deutsche nicht, sie lieben weiter Münzen und Scheine – trotz Apps und kontaktlosem Bezahlen.

Gestern Mittag in einem Essener Supermarkt: Vor den Kassen bilden sich zwei längere Schlangen, es geht aber einigermaßen schnell voran, auch weil die Mehrzahl der Kunden nur ein paar Teile für den Pausensnack aufs Band gelegt hat. Wer an der Kasse steht, kramt meist im Portemonnaie nach dem passenden Betrag oder drückt der Kassiererin einen Schein in die Hand – kaum jemand zückt die Geldkarte.

Solch eine Szene könnte sich wohl zu jeder Zeit, in jedem beliebigen Supermarkt in Deutschland abspielen. Zwar gewinnt vor allem die EC-Karte beim Bezahlen an Boden, aber die Deutschen lieben noch immer ihr Bargeld. Drei Viertel aller Einkäufe wurden laut einer Studie der Bundesbank im vergangenen Jahr an der Ladenkasse mit Münzen oder Scheinen bezahlt.

Von Kreditkarten und kontaklosem Bezahlen hält der Großteil der Bevölkerung nur wenig, das Bezahlen per Smartphone ist so gut wie gar nicht verbreitet. Mit ihrem Hang zum Bargeld liegen die Deutschen im Euro-Raum zwar im Durchschnitt, allerdings ist nach Angaben der Europäischen Zentralbank etwa in den Niederlanden, in Estland oder in Finnland deutlich weniger Cash im Umlauf – in den skandinavischen Ländern ist das Zahlen ohne Bargeld für viele Menschen sowieso längst Alltag.

Bargeld wird weiter eine Rolle spielen

Warum sind die Deutschen so zurückhaltend bei dem Thema? „Das ist auch eine Mentalitätsfrage“, sagt der Wirtschaftsinformatiker Tobias Kollmann von der Universität Duisburg-Essen. „Wir trennen uns nur ungern von liebgewonnenen Traditionen und lassen uns nicht so schnell für Innovationen begeistern.“ Der Wissenschaftler, der sich in seiner Forschung intensiv mit der digitalen Wirtschaft beschäftigt, ist selbst kein Freund von Bargeld. „Ich sehe den Nutzen darin nicht.“

Er geht davon aus, dass in Zukunft die bargeldlosen Bezahlformen immer stärker nachgefragt werden, weil die jüngeren Generationen damit vertrauter sind. Das bestätigen die Zahlen der Bundesbank: Während bei den über 65-Jährigen noch 58 Prozent der Ausgaben über Münzen und Scheine abgewickelt werden, sind es bei den 35- bis 44-Jährigen noch 38 Prozent. Trotzdem meint Kollmann: „Das Bargeld wird weiter eine Rolle spielen.“

Bedenken um den Datenschutz

Diesen Satz würden Datenschützer sofort unterschreiben. So sieht zum Beispiel Helga Block, die Landesbeauftragte für Datenschutz, das ständige Bezahlen mit Karte oder Smartphone kritisch. „Jede bargeldlose Bezahlung hinterlässt elektronische Spuren, die registriert und gespeichert werden“, sagt Block.

Je mehr Zahlungsbewegungen erfolgen, desto einfacher sei es, von einem Menschen ein Profil mit allen Vorlieben und Interessen zu erstellen. „Aus dem Wissen über die Zeit und den Ort einer Zahlung können außerdem genaue Bewegungsprofile entstehen“, betont Block. Solche Daten seien nicht nur für Unternehmen nützlich, auch staatliche Stellen hätten ein hohes Interesse daran, auf die Daten der Bürger zuzugreifen.

Persönliche Philosophie

Wilhelm Bommann, Geschäftsführer des Einzelhandelsverband Niederrhein, glaubt, dass viele Menschen diese Datenschutz- und Sicherheitsbedenken teilen und deshalb auch weiterhin stark aufs Bargeld setzen werden.

Wie tief die Verbundenheit bei vielen selbst mit dem Münzgeld ist, zeigte ein Beispiel aus Kleve: In der Schwanenstadt wurde vor knapp zwei Jahren unter großer nationaler und internationaler Aufmerksamkeit der Versuch gestartet, im Einzelhandel auf die Ein- und Zwei-Cent-Münzen zu verzichten und die Beträge zu runden. Das Projekt ist mittlerweile so gut wie eingeschlafen. „Das hat nicht funktioniert“, sagt Bommann. „Man kann die Rechnung nicht ohne den Verbraucher machen.“

So sieht es auch Volker Schleede, Sprecher der Sparkasse Essen: „Für uns ist es wichtig, dass wir den Kunden beim Bezahlen die Angebote machen, mit denen sie sich sicher fühlen.“ Bargeld oder Karte – das sei am Ende eine Frage der persönlichen Philosophie.

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