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Corona: Mehr Tests – mehr Fälle? Das sind die Zahlen in NRW

Wie genau ist der Corona-Test und wo liegen seine Grenzen?

PCR-Tests spielen bei der Corona-Bekämpfung eine große Rolle. Wie genau sind diese Tests? Wo gibt es Schwächen? Essener Virologe gibt Antworten.

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Essen.  Kritiker der Coronaregeln begründen den Anstieg der Infektionszahlen gern mit den gestiegenen Testkapazitäten. Ein Blick auf die Zahlen in NRW.

  • Sind gestiegene Testkapazitäten dafür verantwortlich, dass mehr Coronavirus-Infektionen festgestellt werden? Laut Robert-Koch-Institut trifft das zwar in Teilen zu. Tatsächlich breite sich das Virus aber weiter aus: Haupt-Ursache seien vor allem kleinere Ausbrüche im privaten Umfeld.
  • Zahlen der Landeszentrale Gesundheit zeigen, dass auch NRW seine Testkapazitäten von April bis Oktober um 45 Prozent steigern konnte.
  • Gleichzeitig erhöhe sich aktuell in NRW der prozentuale Anteil der Positivtests. Allein mit erhöhten Testkapazitäten ist dieser Anstieg nicht zu erklären.
  • Auch das Landesgesundheitsministerium führt 55 Prozent aller gemeldeten Neuinfektionen auf das private Umfeld zurück.

Corona-Kritiker oder gar -Leugner ziehen das Argument seit dem Ausbruch der Pandemie immer wieder heran: Dass die Zahl der Covid-19-Fälle steige, liege allein daran, dass mehr getestet werde. Im Lagebericht des Robert-Koch-Instituts aus der vergangenen Woche heißt es zwar, dass die Zahl der Corona-Tests bundesweit tatsächlich gestiegen ist. Ursache dafür sind vor allem die neu eingerichteten Testzentren für Urlauber.

Zwar könnten mehr Tests „zu einem Anstieg der Fallzahlen führen, da zuvor unentdeckte Infizierte (auch ohne oder mit nur sehr milden Symptomen) erkannt werden“, heißt es in einem Statement des Robert-Koch-Instituts. Das bedeute aber nicht, dass umgekehrt die steigenden Fallzahlen nur mit dem vermehrten Testaufkommen zu erklären wären.

NRW steigerte Testkapazitäten von Anfang April bis Oktober um rund 45 Prozent

Eine ähnliche Tendenz hat auch das NRW-Gesundheitsministerium. Wie eine Auswertung der Landeszentrale Gesundheit zeigt, hat auch Nordrhein-Westfalen die Testkapazitäten enorm ausgebaut in den vergangenen Monaten: Wurden Anfang April noch rund 257.000 Menschen auf das Coronavirus getestet, so waren es in der ersten Oktoberwoche bereits 565.550 Tests. Aber: „Die Infektionszahlen lassen sich landesweit nicht einfach mit der Anzahl der Tests in Zusammenhang setzen, da die Auswertung häufig in anderen Bundesländern stattfindet“, so ein Sprecher des Gesundheitsministeriums.

So ließen sich manche NRW-Bürger in anderen Bundesländern testen und umgekehrt. Die im Gesundheitsministerium angesiedelte Fachabteilung prüfe derzeit, wie sich ein genauerer Zusammenhang zwischen der gesamten Testanzahl und den positiv getesteten NRW-Bürgern herstellen lasse.

Die Tendenz zeige aber schon jetzt, dass zuletzt die Anzahl der Positiv-Tests in NRW gestiegen sei. Dieser prozentuale Anteil ist es, der den Gesundheitsämtern wachsende Sorge bereitet: Denn nur wenn dieser Anteil gleich bleiben würde, ließe sich der Anstieg tatsächlich mit dem erhöhten Testaufkommen in Verbindung bringen. Dies ist aber derzeit nicht der Fall, die Zahl der Positiv-Tests steigt, das bestätigt auch das RKI.

Die 35. Kalenderwoche (ab 27. August) könnte ein Indiz sein, dass mehr Tests nicht automatisch mehr Fallzahlen bedeuten: Verstärkt durch die Reiserückkehrer, wurden in dieser Woche mit 343.581 Tests so viele Rachenabstriche genommen wie nie zuvor. Das Infektionsgeschehen aber galt zu diesem Zeitpunkt noch als überschaubar. Übrigens auch in den benachbarten Bundesländern NRWs, deren Bürger sich beispielsweise am Düsseldorfer Flughafen testen ließen.

NRW sieht Ansteckungen im privaten Umfeld als Haupttreiber der Pandemie

Auffällig laut landesweitem Lagebild der Gesundheitsämter für den Zeitraum vom 24. bis zum 30. September ist: Der Anteil der Reiserückkehrer an den Neuinfizierten ist in den vergangenen Wochen drastisch gesunken. Den Schätzungen zufolge liege er nur noch bei sieben Prozent aller rückverfolgbaren Fälle, teilte ein Sprecher des Düsseldorfer Gesundheitsministeriums mit. Nach den Sommerferien im August war die Quote noch mit etwa 25 Prozent beziffert worden.

Rund 55 Prozent aller gemeldeten Neuinfektionen mit bekanntem Hintergrund seien „der privaten Lebenswelt“ zuzurechnen, berichtete das Ministerium: „35 Prozent privater Haushalt, 8 Prozent aushäusige private Veranstaltung (Geburtstag, Hochzeit), 4 Prozent Freizeit (zum Beispiel Verein) und 7 Prozent Sonstiges.“

Steigende Infektionszahlen führten mit Beginn der Herbstferien zu Run auf Testzentren

Diese Einschätzung teilt auch das Robert-Koch-Institut: Haupt-Ursache seien aber vor allem kleinere Ausbrüche im privaten Umfeld. Es sieht für die steigenden Fallzahlen vor allem viele kleine Ausbrüche verantwortlich – etwa nach Familienfeiern wie Hochzeiten. Das hatte zuletzt die Stadt Hamm leidvoll erfahren, wo sich eine Großhochzeit zum Superspreading-Event entwickelte. Vor allem die großen Städte im Ruhrgebiet erleben gerade eine zweite Corona-Welle: In Dortmund wurde am Mittwoch mit 77 Neuinfektionen der höchste Tageswert seit Beginn der Pandemie gemessen.

Die steigenden Infektionszahlen hatten mit Beginn der Herbstferien zu einem Ansturm auf die Testzentren geführt: Viele Bundesländer verlangen von Einreisenden aus Risikogebieten ein negatives Testergebnis, das teilweise nicht älter als 48 Stunden sein darf. (mit dpa)

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