Agrarpolitik

Die Verlierer der Agrarspekulationen

Der Chef der Welternährungsorganisation, Jose Graziano da Silva.

Der Chef der Welternährungsorganisation, Jose Graziano da Silva.

Foto: Giorgio Cosulich/getty

Berlin.   Der Generaldirektor der Welternährungsorganisation, José Graziano da Silva, fordert, den Agrarspekulationen der Finanzbranche Einhalt zu gebieten: "Ich bin für eine stärkere Regulierung, insbesondere des Derivatemarktes, der die Preise für Agrarrohstoffe extrem beeinflusst."

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José Graziano da Silva will den Hunger von der Welt verbannen. Der 63-jährige Generaldirektor der Welternährungsorganisation (FAO) hat in seiner Heimat Brasilien bereits bewiesen, dass Programme zur Ernährungssicherheit durchaus Erfolg haben können. Wolfgang Mulke sprach in Berlin mit José Graziano da Silva.

Herr Graziano, Sie sind seit einem Jahr Chef der FAO. Haben Sie schon etwas erreichen können?

José Graziano da Silva: Nach einem Jahr kann man sagen, dass es nun eine feste Übereinkunft unter den FAO-Mitgliedsländern gibt, den Hunger in der Welt zu beenden. Lange Zeit gab es eine Diskussion über das Ziel. 1966 einigten sich die Staaten auf eine Halbierung der Zahl der hungernden Menschen. Fidel Castro griff diese Formulierung an und sagte: Was sagen wir der anderen Hälfte? Daraus habe ich damals für meine Kampagnen etwas gelernt. Eine Halbierung der Zahl mobilisiert niemanden. Wir müssen den Hunger ganz ausrotten. Daraus entstand das „Zero Hunger Program“ für Brasilien, das sehr erfolgreich war. Bislang haben schon 22 Länder Programme zur Sicherung ihrer Ernährung aufgelegt.

Bedroht nicht der Landkauf durch internationale Spekulanten und Finanzinvestoren den Erfolg?

Protest Graziano da Silva: Das Landgrabbing ist kein neues Phänomen. Das begann bereits in den 70er Jahren. Damals kauften große Unternehmen auf der ganzen Welt Flächen auf, zum Beispiel Volkswagen in der Amazonas-Region. Die Herausforderung besteht heute darin, die Investitionen in die Landwirtschaft produktiver und nachhaltiger zu machen. Sie müssen der lokalen Bevölkerung einen Gewinn bringen. Die FAO sieht Raum für große und für kleine Farmen. Wichtig ist allein, dass in die Landwirtschaft investiert wird. Dafür brauchen wir ein gutes Umfeld. Doch momentan haben wir spekulative, schwankende Preise. Das sind keine guten Bedingungen für Investitionen.

Es ist also doch notwendig, die Finanzmärkte zu regulieren?

Graziano da Silva: Ich bin für eine stärkere Regulierung, insbesondere des Derivatemarktes, der die Preise für Agrarrohstoffe extrem beeinflusst. Hedgefonds spielen hier eine wichtige Rolle. Wenn die Preise steigen, drücken sie, wenn es keine eindeutige Regulierung gibt, das Niveau weiter nach oben. Fallen sie, schieben sie sie noch weiter nach unten. Das hilft niemanden und führt zu Inflation. Dabei verliert jeder. Am besten wäre eine Selbstregulierung der Finanzbranche gegen die Spekulation im Agrarsektor.

Verhindern nicht die europäischen Exportsubventionen die Entwicklung einer kleinteiligen Landwirtschaft in den armen Ländern?

Graziano da Silva: Die EU will die Subventionspraxis umstellen und Produzenten statt Produkten helfen. Das unterstützen wir. Subventionen für Agrarmärkte können wir nicht akzeptieren. Die Förderung kleiner Landwirtschaftsbetriebe, die oft unter schwierigen Bedingungen arbeiten, schon. Ein viel größeres Problem für den Aufbau der Landwirtschaft in unterentwickelten Ländern ist der Zugang zu den Märkten in den reichen Staaten. Wir brauchen offene Märkte ohne Zollbarrieren und Handelshemmnisse.

Reichen Land und Wasser auf der Welt überhaupt aus, um neun Milliarden Menschen zu ernähren, die bald auf der Erde leben werden?

Graziano da Silva: Wir produzieren momentan genug für sieben Milliarden Menschen. Aber es gibt eine gewaltige Verschwendung. Ein Drittel der Erzeugnisse geht verloren oder wird weggeworfen. Das sind 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel im Jahr. Man kann eine einfache Rechnung aufmachen. Mit den heute genutzten Technologien ließen sich rund zehn Milliarden Menschen ernähren. Wir setzen aber nur höchstens 20 Prozent dieser Technologien ein, zum Beispiel besseres Saatgut oder pfluglose Anbaumethoden. Wenn wir auf alle Möglichkeiten zurückgreifen, können wir bis zu 13 Milliarden Menschen ernähren.

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