Musikshow

The Voice of Germany, DSDS und der Fluch der Liveshows

Die Liveshows von "The Voice of Germany" mit den Coaches Samu Haber (v.li.), Stefanie Kloß, Smudo, Michi Beck und Rea Garvey haben mit großen Verlusten bei der Zuschauerquote zu kämpfen.

Die Liveshows von "The Voice of Germany" mit den Coaches Samu Haber (v.li.), Stefanie Kloß, Smudo, Michi Beck und Rea Garvey haben mit großen Verlusten bei der Zuschauerquote zu kämpfen.

Foto: ProSieben/Sat.1

Essen.  Die Musikshow "The Voice of Germany" erlebte in der zweiten Liveshow einen drastischen Zuschauerschwund. Das lag nicht nur an Schwächen im Konzept und der Durchführung, sondern auch an einer veränderten Erwartungshaltung des TV-Publikums. Immer mehr Zuschauer ziehen die perfekte Dramaturgie aus dem Schneideraum der Realität vor.

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Die zweite Liveshow von „The Voice of Germany“ kam für Sat.1 einem Erdrutsch gleich. Die Musikshow verlor im Vergleich zur Vorwoche eine Million Zuschauer und sackte mit 2,43 Millionen Zuschauer auf ein Allzeit-Tief. Naturgemäß verliert die Castingsshow nach dem starken Auftakt durch das beliebte Element der „Blind Auditions“ an Schwung und Zuschauer. Einen solchen Absturz dürften aber auch die Macher von „The Voice of Germany“ nicht erwartet haben. Umso dringender gilt es nun, Ursachenforschung zu betreiben. Schließlich stehen mit dem Halbfinale am kommenden Freitag und dem Finale eine Woche später noch zwei große Liveshows auf dem Programm.

In der Kürze an dem Konzept zu schrauben, dürfte schwierig werden. Die Gründe für den Rückgang des Zuschauer-Interesses sind vielfältig und liegen auch in einer Veränderung des Fernsehkonsums. War die Liveshow noch vor einigen Jahren das „Nonplusultra“ bei den Protagonisten als auch den Fernzuschauern, so haben zusammengeschnittene Folgen durch ihre perfekt durchgeplante Dramaturgie einen viel höheren Stellenwert erlangt.

Die Schwächen von "The Voice of Germany"

Werfen wir zuerst einen Blick auf die Schwächen der ersten zwei Liveshows von „The Voice of Germany“:

1. Die ersten beiden Ausgaben von „The Voice of Germany“ ziehen sich wie Kaugummi. Das liegt nicht nur an den zahlreichen und übermäßig langen Unterbrechungen für Werbung und Programmhinweisen (bis zu 13 Minuten). Viele Gespräche von Co-Moderatorin Doris Golpashin in der Kandidaten-Lounge sind schlicht nichtssagend und dementsprechend überflüssig. Die Vorstellung von Nachrichten auf Twitter ziehen den Teil fernab der Musik unnötig in die Länge und wirken wie eine Bremse für die Dynamik eines Live-Events. Auch die Coaches nutzen die Chance und stimmen minutenlange Lobes-Hymnen auf ihre Talente an.

2. Hier kommen wir direkt zu dem zweiten Schwachpunkt: Die Lobes-Hymnen sind bei weitem nicht immer berechtigt und fallen teils zu überschwänglich aus. Das liegt daran, dass den Coaches die Kandidaten im Laufe der Staffel ans Herz gewachsen sind. Sicher möchte man sich von Formaten wie „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS) und der Niedermach-Tradition durch die Jury abheben. Aber ein wenig konstruktive Kritik wäre gerade auf der Zielgeraden mehr als angebracht. Schließlich genießen die Coaches Samu Haber, Rea Garvey, Smudo, Michi Beck und Stefanie Kloß durch ihre bisherige Karriere eine hohe musikalische Reputation und Glaubwürdigkeit.

3. Ob es an der Nervosität durch die Live-Atmosphäre vor einem Millionen-Publikum liegt? Fakt ist, dass die Leistungen einiger Kandidaten im Vergleich zu den vorherigen Auftritten bei „The Voice of Germany“ in den ersten beiden Liveshows stark nachgelassen haben. Die „Wow“-Momente am Fernsehbildschirm haben sich bisher in Grenzen gehalten. Und ein Überflieger wie Andreas Kümmert in der dritten TVoG-Staffel ist nicht in Sicht – allein für die wenigen Minuten Gesang des späteren Siegers hat sich oft das Warten während der Liveshow gelohnt.

