Serie Nachhaltigkeit

Wie es sich anfühlt, eine Woche ohne Auto zu leben

Bin eben kurz die Welt retten: Der Test

Reporter Daniel Berg eine Woche ohne Auto.

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Hagen.  Das Auto ist ein treuer Wegbegleiter. Aber was passiert, wenn man eine Woche darauf verzichten muss? Reporter Daniel Berg macht den Selbsttest.

Die Sache beginnt mit 200 Puls. Etwa. Schließlich fährt der Bus, den ich nie nehme, 20 Minuten früher als mein Auto, das ich immer nehme, um die Kinder in den Kindergarten und in die Schule zu bringen. Morgens ist auch nicht so unsere Zeit. Spät dran, wie immer. 7.43 Uhr. In einer Minute fährt der Bus. Im Laufschritt aus dem Haus. Das erste Mal durchgeschwitzt, aber den Bus erreicht.

So beginnt im Rahmen unserer Nachhaltigkeitsserie „Bin eben kurz die Welt retten“ an einem Montag der Test, den ich fürchte: eine Woche lang kein Auto zu benutzen. Nicht im Job, nicht privat, nie. Bahn, Bus und ein E-Bike dienen mir als Fortbewegungsmittel. Letzteres muss ich abholen. Und da fangen die Probleme schon an.

Verflixt, Bus verpasst

15 Minuten bräuchte ich mit dem Auto zum Zweirad-Händler in Hagen-Haspe, der uns das Gerät leiht. 45 Minuten dauert‘s mit dem Bus. Zumindest wenn alles glatt läuft beim Umsteigen. Der erste Bus hat fünf Minuten Verspätung, der zweite Bus ist deswegen schon weg. Der nächste fährt in einer halben Stunde. 75 Minuten bin ich am Ende unterwegs. Wieder 200 Puls. Vor Wut.

Doch der Tag ist ja noch nicht rum. Termin in Siegen am Nachmittag. Reisezeit mit dem Auto: eine Stunde. Reisezeit mit Bahn und E-Bike: fast doppelt so lang.

Tageskarte für mich (29,50 Euro) und fürs Fahrrad (5,50 Euro) gekauft. Fahrrad in den Zug gewuchtet (schwer, diese E-Bikes). Probleme auf der Rückfahrt: Denn das Abteil, in dem Fahrräder erlaubt sind, ist gut gefüllt.

Nur ein Wort: Carbon

Auf der einen Seite sitzen Menschen auf den umklappbaren Plätzen, auf der anderen Seite steht bereits ein Fahrrad. Anlehnen, denke ich, dann hinsetzen. Schaue mich um, um mit dem Halter Einvernehmen herzustellen. Da sitzt er, ein Mann mittleren Alters, aber offenkundig jung geblieben. Drahtig, langes Haar, das von einer verspiegelten Sonnenbrille gehalten wird. Er schüttelt den Kopf. „Carbon“ sagt er. Nur das, nichts anderes. Carbon. Muss die internationale Abkürzung sein für: Rühr‘ es nicht an, du Depp! Was macht man mit einem Fahrrad, das man nicht ausreichend sichern kann, in einem recht vollen Zug? Klar: festhalten. Im Stehen. Die ganze Zeit. „Bist du nicht ein bisschen jung für ein E-Bike“, fragt mich der Carbon-Typ noch. 200 Puls. Der Einstieg in die autofreie Woche hätte besser geraten können.

Aber es gibt sie ja doch: die schönen Seiten dieses Daseins. Schließlich entledigt man sich eines rußigen, röhrenden Rituals, das man ja kaum noch infrage stellt. Motor an, na klar, und dann schön drei Kilometer zur Arbeit fahren. Parkplatz suchen. Hin und her manövrieren. So viel Technik, Schmutz, Kraft für so ein bisschen Weg. Geiselhaft der Bequemlichkeit, selbst gewählt, immer wieder.

Dabei ist es ganz wunderbar, mit dem Fahrrad zu fahren und sich vom Zündschlüssel zu emanzipieren. Diese Woche gewährt viel von frühmorgendlichem Sonnenschein und Vogelgezwitscher. Der Fahrtwind im Gesicht erinnert entfernt an das Gefühl, wieder zehn zu sein und auf dem Weg zum Bolzplatz. Ich bin schneller und frischer am Ziel als sonst. Weltrettertum, ich mag dich.

Was ein bisschen stört, ist, dass ich aussehe, als wollte ich nicht nur die Welt retten, sondern sie auch heute noch umrunden. Ich packe den Rucksack für den ganzen Tag: Laptop, Ladekabel, Block, Fahrradschloss, Proviant für den Tag. Weil ich nach Feierabend noch zum Sport will, kommen Wechselklamotten, Badelatschen und ein Handtuch hinzu. Organisation ist nicht unwichtig bei dieser Art des Reisens. Die Sportschuhe binde ich außen am Rucksack fest. Der spannt wie ein Oberhemd von Reiner Calmund­. Pack-Esel auf Drahtesel.

Die Berge hochfliegen

Aber der Tag hält eine neue Erkenntnis bereit: Man könnte mit Bus, Bahn und Bike auch Zeit sparen. Fast jedenfalls. Mit der Bahn komme ich eine Viertelstunde schneller nach Arnsberg als mit dem Auto. Zurück auch. Doch die gewonnene Zeit ist wieder dahin, als der Termin um kurz nach 12 Uhr endet – und der Zug gerade weg ist. Dreiviertelstunde warten. Nullsummenspiel.

Immerhin: Für mein Fahrrad findet sich ein Plätzchen. Festgezurrt, hingesetzt, entspannt angekommen.

Ich will ehrlich sein: Menschen meines Alters, die regelmäßig Sport treiben, sollten kein E-Bike haben. Sie sollten herkömmlich Fahrrad fahren. Heißt: Ich mag die Dinger eigentlich nicht besonders. Doch für alle anderen, für jene also, die aus welchen Gründen auch immer nicht viel Sport treiben können oder wollen, ist es eine gute Gelegenheit, Spaß am Fahrradfahren zu entwickeln, weil sie die garstigen Anstiege nicht mehr fürchten müssen. Und von denen gibt es in Südwestfalen nun wirklich genug.

Und – ich gebe es zu – es bereitet dann schon Spaß im dritten von vier zuschaltbaren Gängen den Berg nach Hause hochzuradeln. 25 km/h sind da gar kein Problem. Damit wäre ich „Alpe d’Huez“-fähig. Ich flog an einem Jungspund und einem Rennradfahrer vorbei und schwitzte nicht einmal. Ihre Verachtung für mich war offenkundig.

Gefahren – mit dem Auto

Aber die Möglichkeiten mit dem Fahrrad sind trotz aller Anstrengungen manchmal doch endlich. Am Wochenende mussten die Kinder zu Geburtstagen. Sonntag, 14.30 Uhr die Kleine dorthin, Sonntag, 15 Uhr der Große ans andere Ende der Stadt. Meine Frau fuhr die beiden. Mit dem Auto.

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