4. Ein Problem der ersten beiden Liveshows war die Ton-Abmischung. Was sich vielleicht im Studio sehr gut anhörte, kam bei den Zuschauern am Fernsehbildschirm ganz anders an. Dabei übertönte zu oft die brillante Band den Gesang der Sängerinnen und Sänger.

5. Etwas mehr Zurückhaltung und eine größere Distanz zu den Talenten würden Moderator Thore Schölermann gut tun. Der ehemalige Soap-Darsteller wirkt auf der Bühne, als ob er „bester Kumpel“ und „liebevoller Onkel“ gleichzeitig bei den Kandidaten sein wolle. Dazu noch etwas mehr Konzentration und der Verzicht auf witzlose Kalauer würden schon Wunder wirken. Denn das Potenzial zum idealen Moderator von „The Voice of Germany“ ist Schölermann gar nicht abzusprechen.

Verbesserungen am Konzept von "The Voice of Germany"

Dabei haben die Macher von „The Voice of Germany“ bereits kleinere Reparaturen am Konzept vorgenommen. In der ersten Liveshow hatte etwa die Einblendung des Zwischenstandes aus dem Zuschauer-Voting nach dem ersten Solo-Song und vor dem Clash für viel Wirbel gesorgt. Dort lag Charley Ann Schmutzler mit 84 Prozent der Stimmen weit vor Stephanie Kurpisch, die von diesem Ergebnis ziemlich angeknockt wirkte.

Trotzdem wird die Zuschauerquote der zweiten Liveshow aus der Enttäuschung der „The Voice of Germany“-Fans nach der ersten Liveshow resultieren. Diese zurückzugewinnen, dürfte sehr schwierig werden.

Letztlich kämpfen Castingshows mit einem Phänomen in der Fernsehlandschaft: Die Lust der Zuschauer auf ein von der ersten bis zur letzten Minute unterhaltsamen Format. Das kann eine Liveshow heutzutage kaum noch leisten. Im Gegensatz zu den Castings, die von der Regie bis ins kleinste Detail durchkomponiert und zusammengeschnitten werden können. Nehmen wir einen Auftritt aus einer Blind Audition. Hier sehen die Coaches nicht, wer auf der Bühne steht, sondern müssen sich einzig auf die Stimme konzentrieren.

Emotionen und Dramatik werden bei "Blind Auditions" ins Wohnzimmer transportiert

Die ersten Töne erklingen, schon wechselt die Kamera auf die Gesichter der Coaches und lassen die Zuschauer an jeder Emotion teilhaben. Da es eine Aufzeichnung ist, kann die Regie stets aus der am besten passenden Mimik und Gestik von Samu Haber, Stefanie Kloß, Rea Garvey, Smudo und Michi Beck auswählen. Da fliegt die Hand eines Coaches dem Buzzer entgegen, um kurz vorher abzustoppen. Dramatik pur aus Sicht des Fernsehzuschauers. Die Bild-Auswahl in einer Liveshow gleicht dagegen einem Glücksspiel, um Emotionen zu transportieren.

Dazu wird die elektrisierende Atmosphäre mit harten Schnitten ins Publikum und zu den mitfiebernden Angehörigen sowie plötzlichem, orkanartigen Jubel ins Wohnzimmer transportiert. Schließlich haben alle vier Coaches auf den Buzzer gedrückt und Talente, Jury als auch das Publikum im Saal sind längst ausgeflippt. So wird in wenigen Minuten eine Dichte von Emotionen und Spannung erzeugt, die „The Voice of Germany“ zu den am besten Inszenierten Show-Formaten im Deutschen Fernsehen gemacht hat.

Zuschauer ziehen perfekte Dramaturgie aus dem Schneideraum der Realität vor

The Voice of Germany Da ist es kein Wunder, dass die Liveshows die Erwartungen der Zuschauer an den Unterhaltungs-Wert von „The Voice of Germany“ nie und nimmer erfüllen können. Dabei haben die Verantwortlichen die Zahl der Liveshows im Vergleich zur ersten Staffel bereits von sieben auf vier Ausgaben reduziert. RTL hat bei der neuen Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS) für 2015 angekündigt, dass es die Liveshow-Phase bis auf ein großes Finale komplett gestrichen wird.

Was bleibt ist die Erkenntnis, dass immer mehr Fernsehzuschauer die perfekte Dramaturgie aus dem Schneideraum der Realität vorziehen. Das funktioniert allerdings nur so lange, wie das Show-Format eine hohe Glaubwürdigkeit besitzt. Das gewährleistet bei „The Voice of Germany“ die Jury mit ihrer großen musikalischen Reputation. Und weil das Format bisher von größeren Skandalen und gehässigen Plaudereien von Ex-Kandidaten verschont geblieben ist.

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